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, uns zu unterrichten, auf gar vielerlei Weise. Manchmal lesen wir nach einer alten verdorbenen Sanduhr, die in einigen Minuten ausgelaufen ist. Schnell dreht sie das andere herum und fängt aus einem buch zu lesen an, und kaum ist wieder der Sand im untern Glase, so beginnt das andere schon wieder seinen Spruch, und so studieren wir wirklich auf wahrhaft akademische Weise, nur dass wir kürzere Stunden haben und unsere Studien äusserst mannigfaltig sind."

"Diese Tollheit begreife ich wohl", sagte Wilhelm, "wenn einmal so ein lustiges Paar beisammen ist; wie aber das lockere Paar so lange beisammen bleiben kann, das ist mir nicht so bald begreiflich."

"Das ist", rief Friedrich, "neben das Glück und das Unglück: Philine darf sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist guter Hoffnung. Unförmlicher und lächerlicher ist nichts in der Welt als sie. Noch kurz, ehe ich wegging, kam sie zufälligerweise vor den Spiegel. 'Pfui Teufel!' sagte sie und wendete das Gesicht ab, 'die leibhaftige Frau Melina! das garstige Bild! Man sieht doch ganz niederträchtig aus!'"

"Ich muss gestehen", versetzte Wilhelm lächelnd, "dass es ziemlich komisch sein mag, euch als Vater und Mutter beisammen zu sehen."

"Es ist ein recht närrischer Streich", sagte Friedrich, "dass ich noch zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet's, und die Zeit trifft auch. Anfangs machte mich der verwünschte Besuch, den sie Euch nach dem 'Hamlet' abgestattet hatte, ein wenig irre."

"Was für ein Besuch?"

"Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz und gar verschlafen haben? Das allerliebste fühlbare Gespenst jener Nacht, wenn Ihr's noch nicht wisst, war Philine. Die geschichte war mir freilich eine harte Mitgift, doch wenn man sich so etwas nicht mag gefallen lassen, so muss man gar nicht lieben. Die Vaterschaft beruht überhaupt nur auf der Überzeugung; ich bin überzeugt, und also bin ich Vater. Da seht Ihr, dass ich die Logik auch am rechten Orte zu brauchen weiss. Und wenn das Kind sich nicht gleich nach der Geburt auf der Stelle zu tod lacht, so kann es, wo nicht ein nützlicher, doch angenehmer Weltbürger werden."

Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise von leichtfertigen Gegenständen unterhielten, hatte die übrige Gesellschaft ein ernstaftes Gespräch angefangen. Kaum hatten Friedrich und Wilhelm sich entfernt, als der Abbé die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal führte und, als sie Platz genommen hatten, seinen Vortrag begann.

"Wir haben", sagte er, "im allgemeinen behauptet, dass fräulein Terese nicht die Tochter ihrer Mutter sei; es ist nötig, dass wir uns hierüber auch nun im einzelnen erklären. Hier ist die geschichte, die ich sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen mich erbiete.

Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl in dem besten Vernehmen, nur hatten sie das Unglück, dass die Kinder, zu denen einigemal Hoffnung war, tot zur Welt kamen, und bei dem dritten die Ärzte der Mutter beinahe den Tod verkündigten und ihn bei einem folgenden als ganz unvermeidlich weissagten. Man war genötigt, sich zu entschliessen, man wollte das Eheband nicht aufheben, man befand sich, bürgerlich genommen, zu wohl. Frau von *** suchte in der Ausbildung ihres Geistes, in einer gewissen Repräsentation, in den Freuden der Eitelkeit eine Art von Entschädigung für das Mutterglück, das ihr versagt war. Sie sah ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit nach, als er Neigung zu einem Frauenzimmer fasste, welche die ganze Haushaltung versah, eine schöne Gestalt und einen sehr soliden Charakter hatte. Frau von *** bot nach kurzer Zeit einer Einrichtung selbst die hände, nach welcher das gute Mädchen sich Teresens Vater überliess, in der Besorgung des Hauswesens fortfuhr und gegen die Frau vom haus fast noch mehr Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher bezeigte.

Nach einiger Zeit erklärte sie sich guter Hoffnung, und die beiden Eheleute kamen bei dieser gelegenheit, obwohl aus ganz verschiedenen Anlässen, auf einerlei Gedanken. Herr von *** wünschte das Kind seiner Geliebten als sein rechtmässiges im haus einzuführen, und Frau von ***, verdriesslich, dass durch die Indiskretion ihres Arztes ihr Zustand in der Nachbarschaft hatte verlauten wollen, dachte durch ein untergeschobenes Kind sich wieder in Ansehn zu setzen und durch eine solche Nachgiebigkeit ein Übergewicht im haus zu erhalten, das sie unter den übrigen Umständen zu verlieren fürchtete. Sie war zurückhaltender als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen Wunsch ab und wusste, ohne ihm entgegenzugehn, eine Erklärung zu erleichtern. Sie machte ihre Bedingungen und erhielt fast alles, was sie verlangte, und so entstand das Testament, worin so wenig für das Kind gesorgt zu sein schien. Der alte Arzt war gestorben, man wendete sich an einen jungen, tätigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte selbst eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und Übereilung seines abgeschiedenen Kollegen ins Licht zu setzen und zu verbessern. Die wahre Mutter willigte nicht ungern ein, man spielte die Verstellung sehr gut, Terese kam zur Welt und wurde einer Stiefmutter zugeeignet, indes ihre wahre Mutter ein Opfer dieser Verstellung ward, indem sie sich zu früh wieder herauswagte, starb und den guten Mann trostlos hinterliess.

Frau von *** hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht sie