gegangen, auf einen starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch liess sich bald bemerken, dass noch Leben, dass noch Hoffnung übrig sei. Der Arzt brachte den Körper in die rechte Lage, fügte die getrennten Teile zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos und sorgenvoll vorüber. Das Kind wollte sich nicht von Natalien trennen lassen. Wilhelm sass vor ihr auf einem Schemel; er hatte die Füsse des Knaben auf seinem Schosse, Kopf und Brust lagen auf dem ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an. Lotario und Jarno sassen am andern Ende des Zimmers und führten ein sehr bedeutendes Gespräch, das wir gern, wenn uns die begebenheiten nicht zu sehr bedrängten, unsern Lesern hier mitteilen würden. Der Knabe schlief sanft, erwachte am frühen Morgen ganz heiter, sprang auf und verlangte ein Butterbrot.
Sobald Augustin sich einigermassen erholt hatte, suchte man einige Aufklärung von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne Mühe und nur nach und nach, dass, als er bei der unglücklichen Dislokation des Grafen in ein Zimmer mit dem Abbé versetzt worden, er das Manuskript und darin seine geschichte gefunden habe; sein Entsetzen sei ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun überzeugt, dass er nicht länger leben dürfe; sogleich habe er seine gewöhnliche Zuflucht zum Opium genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch geschüttet und habe doch, als er es an den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es stehenlassen, um nochmals durch den Garten zu laufen und die Welt zu sehen, bei seiner Zurückkunft habe er das Kind gefunden, eben beschäftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder voll zu giessen.
Man bat den Unglücklichen, ruhig zu sein, er fasste Wilhelmen krampfhaft bei der Hand: "Ach!" sagte er, "warum habe ich dich nicht längst verlassen! ich wusste wohl, dass ich den Knaben töten würde, und er mich." – "Der Knabe lebt!" sagte Wilhelm. Der Arzt, der aufmerksam zugehört hatte, fragte Augustinen, ob alles Getränke vergiftet gewesen? "Nein!" versetzte er, "nur das Glas." – "So hat durch den glücklichsten Zufall", rief der Arzt, "das Kind aus der Flasche getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand geführt, dass es nicht nach dem tod griff, der so nahe zubereitet stand!" – "Nein! nein!" rief Wilhelm mit einem Schrei, indem er die hände vor die Augen hielt, "wie fürchterlich ist diese Aussage! Ausdrücklich sagte das Kind, dass es nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken habe. Seine Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den Händen wegsterben." Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem er das Kind liebkoste: "Nicht wahr, Felix, du hast aus der Flasche getrunken und nicht aus dem Glase?" Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt erzählte Natalien im stillen, wie sich die Sache verhalte; auch sie bemühte sich vergebens, die Wahrheit von dem kind zu erfahren, es weinte nur heftiger und so lange, bis es einschlief.
Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen fand man Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit seiner Wärter durch eine scheinbare Ruhe betrogen, den Verband still aufgelöst und sich verblutet. Natalie ging mit dem kind spazieren, es war munter wie in seinen glücklichsten Tagen. "Du bist doch gut", sagte Felix zu ihr, "du zankst nicht, du schlägst mich nicht, ich will dir's nur sagen, ich habe aus der Flasche getrunken! Mutter Aurelie schlug mich immer auf die Finger, wenn ich nach der Karaffine griff, der Vater sah so bös aus ich dachte, er würde mich schlagen."
Mit beflügelten Schritten eilte Natalie zu dem schloss, Wilhelm kam ihr, noch voller Sorgen, entgegen. "Glücklicher Vater!" rief sie laut, indem sie das Kind aufhob und es ihm in die arme warf, "da hast du deinen Sohn! Er hat aus der Flasche getrunken, seine Unart hat ihn gerettet."
Man erzählte den glücklichen Ausgang dem Grafen, der aber nur mit lächelnder, stiller, bescheidner Gewissheit zuhörte, mit der man den Irrtum guter Menschen ertragen mag. Jarno, aufmerksam auf alles, konnte diesmal eine solche hohe Selbstgenügsamkeit nicht erklären, bis er endlich nach manchen Umschweifen erfuhr: der Graf sei überzeugt, das Kind habe wirklich Gift genommen, er habe es aber durch sein Gebet und durch das Auflegen seiner hände wunderbar am Leben erhalten. Nun beschloss er auch sogleich wegzugehn; gepackt war bei ihm alles wie gewöhnlich in einem Augenblicke, und beim Abschiede fasste die schöne Gräfin Wilhelms Hand, ehe sie noch die Hand der Schwester losliess, drückte alle vier hände zusammen, kehrte sich schnell um und stieg in den Wagen.
So viel schreckliche und wunderbare begebenheiten, die sich eine über die andere drängten, zu einer ungewohnten Lebensart nötigten und alles in Unordnung und Verwirrung setzten, hatten eine Art von fieberhafter Schwingung in das Haus gebracht. Die Stunden des Schlafens und Wachens, des Essens, Trinkens und geselligen Zusammenseins waren