, und zwar von stand; wer wollte das englische Blut alles berechnen, das seit dreissig Jahren in deutschen Adern herumfliesst! Ich will weiter nicht darauf dringen, ihr habt immer solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen Fällen nichts aufbinden." Darauf erzählte er noch verschiedenes, was damals mit Wilhelmen auf seinem Schloss vorgegangen sein sollte, wozu Jarno gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen mit einem jungen Engländer in des Prinzen Gefolge mehr als einmal verwechselte. Der gute Herr hatte in frühern zeiten ein vortreffliches Gedächtnis gehabt und war noch immer stolz darauf, sich der geringsten Umstände seiner Jugend erinnern zu können; nun bestimmte er aber mit eben der Gewissheit wunderbare Kombinationen und Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender Schwäche seines Gedächtnisses seine Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte. übrigens war er sehr mild und gefällig geworden, und seine Gegenwart wirkte recht günstig auf die Gesellschaft. Er verlangte, dass man etwas Nützliches zusammen lesen sollte, ja sogar gab er manchmal kleine Spiele an, die er, wo nicht mitspielte, doch mit grosser Sorgfalt dirigierte, und da man sich über seine Herablassung verwunderte, sagte er, es sei die Pflicht eines jeden, der sich in Hauptsachen von der Welt entferne, dass er in gleichgültigen Dingen sich ihr desto mehr gleichstelle.
Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen bänglichen und verdriesslichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten. Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? und musste nicht die Gesellschaft glauben, dass, weil beide viel miteinander umgingen, Wilhelm ihm eine so unvorsichtige und unglückliche Konfidenz gemacht habe?
Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als gewöhnlich, als Augustin auf einmal zur tür, die er aufriss, mit grässlicher Gebärde hereinstürzte; sein Angesicht war blass, sein Auge wild, er schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die Gesellschaft entsetzte sich, Lotario und Jarno, die eine Rückkehr des Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und hielten ihn fest. Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief er: "Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!"
Sie liessen ihn los, er eilte zur tür hinaus, und voll Entsetzen drängte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem arzt, Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbés, man fand das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von weitem zurief: "Was hast du angefangen?"
"Lieber Vater!" rief Felix, "ich habe nicht aus der Flasche, ich habe aus dem Glase getrunken, ich war so durstig."
Augustin schlug die hände zusammen, rief: "Er ist verloren!" drängte sich durch die Umstehenden und eilte davon.
Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine Karaffine darneben, die über die Hälfte leer war; der Arzt kam, er erfuhr, was man wusste, und sah mit Entsetzen das wohlbekannte Fläschchen, worin sich das flüssige Opium befunden hatte, leer auf dem Tische liegen; er liess Essig herbeischaffen und rief alle Mittel seiner Kunst zu hülfe.
Natalie liess den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bemühte sich ängstlich um ihn. Der Abbé war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen und einige Aufklärungen von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der unglückliche Vater vergebens bemüht und fand, als er zurückkam, auf allen Gesichtern Bangigkeit und sorge. Der Arzt hatte indessen die Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die stärkste Beimischung von Opium, das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr krank, es bat den Vater, dass man ihm nur nichts mehr einschütten, dass man es nur nicht mehr quälen möchte. Lotario hatte seine Leute ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der Flucht Augustins auf die Spur zu kommen. Natalie sass bei dem kind, es flüchtete auf ihren Schoss und bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein Stückchen Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es zu; man müsse das Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen Augenblick ruhen lassen, sagte er; es sei alles Rätliche geschehen, er wolle das Mögliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die hände auf das Kind, blickte gegen Himmel und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung. Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang auf, warf einen blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging zur tür hinaus.
Kurz darauf verliess auch der Graf das Zimmer.
"Ich begreife nicht", sagte der Arzt nach einiger Pause, "dass sich auch nicht die geringste Spur eines gefährlichen Zustandes am kind zeigt. Auch nur mit einem Schluck muss es eine ungeheure Dosis Opium zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben."
Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, dass man Augustin auf dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten. Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den Körper die Treppe herunterbrachten. Er ward auf ein Bett gelegt und genau untersucht, der Schnitt war in die Luftröhre