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"Mit nichten", versetzte Philine. "Ihr sollt Euch keineswegs beklagen." Sie nahm ihren Kranz vom haupt und setzte ihn Laertes auf.
"Wären wir Nebenbuhler", sagte dieser, "so würden wir sehr heftig streiten können, welchen von beiden du am meisten begünstigst."
"Da wärt ihr rechte Toren", versetzte sie, indem sie sich zu ihm hinüberbog und ihm den Mund zum Kuss reichte, sich aber sogleich umwendete, ihren Arm um Wilhelmen schlang und einen lebhaften Kuss auf seine Lippen drückte. "Welcher schmeckt am besten?" fragte sie neckisch.
"Wunderlich!" rief Laertes. "Es scheint, als wenn so etwas niemals nach Wermut schmecken könne."
"So wenig", sagte Philine, "als irgendeine Gabe, die jemand ohne Neid und Eigensinn geniesst. Nun hätte ich", rief sie aus, "noch Lust, eine Stunde zu tanzen, und dann müssen wir wohl wieder nach unsern Springern sehen."
Man ging nach dem haus und fand Musik daselbst. Philine, die eine gute Tänzerin war, belebte ihre beiden Gesellschafter. Wilhelm war nicht ungeschickt, allein es fehlte ihm an einer künstlichen Übung. Seine beiden Freunde nahmen sich vor, ihn zu unterrichten.
Man verspätete sich. Die Seiltänzer hatten ihre Künste schon zu produzieren angefangen. Auf dem platz hatten sich viele Zuschauer eingefunden, doch war unsern Freunden, als sie ausstiegen, ein Getümmel merkwürdig, das eine grosse Anzahl Menschen nach dem Tore des Gastofes, in welchem Wilhelm eingekehrt war, hingezogen hatte. Wilhelm sprang hinüber, um zu sehen, was es sei, und mit Entsetzen erblickte er, als er sich durchs Volk drängte, den Herrn der Seiltänzergesellschaft, der das interessante Kind bei den Haaren aus dem haus zu schleppen bemüht war und mit einem Peitschenstiel unbarmherzig auf den kleinen Körper losschlug.
Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu und fasste ihn bei der Brust. "Lass das Kind los!" schrie er wie ein Rasender, "oder einer von uns bleibt hier auf der Stelle!" Er fasste zugleich den Kerl mit einer Gewalt, die nur der Zorn geben kann, bei der Kehle, dass dieser zu ersticken glaubte, das Kind losliess und sich gegen den Angreifenden zu verteidigen suchte. Einige Leute, die mit dem kind Mitleiden fühlten, aber Streit anzufangen nicht gewagt hatten, fielen dem Seiltänzer sogleich in die arme, entwaffneten ihn und drohten ihm mit vielen Schimpfreden. Dieser, der sich jetzt nur auf die Waffen seines Mundes reduziert sah, fing grässlich zu drohen und zu fluchen an: die faule, unnütze Kreatur wolle ihre Schuldigkeit nicht tun; sie verweigere den Eiertanz zu tanzen, den er dem Publiko versprochen habe; er wolle sie totschlagen, und es solle ihn niemand daran hindern. Er suchte sich loszumachen, um das Kind, das sich unter der Menge verkrochen hatte, aufzusuchen. Wilhelm hielt ihn zurück und rief: "Du sollst nicht eher dieses geschöpf weder sehen noch berühren, bis du vor Gericht Rechenschaft gibst, wo du es gestohlen hast; ich werde dich aufs Äusserste treiben, du sollst mir nicht entgehen." Diese Rede, welche Wilhelm in der Hitze, ohne Gedanken und Absicht, aus einem dunklen Gefühl oder, wenn man will, aus Inspiration ausgesprochen hatte, brachte den wütenden Menschen auf einmal zur Ruhe. Er rief: "Was hab' ich mit der unnützen Kreatur zu schaffen! Zahlen Sie mir, was mich ihre Kleider kosten, und Sie mögen sie behalten; wir wollen diesen Abend noch einig werden." Er eilte darauf, die unterbrochene Vorstellung fortzusetzen und die Unruhe des Publikums durch einige bedeutende Kunststücke zu befriedigen.
Wilhelm suchte nunmehr, da es stille geworden war, nach dem kind, das sich aber nirgends fand. Einige wollten es auf dem Boden, andere auf den Dächern der benachbarten Häuser gesehen haben. Nachdem man es allerorten gesucht hatte, musste man sich beruhigen und abwarten, ob es nicht von selber wieder herbeikommen wolle.
Indes war Narziss nach haus gekommen, welchen Wilhelm über die Schicksale und die Herkunft des Kindes befragte. Dieser wusste nichts davon, denn er war nicht lange bei der Gesellschaft, erzählte dagegen mit grosser Leichtigkeit und vielem Leichtsinne seine eigenen Schicksale. Als ihm Wilhelm zu dem grossen Beifall Glück wünschte, dessen er sich zu erfreuen hatte, äusserte er sich sehr gleichgültig darüber. "Wir sind gewohnt", sagte er, "dass man über uns lacht und unsre Künste bewundert; aber wir werden durch den ausserordentlichen Beifall um nichts gebessert. Der Entrepreneur zahlt uns und mag sehen, wie er zurechte kommt." Er beurlaubte sich darauf und wollte sich eilig entfernen.
Auf die Frage, wo er so schnell hinwolle, lächelte der junge Mensch und gestand, dass seine Figur und Talente ihm einen solidern Beifall zugezogen, als der des grossen Publikums sei. Er habe von einigen Frauenzimmern Botschaft erhalten, die sehr eifrig verlangten, ihn näher kennen zu lernen, und er fürchte, mit den Besuchen, die er abzulegen habe, vor Mitternacht kaum fertig zu werden. Er fuhr fort, mit der grössten Aufrichtigkeit seine Abenteuer zu erzählen, und hätte die Namen, Strassen und Häuser angezeigt, wenn nicht Wilhelm eine solche Indiskretion abgelehnt und ihn höflich entlassen hätte.
Laertes hatte indessen Landrinetten unterhalten und versicherte, sie sei vollkommen würdig, ein Weib zu sein und zu bleiben.
Nun ging die Unterhandlung mit