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uns seine geistige Grösse sinnlich vergegenwärtigen wollen? Leben die Seinigen nicht noch unter uns? Und hat Gott nicht zugesagt, unter einem gläubigen volk seine Wunder stets zu erneuern?'

Als der Körper nach einigen Tagen keine Zeichen der Fäulnis von sich gab und eher weisser und gleichsam durchsichtig ward, erhöhte sich das Zutrauen der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der Menge verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter selbst nicht erklären und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, hörte wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.

Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die übrige Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts aufzumerken pflegte, und sein Verhältnis niemanden bekannt war. Diesmal schien er aber mit grosser Genauigkeit gehört zu haben; er führte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, dass niemals jemand hat begreifen können, wie er aus dem Kloster herausgekommen sei. Man erfuhr nachher, dass er sich mit einer Anzahl Wallfahrer übersetzen lassen, und dass er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm wahrnahmen, nur um die grösste Sorgfalt gebeten, dass das Schiff nicht umschlagen möchte. Tief in der Nacht kam er in jene Kapelle, wo seine unglückliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; nur wenige Andächtige knieten in den Winkeln, ihre alte Freundin sass zu ihren Häupten, er trat hinzu und grüsste sie und fragte, wie sich ihre Gebieterin befände. 'Ihr seht es', versetzte diese nicht ohne Verlegenheit. Er blickte den Leichnam nur von der Seite an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre Hand. Erschreckt von der Kälte, liess er sie sogleich wieder fahren, er sah sich unruhig um und sagte zu der Alten: 'Ich kann jetzt nicht bei ihr bleiben, ich habe noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich will aber zur rechten Zeit schon wieder da sein; sag' ihr das, wenn sie aufwacht!'

So ging er hinweg, wir wurden nur spät von diesem Vorgang benachrichtigt, man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber vergebens! Wie er sich durch Berge und Täler durchgearbeitet haben mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit fanden wir in Graubünden eine Spur von ihm wieder, allein zu spät, und sie verlor sich bald. Wir vermuteten, dass er nach Deutschland sei, allein der Krieg hatte solche schwache Fusstapfen gänzlich verwischt."

Zehntes Kapitel

Der Abbé hörte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Tränen zugehört. Die Gräfin brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf und verliess mit Natalien das Zimmer. Die übrigen schwiegen, und der Abbé sprach: "Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer zweifelt wohl einen Augenblick daran, dass Augustin und unser Harfenspieler eine person sei? Es ist zu überlegen, was wir tun, sowohl um des unglücklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat wäre, nichts zu übereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir eben von dort zurückerwarten, für Nachrichten bringt."

Jedermann war derselben Meinung, und der Abbé fuhr fort: "Eine andere Frage, die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit. Der Marchese ist unglaublich gerührt über die Gastfreundschaft, die seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm jungen Freunde, gefunden hat. Ich habe ihm die ganze geschichte umständlich, ja wiederholt erzählen müssen, und er zeigte seine lebhafteste Dankbarkeit. 'Der junge Mann', sagte er 'hat ausgeschlagen, mit mir zu reisen, ehe er das Verhältnis kannte, das unter uns besteht. Ich bin ihm nun kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen Laune er etwa nicht gewiss wäre; ich bin sein Verbundener, wenn Sie wollen sein Verwandter, und da sein Knabe, den er nicht zurücklassen wollte, erst das Hindernis war, das ihn abhielt, sich zu mir zu gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schönen Bande werden, das uns nur desto fester aneinander knüpft. Über die Verbindlichkeit, die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise nützlich, er kehre mit mir zurück, mein älterer Bruder wird ihn mit Freuden empfangen, er verschmähe die Erbschaft seines Pflegekindes nicht; denn nach einer geheimen Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist das Vermögen, das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an uns zurückgefallen, und wir wollen dem Wohltäter unserer Nichte gewiss das nicht vorentalten, was er verdient hat.'"

Terese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: "Wir erleben abermals hier so einen schönen Fall, dass uneigennütziges Wohltun die höchsten und schönsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie einem schönen Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr Herz mehr als einmal an sich gezogen hat."

"Ich überlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer Führung", sagte Wilhelm; "es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu streben. Was ich festzuhalten wünschte, muss ich fahrenlassen, und eine unverdiente Wohltat drängt sich mir auf."

Mit einem Druck auf Teresens Hand machte Wilhelm die seinige los. "Ich überlasse Ihnen ganz",