– Lebe wohl, Geliebte! Lebe wohl! Für diesmal schliess' ich; die Augen sind mir zwei-, dreimal zugefallen; es ist schon tief in der Nacht."
Siebzehntes Kapitel
Der Tag wollte nicht endigen, als Wilhelm, seinen Brief schön gefaltet in der tasche, sich zu Marianen hinsehnte; auch war es kaum düster geworden, als er sich wider seine Gewohnheit nach ihrer wohnung hinschlich. Sein Plan war, sich auf die Nacht anzumelden, seine Geliebte auf kurze Zeit wieder zu verlassen, ihr, eh' er wegging, den Brief in die Hand zu drücken und bei seiner Rückkehr in tiefer Nacht ihre Antwort, ihre Einwilligung zu erhalten oder durch die Macht seiner Liebkosungen zu erzwingen. Er flog in ihre arme und konnte sich an ihrem Busen kaum wieder fassen. Die Lebhaftigkeit seiner Empfindungen verbarg ihm anfangs, dass sie nicht wie sonst mit Herzlichkeit antwortete; doch konnte sie einen ängstlichen Zustand nicht lange verbergen; sie schützte eine Krankheit, eine Unpässlichkeit vor; sie beklagte sich über Kopfweh, sie wollte sich auf den Vorschlag, dass er heute nacht wiederkommen wolle, nicht einlassen. Er ahnte nichts Böses, drang nicht weiter in sie, fühlte aber, dass es nicht die Stunde sei, ihr seinen Brief zu übergeben. Er behielt ihn bei sich, und da verschiedene ihrer Bewegungen und Reden ihn auf eine höfliche Weise wegzugehen nötigten, ergriff er im Taumel seiner ungenügsamen Liebe eines ihrer Halstücher, steckte es in die tasche und verliess wider Willen ihre Lippen und ihre tür. Er schlich nach haus, konnte aber auch da nicht lange bleiben, kleidete sich um und suchte wieder die freie Luft.
Als er einige Strassen auf und ab gegangen war, begegnete ihm ein Unbekannter, der nach einem gewissen Gastofe fragte. Wilhelm erbot sich, ihm das Haus zu zeigen; der Fremde erkundigte sich nach dem Namen der Strasse, nach den Besitzern verschiedener grosser Gebäude, vor denen sie vorbeigingen, sodann nach einigen Polizeieinrichtungen der Stadt, und sie waren in einem ganz interessanten gespräche begriffen, als sie am Tore des Wirtshauses ankamen. Der Fremde nötigte seinen Führer, hineinzutreten und ein Glas Punsch mit ihm zu trinken; zugleich gab er seinen Namen an und seinen Geburtsort, auch die Geschäfte, die ihn hierher gebracht hätten, und ersuchte Wilhelmen um ein gleiches Vertrauen. Dieser verschwieg ebensowenig seinen Namen als seine wohnung.
"Sind Sie nicht ein Enkel des alten Meisters, der die schöne Kunstsammlung besass?" fragte der Fremde.
"Ja, ich bin's. Ich war zehn Jahre, als der Grossvater starb, und es schmerzte mich lebhaft, diese schönen Sachen verkaufen zu sehen."
"Ihr Vater hat eine grosse Summe Geldes dafür erhalten."
"Sie wissen also davon?"
"O ja, ich habe diesen Schatz noch in Ihrem haus gesehen. Ihr Grossvater war nicht bloss ein Sammler, er verstand sich auf die Kunst, er war in einer frühern glücklichen Zeit in Italien gewesen und hatte Schätze von dort mitgebracht, welche jetzt um keinen Preis mehr zu haben wären. Er besass treffliche Gemälde von den besten Meistern; man traute kaum seinen Augen, wenn man seine Handzeichnungen durchsah; unter seinen Marmorn waren einige unschätzbare Fragmente; von Bronzen besass er eine sehr instruktive Suite; so hatte er auch seine Münzen für Kunst und geschichte zweckmässig gesammelt; seine wenigen geschnittenen Steine verdienten alles Lob; auch war das Ganze gut aufgestellt, wenngleich die Zimmer und Säle des alten Hauses nicht symmetrisch gebaut waren."
"Sie können denken, was wir Kinder verloren, als alle die Sachen heruntergenommen und eingepackt wurden. Es waren die ersten traurigen zeiten meines Lebens. Ich weiss noch, wie leer uns die Zimmer vorkamen, als wir die Gegenstände nach und nach verschwinden sahen, die uns von Jugend auf unterhalten hatten, und die wir ebenso unveränderlich hielten als das Haus und die Stadt selbst."
"Wenn ich nicht irre, so gab Ihr Vater das gelöste Kapital in die Handlung eines Nachbarn, mit dem er eine Art Gesellschaftshandel einging?"
"Ganz richtig! und ihre gesellschaftlichen Spekulationen sind ihnen wohl geglückt; sie haben in diesen zwölf Jahren ihr Vermögen sehr vermehrt und sind beide nur desto heftiger auf den Erwerb gestellt; auch hat der alte Werner einen Sohn, der sich viel besser zu diesem Handwerke schickt als ich."
"Es tut mir leid, dass dieser Ort eine solche Zierde verloren hat, als das Kabinett Ihres Grossvaters war. Ich sah es noch kurz vorher, ehe es verkauft wurde, und ich darf wohl sagen, ich war Ursache, dass der Kauf zustande kam. Ein reicher Edelmann, ein grosser Liebhaber, der aber bei so einem wichtigen Handel sich nicht allein auf sein eigen Urteil verliess, hatte mich hierher geschickt und verlangte meinen Rat. sechs Tage besah ich das Kabinett, und am siebenten riet ich meinem Freunde, die ganze geforderte Summe ohne Anstand zu bezahlen. Sie waren als ein munterer Knabe oft um mich herum. Sie erklärten mir die Gegenstände der Gemälde und wussten überhaupt das Kabinett recht gut auszulegen."
"Ich erinnere mich einer solchen person, aber in Ihnen hätte ich sie nicht wiedererkannt."
"Es ist auch schon eine geraume Zeit, und wir verändern uns doch mehr oder weniger. Sie hatten, wenn ich mich recht erinnere, ein Lieblingsbild darunter, von dem Sie mich gar nicht weglassen wollten."
"Ganz richtig! es stellte die geschichte vor