1795_Goethe_028_32.txt

das Papier an.

"Wenn Sie einen Schüler", versetzte dieser, "in die Lehre nehmen wollen, so bin ich wohl zufrieden, mit Ihnen einige Gänge zu wagen." Sie fochten zusammen, und obgleich der Fremde dem Ankömmling weit überlegen war, so war er doch höflich genug, zu versichern, dass alles nur auf Übung ankomme; und wirklich hatte Wilhelm auch gezeigt, dass er früher von einem guten und gründlichen deutschen Fechtmeister unterrichtet worden war.

Ihre Unterhaltung ward durch das Getöse unterbrochen, mit welchem die bunte Gesellschaft aus dem wirtshaus auszog, um die Stadt von ihrem Schauspiel zu benachrichtigen und auf ihre Künste begierig zu machen. Einem Tambour folgte der Entrepreneur zu Pferde, hinter ihm eine Tänzerin auf einem ähnlichen Gerippe, die ein Kind vor sich hielt, das mit Bändern und Flintern wohl herausgeputzt war. Darauf kam die übrige truppe zu Fuss, wovon einige auf ihren Schultern Kinder in abenteuerlichen Stellungen leicht und bequem dahertrugen, unter denen die junge, schwarzköpfige, düstere Gestalt Wilhelms Aufmerksamkeit aufs neue erregte.

Pagliasso lief unter der andringenden Menge drollig hin und her und teilte mit sehr begreiflichen Spässen, indem er bald ein Mädchen küsste, bald einen Knaben pritschte, seine Zettel aus und erweckte unter dem volk eine unüberwindliche Begierde, ihn näher kennenzulernen.

In den gedruckten Anzeigen waren die mannigfaltigen Künste der Gesellschaft, besonders eines Monsieur Narziss und der Demoiselle Landrinette, herausgestrichen, welche beide als Hauptpersonen die Klugheit gehabt hatten, sich von dem zug zu entalten, sich dadurch ein vornehmeres Ansehn zu geben und grössere Neugier zu erwecken.

Während des Zuges hatte sich auch die schöne Nachbarin wieder am Fenster sehen lassen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, sich bei seinem Gesellschafter nach ihr zu erkundigen. Dieser, den wir einstweilen Laertes nennen wollen, erbot sich, Wilhelm zu ihr hinüber zu begleiten. "Ich und das Frauenzimmer", sagte er lächelnd, "sind ein paar Trümmer einer Schauspielergesellschaft, die vor kurzem hier scheiterte. Die Anmut des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier zu bleiben und unsre wenige gesammelte Barschaft in Ruhe zu verzehren, indes ein Freund ausgezogen ist, ein Unterkommen für sich und uns zu suchen."

Laertes begleitete sogleich seinen neuen Bekannten

zu Philinens tür, wo er ihn einen Augenblick stehen liess, um in einem benachbarten Laden Zuckerwerk zu holen. "Sie werden mir es gewiss danken", sagte er, indem er zurückkam, "dass ich Ihnen diese artige Bekanntschaft verschaffe."

Das Frauenzimmer kam ihnen auf einem Paar

leichten Pantöffelchen mit hohen Absätzen aus der stube entgegengetreten. Sie hatte eine schwarze Mantille über ein weisses Negligé geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein häusliches und bequemes Ansehen gab; ihr kurzes Röckchen liess die niedlichsten Füsse von der Welt sehen.

"Sein Sie mir willkommen!" rief sie Wilhelmen zu,

"und nehmen Sie meinen Dank für die schönen Blumen." Sie führte ihn mit der einen Hand ins Zimmer, indem sie mit der andern den Strauss an die Brust drückte. Als sie sich niedergesetzt hatten und in gleichgültigen Gesprächen begriffen waren, denen sie eine reizende Wendung zu geben wusste, schüttete ihr Laertes gebrannte Mandeln in den Schoss, von denen sie sogleich zu naschen anfing. "sehen Sie, welch ein Kind dieser junge Mensch ist!" rief sie aus; "er wird Sie überreden wollen, dass ich eine grosse Freundin von solchen Näschereien sei, und er ist's, der nicht leben kann, ohne irgend etwas Leckeres zu geniessen."

"Lassen Sie uns nur gestehn", versetzte Laertes, "dass wir hierin wie in mehrerem einander gern Gesellschaft leisten. Zum Beispiel", sagte er, "es ist heute ein sehr schöner Tag; ich dächte, wir führen spazieren und nähmen unser Mittagsmahl auf der Mühle." – "Recht gern", sagte Philine, "wir müssen unserm neuen Bekannten eine kleine Veränderung machen." Laertes sprang fort, denn er ging niemals, und Wilhelm wollte einen Augenblick nach haus, um seine Haare, die von der Reise noch verworren aussahen, in Ordnung bringen zu lassen. "Das können Sie hier!" sagte sie, rief ihren kleinen Diener, nötigte Wilhelmen auf die artigste Weise, seinen Rock auszuziehen, ihren Pudermantel anzulegen und sich in ihrer Gegenwart frisieren zu lassen. "Man muss ja keine Zeit versäumen", sagte sie; "man weiss nicht, wie lange man beisammen bleibt."

Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als ungeschickt, benahm sich nicht zum besten, raufte Wilhelmen und schien so bald nicht fertig werden zu wollen. Philine verwies ihm einigemal seine Unart, stiess ihn endlich ungeduldig hinweg und jagte ihn zur Tür hinaus. Nun übernahm sie selbst die Bemühung und kräuselte die Haare unsres Freundes mit grosser Leichtigkeit und Zierlichkeit, ob sie gleich auch nicht zu eilen schien und bald dieses, bald jenes an ihrer Arbeit auszusetzen hatte, indem sie nicht vermeiden konnte, mit ihren Knien die seinigen zu berühren und Strauss und Busen so nahe an seine Lippen zu bringen, dass er mehr als einmal in Versuchung gesetzt ward, einen Kuss darauf zu drücken.

Als Wilhelm mit einem kleinen Pudermesser seine Stirn gereinigt hatte, sagte sie zu ihm: "Stecken Sie es ein, und gedenken Sie meiner dabei." Es war ein artiges Messer; der Griff von eingelegtem Stahl zeigte die freundlichen Worte: "Gedenkt mein!" Wilhelm steckte es zu