hatte vor den Augen der Welt ein liebenswürdiges Kind, mit dem sie übertrieben paradierte, sie war zugleich eine Nebenbuhlerin losgeworden, deren Verhältnis sie denn doch mit neidischen Augen ansah, und deren Einfluss sie, für die Zukunft wenigstens, heimlich fürchtete; sie überhäufte das Kind mit Zärtlichkeit und wusste ihren Gemahl in vertraulichen Stunden durch eine so lebhafte Teilnahme an seinem Verlust dergestalt an sich zu ziehen, dass er sich ihr, man kann es wohl sagen, ganz ergab, sein Glück und das Glück seines Kindes in ihre hände legte und kaum kurze Zeit vor seinem tod, und noch gewissermassen nur durch seine erwachsene Tochter, wieder Herr im haus ward. Das war, schöne Terese, das Geheimnis, das Ihnen Ihr kranker Vater wahrscheinlich so gern entdeckt hätte, das ist's, was ich Ihnen jetzt, eben da der junge Freund, der durch die sonderbarste Verknüpfung von der Welt Ihr Bräutigam geworden ist, in der Gesellschaft fehlt, umständlich vorlegen wollte. Hier sind die Papiere, die aufs strengste beweisen, was ich behauptet habe. Sie werden daraus zugleich erfahren, wie lange ich schon dieser Entdekkung auf der Spur war, und wie ich doch erst jetzt zur Gewissheit kommen konnte; wie ich nicht wagte, meinem Freund etwas von der Möglichkeit des Glücks zu sagen, da es ihn zu tief gekränkt haben würde, wenn diese Hoffnung zum zweiten Male verschwunden wäre. Sie werden Lydiens Argwohn begreifen; denn ich gestehe gern, dass ich die Neigung unseres Freundes zu diesem guten Mädchen keineswegs begünstigte, seitdem ich seiner Verbindung mit Teresen wieder entgegensah."
Niemand erwiderte etwas auf diese geschichte. Die Frauenzimmer gaben ihre Papiere nach einigen Tagen zurück, ohne derselben weiter zu erwähnen.
Man hatte Mittel genug in der Nähe, die Gesellschaft wenn sie beisammen war, zu beschäftigen; auch bot die Gegend so manche Reize dar, dass man sich gern darin teils einzeln, teils zusammen, zu Pferde, zu Wagen oder zu fuss umsah. Jarno richtete bei einer solchen gelegenheit seinen Auftrag an Wilhelmen aus, legte ihm die Papiere vor, schien aber weiter keine Entschliessung von ihm zu verlangen.
"In diesem höchst sonderbaren Zustand, in dem ich mich befinde", sagte Wilhelm darauf, "brauche ich Ihnen nur das zu wiederholen, was ich sogleich anfangs in Gegenwart Nataliens und gewiss mit einem reinen Herzen gesagt habe: Lotario und seine Freunde können jede Art von Entsagung von mir fordern, ich lege Ihnen hiermit alle meine Ansprüche an Teresen in die Hand, verschaffen Sie mir dagegen meine förmliche Entlassung. O! es bedarf, mein Freund, keines grossen Bedenkens, mich zu entschliessen. Schon diese Tage hab' ich gefühlt, dass Terese Mühe hat, nur einen Schein der Lebhaftigkeit mit der sie mich zuerst hier begrüsste, zu erhalten. Ihre Neigung ist mir entwendet, oder vielmehr ich habe sie nie besessen."
"Solche Fälle möchten sich wohl besser nach und nach unter Schweigen und Erwarten aufklären", versetzte Jarno, "als durch vieles Reden, wodurch immer eine Art von Verlegenheit und Gärung entsteht."
"Ich dächte vielmehr", sagte Wilhelm, "dass gerade dieser Fall der ruhigsten und der reinsten Entscheidung fähig sei. Man hat mir so oft den Vorwurf des Zauderns und der Ungewissheit gemacht; warum will man jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler den man an mir tadelte, gegen mich selbst begehn? Gibt sich die Welt nur darum so viel Mühe, uns zu bilden, um uns fühlen zu lassen, dass sie sich nicht bilden mag? Ja, gönnen Sie mir recht bald das heitere Gefühl, ein Missverhältnis loszuwerden, in das ich mit den reinsten Gesinnungen von der Welt geraten bin."
Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von dieser Sache hörte, noch auch eine weitere Veränderung an seinen Freunden bemerkte; die Unterhaltung war vielmehr bloss allgemein und gleichgültig.
Siebentes Kapitel
Einst sassen Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, und Natalie begann: "Sie sind nachdenklich, Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit abmerken."
"Ich bin es", versetzte der Freund, "und ich sehe ein wichtiges Geschäft vor mir, das bei uns schon lange vorbereitet ist und jetzt notwendig angegriffen werden muss. Sie wissen schon etwas im allgemeinen davon, und ich darf wohl vor unserm jungen Freunde davon reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er teil daran zu nehmen Lust hat. Sie werden mich nicht lange mehr sehen, denn ich bin im Begriff, nach Amerika überzuschiffen."
"Nach Amerika?" versetzte Wilhelm lächelnd; "ein solches Abenteuer hätte ich nicht von Ihnen erwartet, noch weniger, dass Sie mich zum gefährten ausersehen würden."
"Wenn Sie unsern Plan ganz kennen", versetzte Jarno, "So werden Sie ihm einen bessern Namen geben und vielleicht für ihn eingenommen werden. hören Sie mich an! Man darf nur ein wenig mit den Weltändeln bekannt sein, um zu bemerken, dass uns grosse Veränderungen bevorstehn, und dass die Besitztümer beinahe nirgends mehr recht sicher sind."
"Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Weltändeln", fiel Wilhelm ein, "und habe mich erst vor kurzem um meine Besitztümer bekümmert. Vielleicht hätte ich wohl getan, sie mir noch länger aus dem Sinne zu schlagen, da ich bemerken muss, dass die sorge für ihre Erhaltung so hypochondrisch macht."
"hören Sie mich aus!" sagte