Jarno, "die sorge geziemt dem Alter, damit die Jugend eine Zeitlang sorglos sein könne. Das Gleichgewicht in den menschlichen Handlungen kann leider nur durch Gegensätze hergestellt werden. Es ist gegenwärtig nicht weniger als rätlich, nur an einem Orte zu besitzen, nur einem platz sein Geld anzuvertrauen, und es ist wieder schwer, an vielen Orten Aufsicht darüber zu führen; wir haben uns deswegen etwas anders ausgedacht: aus unserm alten Turm soll eine Sozietät ausgehen, die sich in alle Teile der Welt ausbreiten, in die man aus jedem Teile der Welt eintreten kann. Wir assekurieren uns untereinander unsere Existenz, auf den einzigen Fall, dass eine Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen Besitztümern völlig vertriebe. Ich gehe nun hinüber nach Amerika, um die guten Verhältnisse zu benutzen, die sich unser Freund bei seinem dortigen Aufentalt gemacht hat. Der Abbé will nach Russland gehen, und Sie sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an uns anschliessen wollen, ob Sie Lotario in Deutschland beistehn oder mit mir gehen wollen. Ich dächte, Sie wählten das letzte; denn eine grosse Reise zu tun, ist für einen jungen Mann äusserst nützlich."
Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: "Der Antrag ist aller Überlegung wert; denn mein Wahlspruch wird doch nächstens sein: 'Je weiter weg, desto besser.' Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem Plane näher bekannt machen. Es kann von meiner Unbekanntschaft mit der Welt herrühren, mir scheinen aber einer solchen Verbindung sich unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen."
"Davon sich die meisten nur dadurch heben werden", versetzte Jarno, "dass unser bis jetzt nur wenig sind, redliche, gescheite und entschlossene Leute, die einen gewissen allgemeinen Sinn haben, aus dem allein der gesellige Sinn entstehen kann."
Friedrich, der bisher nur zugehört hatte, versetzte darauf: "Und wenn ihr mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit."
Jarno schüttelte den Kopf.
"Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?" fuhr Friedrich fort. "Bei einer neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die bring' ich gleich mit; auch lustige Kolonisten, das versichre ich euch. Und dann wüsste ich noch ein gutes junges Mädchen, das hierhüben nicht mehr am Platz ist, die süsse, reizende Lydie. Wo soll das arme Kind mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn sie ihn nicht gelegentlich in die Tiefe des Meeres werfen kann, und wenn sich nicht ein braver Mann ihrer annimmt? Ich dächte, mein Jugendfreund, da Ihr doch im Gange seid, Verlassene zu trösten, Ihr entschlösst Euch, jeder nähme sein Mädchen unter den Arm, und wir folgten dem alten Herrn."
Dieser Antrag verdross Wilhelmen. Er antwortete mit verstellter Ruhe: "Weiss ich doch nicht einmal, ob sie frei ist, und da ich überhaupt im Werben nicht glücklich zu sein scheine, so möchte ich einen solchen Versuch nicht machen."
Natalie sagte darauf: "Bruder Friedrich, du glaubst, weil du für dich so leichtsinnig handelst, auch für andere gelte deine Gesinnung. Unser Freund verdient ein weibliches Herz, das ihm ganz angehöre, das nicht an seiner Seite von fremden Erinnerungen bewegt werde; nur mit einem höchst vernünftigen und reinen Charakter wie Teresens war ein Wagestück dieser Art zu raten."
"Was Wagestück!" rief Friedrich. "In der Liebe ist alles Wagestück. Unter der Laube oder vor dem Altar, mit Umarmungen oder goldenen Ringen, beim Gesange der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, es ist alles nur ein Wagestück, und der Zufall tut alles."
"Ich habe immer gesehen", versetzte Natalie, "dass unsere Grundsätze nur ein Supplement zu unsern Existenzen sind. Wir hängen unsern Fehlern gar zu gern das Gewand eines gültigen Gesetzes um. Gib nur acht, welchen Weg dich die Schöne noch führen wird, die dich auf eine so gewaltsame Weise angezogen hat und festält."
"Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege", versetzte Friedrich, "rauf dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto lustiger und sichrer; Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und wer weiss, wie viel andere. Überhaupt, Schwester, wenn von Liebe die Rede ist, solltest du dich gar nicht drein mischen. Ich glaube, du heiratest nicht eher, als bis irgendwo eine Braut fehlt, und du gibst dich alsdann nach deiner gewohnten Guterzigkeit auch als Supplement irgendeiner Existenz hin. Also lass uns nur jetzt mit diesem Seelenverkäufer da unsern Handel schliessen und über unsere Reisegesellschaft einig werden."
"Sie kommen mit Ihren Vorschlägen zu spät", sagte Jarno, "für Lydien ist gesorgt."
"Und wie?" fragte Friedrich.
"Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten", versetzte Jarno.
"Alter Herr", sagte Friedrich, "da macht Ihr einen Streich, zu dem man, wenn man ihn als ein Substantivum betrachtet, verschiedene Adjektiva, und folglich, wenn man ihn als Subjekt betrachtet, verschiedene Prädikate finden könnte."
"Ich muss aufrichtig gestehen", versetzte Natalie, "es ist ein gefährlicher Versuch, sich ein Mädchen zuzueignen, in dem Augenblicke, da sie aus Liebe zu einem andern verzweifelt."
"Ich habe es gewagt", versetzte Jarno, "sie wird unter einer gewissen Bedingung mein. Und, glauben Sie mir, es ist in der