treue Diener nach, damit ihr Fuss an keinen Stein stosse."
In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne dass jemand ihm Einhalt zu tun imstande gewesen wäre, und da niemand in dieser Art ihm erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich allein. "Verwundert euch nicht", rief er aus, "über meine grosse Belesenheit in heiligen und Profan-Skribenten; ihr sollt erfahren, wie ich zu diesen Kenntnissen gelangt bin." Man wollte von ihm wissen, wie es ihm gehe, wo er herkomme; allein er konnte vor lauter Sittensprüchen und alten Geschichten nicht zur deutlichen Erklärung gelangen.
Natalie sagte leise zu Teresen: "Seine Art von Lustigkeit tut mir wehe; ich wollte wetten, dass ihm dabei nicht wohl ist."
Da Friedrich ausser einigen Spässen, die ihm Jarno erwiderte, keinen Anklang für seine Possen in der Gesellschaft fand, sagte er: "Es bleibt mir nichts übrig, als mit der ernstaften Familie auch ernstaft zu werden, und weil mir unter solchen bedenklichen Umständen sogleich meine sämtliche Sündenlast schwer auf die Seele fällt, so will ich mich kurz und gut zu einer Generalbeichte entschliessen, wovon ihr aber, meine werten Herren und Damen, nichts vernehmen sollt. Dieser edle Freund hier, dem schon einiges von meinem Leben und Tun bekannt ist, soll es allein erfahren, um so mehr, als er allein darnach zu fragen einige Ursache hat. Wäret Ihr nicht neugierig, zu wissen", fuhr er gegen Wilhelmen fort, "wie und wo? wer? wann und warum? wie sieht's mit der Konjugation des griechischen Verbi Philéo, Philoh? und mit den Derivativis dieses allerliebsten Zeitwortes aus?"
Somit nahm er Wilhelmen beim arme, führte ihn fort, indem er ihn auf alle Weise drückte und küsste.
Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, als er im Fenster ein Pudermesser liegen fand mit der Inschrift: Gedenke mein! "Ihr hebt Eure werten Sachen gut auf!" sagte er: "wahrlich, das ist Philinens Pudermesser, das sie Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft hatte. Ich hoffe, Ihr habt des schönen Mädchens fleissig dabei gedacht, und ich versichere Euch, sie hat Euch auch nicht vergessen, und wenn ich nicht jede Spur von Eifersucht schon lange aus meinem Herzen verbannt hätte, so würde ich Euch nicht ohne Neid ansehen."
"Reden Sie nichts mehr von diesem Geschöpfe!" versetzte Wilhelm. "Ich leugne nicht, dass ich den Eindruck ihrer angenehmen Gegenwart lange nicht loswerden konnte, aber das war auch alles."
"Pfui! schämt Euch", rief Friedrich, "wer wird eine Geliebte verleugnen? und Ihr habt sie so komplett geliebt, als man es nur wünschen konnte. Es verging kein Tag, dass Ihr dem Mädchen nicht etwas schenktet, und wenn der Deutsche schenkt, liebt er gewiss. Es blieb mir nichts übrig, als sie Euch zuletzt wegzuputzen, und dem roten Offizierchen ist es denn auch endlich geglückt."
"Wie? Sie waren der Offizier, den wir bei Philinen antrafen, und mit dem sie wegreiste?"
"Ja", versetzte Friedrich, "den Sie für Marianen hielten. Wir haben genug über den Irrtum gelacht."
"Welche Grausamkeit!" rief Wilhelm, "mich in einer solchen Ungewissheit zu lassen."
"Und noch dazu den Kurier, den Sie uns nachschickten, gleich in Dienste zu nehmen!" versetzte Friedrich. "Es ist ein tüchtiger Kerl und ist diese Zeit nicht von unserer Seite gekommen. Und das Mädchen lieb' ich noch immer so rasend wie jemals. Mir hat sie's ganz eigens angetan, dass ich mich ganz nahezu in einem mytologischen Falle befinde und alle Tage befürchte, verwandelt zu werden."
"Sagen Sie mir nur", fragte Wilhelm, "wo haben Sie Ihre ausgebreitete Gelehrsamkeit her? Ich höre mit Verwunderung der seltsamen Manier zu, die Sie angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte Geschichten und Fabeln zu sprechen."
"Auf die lustigste Weise", sagte Friedrich, "bin ich gelehrt, und zwar sehr gelehrt worden. Philine ist nun bei mir, wir haben einem Pachter das alte Schloss eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die Kobolde aufs lustigste leben. Dort haben wir eine zwar kompendiöse, aber doch ausgesuchte Bibliotek gefunden, entaltend eine Bibel in Folio, Gottfrieds Chronik, zwei Bände Teatrum Europaeum, die Acerra Philologica, Gryphii Schriften und noch einige minder wichtige Bücher. Nun hatten wir denn doch, wenn wir ausgetobt hatten, manchmal lange Weile, wir wollten lesen, und ehe wir's uns versahen, ward unsere Weile noch länger. Endlich hatte Philine den herrlichen Einfall, die sämtlichen Bücher auf einem grossen Tisch aufzuschlagen, wir setzten uns gegeneinander und lasen gegeneinander, und immer nur stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern. Das war nun eine rechte Lust! Wir glaubten wirklich in guter Gesellschaft zu sein, wo man für unschicklich hält, irgendeine Materie zu lange fortsetzen oder wohl gar gründlich erörtern zu wollen; wir glaubten in lebhafter Gesellschaft zu sein, wo keins das andere zu Wort kommen lässt. Diese Unterhaltung geben wir uns regelmässig alle Tage und werden dadurch nach und nach so gelehrt, dass wir uns selbst darüber verwundern. Schon finden wir nichts Neues mehr unter der Sonne, zu allem bietet uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variieren diese Art