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, in welchem ich das Gastrecht wider meinen Willen so schrecklich verletzt habe. Die Indiskretion Ihres Bruders ist unverzeihlich, sie treibt mein Unglück auf den höchsten Grad, sie macht mich verzweifeln."

"Und wenn nun", versetzte Lotario, indem er ihn bei der Hand nahm, "Ihre Verbindung mit meiner Schwester die geheime Bedingung wäre, unter welcher sich Terese entschlossen hat, mir ihre Hand zu geben? Eine solche Entschädigung hat Ihnen das edle Mädchen zugedacht; sie schwur, dass dieses doppelte Paar an einem Tage zum Altare gehen sollte. 'Sein Verstand hat mich gewählt', sagte sie, 'sein Herz fordert Natalien, und mein Verstand wird seinem Herzen zu hülfe kommen.' Wir wurden einig, Natalien und Sie zu beobachten, wir machten den Abbé zu unserm Vertrauten, dem wir versprechen mussten, keinen Schritt zu dieser Verbindung zu tun, sondern alles seinen gang gehen zu lassen. Wir haben es getan. Die natur hat gewirkt, und der tolle Bruder hat nur die reife Frucht abgeschüttelt. Lassen Sie uns, da wir einmal so wunderbar zusammengekommen, nicht ein gemeines Leben führen; lassen Sie uns zusammen auf eine würdige Weise tätig sein! Unglaublich ist es, was ein gebildeter Mensch für sich und andere tun kann, wenn er, ohne herrschen zu wollen, das Gemüt hat, Vormund von vielen zu sein, sie leitet, dasjenige zur rechten Zeit zu tun, was sie doch alle gerne tun möchten, und sie zu ihren Zwecken führt, die sie meist recht gut im Auge haben und nur die Wege dazu verfehlen. Lassen Sie uns hierauf einen Bund schliessen! Es ist keine Schwärmerei, es ist eine idee, die recht gut ausführbar ist, und die öfters, nur nicht immer mit klarem Bewusstsein, von guten Menschen ausgeführt wird. Meine Schwester Natalie ist hiervon ein lebhaftes Beispiel. Unerreichbar wird immer die Handlungsweise bleiben, welche die natur dieser schönen Seele vorgeschrieben hat. Ja sie verdient diesen Ehrennamen vor vielen andern, mehr, wenn ich sagen darf, als unsre edle Tante selbst, die zu der Zeit, als unser guter Arzt jenes Manuskript so rubrizierte, die schönste natur war, die wir in unserm Kreise kannten. Indes hat Natalie sich entwickelt, und die Menschheit freut sich einer solchen Erscheinung."

Er wollte weiterreden, aber Friedrich sprang mit grossem Geschrei herein. "Welch einen Kranz verdien' ich?" rief er aus, "und wie werdet ihr mich belohnen? Myrten, Lorbeer, Efeu, Eichenlaub, das frischeste, das ihr finden könnt, windet zusammen; so viel Verdienste habt ihr in mir zu krönen. Natalie ist dein! Ich bin der Zauberer, der diesen Schatz gehoben hat."

"Er schwärmt", sagte Wilhelm, "und ich gehe."

"Hast du Auftrag?" sagte der Baron, indem er Wilhelmen festielt.

"Aus eigner Macht und Gewalt", versetzte Friedrich, "auch von Gottes Gnaden, wenn ihr wollt; so war ich Freiersmann, so bin ich jetzt Gesandter, ich habe an der tür gehorcht, sie hat sich ganz dem Abbé entdeckt."

"Unverschämter!" sagte Lotario, "wer heisst dich horchen."

"Wer heisst sie sich einschliessen!" versetzte Friedrich; "ich hörte alles ganz genau, Natalie war sehr bewegt. In der Nacht, da das Kind so krank schien und halb auf ihrem Schosse ruhte, als du trostlos vor ihr sassest und die geliebte Bürde mit ihr teiltest, tat sie das Gelübde, wenn das Kind stürbe, dir ihre Liebe zu bekennen, und dir selbst die Hand anzubieten; jetzt, da das Kind lebt, warum soll sie ihre Gesinnung verändern? Was man einmal so verspricht, hält man unter jeder Bedingung. Nun wird der Pfaffe kommen und wunder denken, was er für Neuigkeiten bringt."

Der Abbé trat ins Zimmer. "Wir wissen alles", rief Friedrich ihm entgegen, "macht es kurz, denn Ihr kommt bloss um der Formalität willen, zu weiter nichts werden die Herren verlangt."

"Er hat gehorcht", sagte der Baron. – "Wie ungezogen!" rief der Abbé.

"Nun geschwind!" versetzte Friedrich, "wie sieht's mit den Zeremonien aus? Die lassen sich an den Fingern herzählen, Ihr müsst reisen, die Einladung des Marchese kommt Euch herrlich zustatten. Seid Ihr nur einmal über die Alpen, so findet sich zu haus alles, die Menschen wissen's Euch Dank, wenn Ihr etwas Wunderliches unternehmt, Ihr verschafft ihnen eine Unterhaltung, die sie nicht zu bezahlen brauchen. Es ist eben, als wenn Ihr eine Freiredoute gäbt; es können alle Stände daran teilnehmen."

"Ihr habt Euch freilich mit solchen Volksfesten schon sehr ums Publikum verdient gemacht", versetzte der Abbé, "und ich komme, so scheint es, heute nicht mehr zum Wort."

"Ist nicht alles, wie ich's sage", versetzte Friedrich, "so belehrt uns eines Bessern! kommt herüber, kommt herüber! wir müssen sie sehen und uns freuen."

Lotario umarmte seinen Freund und führte ihn zu der Schwester, sie kam mit Teresen ihm entgegen, alles schwieg.

"Nicht gezaudert!" rief Friedrich. "In zwei Tagen könnt ihr reisefertig sein. Wie meint Ihr, Freund", fuhr er fort, indem er sich zu Wilhelmen wendete, "als