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die Tätigkeit hervorbrächte und belebte; sein Handeln sieht einem guten Wirtschaften vollkommen ähnlich, seine Wirksamkeit ist still, indem er einen jeden in seinem Kreis befördert; sein Wissen ist ein beständiges Sammeln und Ausspenden, ein Nehmen und Mitteilen im kleinen. Vielleicht könnte Lotario in einem Tage zerstören, woran dieser jahrelang gebaut hat; aber vielleicht teilt auch Lotario in einem Augenblick andern die Kraft mit, das Zerstörte hundertfaltig wiederherzustellen." – "Es ist ein trauriges Geschäft", sagte Wilhelm, "wenn man über die reinen Vorzüge der andern in einem Augenblicke denken soll, da man mit sich selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem ruhigen mann wohl an, nicht dem, der von leidenschaft und Ungewissheit bewegt ist." – "Ruhig und vernünftig zu betrachten, ist zu keiner Zeit schädlich, und indem wir uns gewöhnen, über die Vorzüge anderer zu denken, stellen sich die unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede falsche Tätigkeit, wozu uns die Phantasie lockt, wird alsdann gern von uns aufgegeben. Befreien Sie womöglich Ihren Geist von allem Argwohn und aller Ängstlichkeit! Dort kommt der Abbé, sein Sie ja freundlich gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank Sie ihm schuldig sind. Der Schalk! da geht er zwischen Natalien und Teresen, ich wollte wetten, er denkt sich was aus. So wie er überhaupt gern ein wenig das Schicksal spielt, so lässt er auch nicht von der Liebhaberei, manchmal eine Heirat zu stiften."

Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdriessliche Stimmung durch alle die klugen und guten Worte Jarnos nicht verbessert worden war, fand höchst undelikat, dass sein Freund gerade in diesem Augenblick eines solchen Verhältnisses erwähnte, und sagte, zwar lächelnd, doch nicht ohne Bitterkeit: "Ich dächte, man überliesse die Liebhaberei, Heiraten zu stiften, Personen, die sich lieb haben."

Sechstes Kapitel

Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, und unsere Freunde sahen sich genötigt, das Gespräch abzubrechen. Nicht lange, so ward ein Kurier gemeldet, der einen Brief in Lotarios eigene hände übergeben wollte; der Mann ward vorgeführt, er sah rüstig und tüchtig aus, seine Livree war sehr reich und geschmackvoll. Wilhelm glaubte ihn zu kennen, und er irrte sich nicht, es war derselbe Mann, den er damals Philinen und der vermeinten Mariane nachgeschickt hatte, und der nicht wieder zurückgekommen war. Eben wollte er ihn anreden, als Lotario, der den Brief gelesen hatte, ernstaft und fast verdriesslich fragte: "Wie heisst Sein Herr?"

"Das ist unter allen fragen", versetzte der Kurier mit Bescheidenheit, "auf die ich am wenigsten zu antworten weiss; ich hoffe, der Brief wird das Nötige vermelden; mündlich ist mir nichts aufgetragen."

"Es sei, wie ihm sei", versetzte Lotario mit Lächeln, "da Sein Herr das Zutrauen zu mir hat, mir so hasenfüssig zu schreiben, so soll er uns willkommen sein." – "Er wird nicht lange auf sich warten lassen", versetzte der Kurier mit einer Verbeugung und entfernte sich.

"Vernehmet nur", sagte Lotario, "die tolle, abgeschmackte Botschaft: 'Da unter allen Gästen', so schreibt der Unbekannte 'ein guter Humor der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich denselben als Reisegefährten beständig mit mir herumfahre, so bin ich überzeugt, der Besuch, den ich Ew. Gnaden und Liebden zugedacht habe, wird nicht übel vermerkt werden, vielmehr hoffe ich, mit der sämtlichen hohen Familie vollkommener Zufriedenheit anzulangen und gelegentlich mich wieder zu entfernen, der ich mich, und so weiter, Graf von Schnekkenfuss.'"

"Das ist eine neue Familie", sagte der Abbé.

"Es mag ein Vikariatsgraf sein", versetzte Jarno.

"Das Geheimnis ist leicht zu erraten", sagte Natalie; "ich wette, es ist Bruder Friedrich, der uns schon seit dem tod des Oheims mit einem Besuche droht."

"Getroffen! schöne und weise Schwester!" rief jemand aus einem nahen Busche, und zugleich trat ein angenehmer, heiterer junger Mann hervor; Wilhelm konnte sich kaum eines Schreies entalten. "Wie?" rief er, "unser blonder Schelm, der soll mir auch hier noch erscheinen?" Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen an und rief: "Wahrlich, weniger erstaunt wär' ich gewesen, die berühmten Pyramiden, die doch in Ägypten so fest stehen, oder das Grab des Königs Mausolus, das, wie man mir versichert hat, gar nicht mehr existiert, hier in dem Garten meines Oheims zu finden, als Euch, meinen alten Freund und vielfachen Wohltäter. Seid mir besonders und schönstens gegrüsst!"

Nachdem er ringsherum alles bewillkommt und geküsst hatte, sprang er wieder auf Wilhelmen los und rief: "Haltet mir ihn ja warm, diesen Helden, Heerführer und dramatischen Philosophen! Ich habe ihn bei unserer ersten Bekanntschaft schlecht, ja, ich darf wohl sagen, mit der Hechel frisiert, und er hat mir doch nachher eine tüchtige Tracht Schläge erspart. Er ist grossmütig wie Scipio, freigebig wie Alexander, gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler zu hassen. Nicht etwa, dass er seinen Feinden Kohlen aufs Haupt sammelte, welches, wie man sagt, ein schlechter Dienst sein soll, den man jemanden erzeigen kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die ihm sein Mädchen entführen, gute und