den rechten Arm heftig ausstreckte, fiel sie mit einem Schrei zu Nataliens Füssen für tot nieder.
Der Schrecken war gross; keine Bewegung des Herzens noch des Pulses war zu spüren. Wilhelm nahm sie auf seinen Arm und trug sie eilig hinauf, der schlotternde Körper hing über seine Schultern. Die Gegenwart des Arztes gab wenig Trost; er und der junge Wundarzt, den wir schon kennen, bemühten sich vergebens. Das liebe geschöpf war nicht ins Leben zurückzurufen.
Natalie winkte Teresen. Diese nahm ihren Freund bei der Hand und führte ihn aus dem Zimmer. Er war stumm und ohne Sprache und hatte den Mut nicht, ihren Augen zu begegnen. So sass er neben ihr auf dem Kanapee, auf dem er Natalie zuerst angetroffen hatte. Er dachte mit grosser Schnelle eine Reihe von Schicksalen durch, oder vielmehr er dachte nicht, er liess das auf seine Seele wirken, was er nicht entfernen konnte. Es gibt Augenblicke des Lebens, in welchen die begebenheiten gleich geflügelten Weberschiffchen vor uns sich hin und wider bewegen und unaufhaltsam ein Gewebe vollenden, das wir mehr oder weniger selbst gesponnen und angelegt haben. "Mein Freund!" sagte Terese, "mein Geliebter!" indem sie das Stillschweigen unterbrach und ihn bei der Hand nahm, "lass uns diesen Augenblick fest zusammenhalten, wie wir noch öfters vielleicht in ähnlichen Fällen werden zu tun haben. Dies sind die Ereignisse welche zu ertragen man zu zweien in der Welt sein muss. Bedenke, mein Freund, fühle, dass du nicht allein bist, zeige, dass du deine Terese liebst, zuerst dadurch, dass du deine Schmerzen ihr mitteilst!" Sie umarmte ihn und schloss ihn sanft an ihren Busen; er fasste sie in seine arme und drückte sie mit Heftigkeit an sich. "Das arme Kind", rief er aus, "suchte in traurigen Augenblicken Schutz und Zuflucht an meinem unsichern Busen; lass die Sicherheit des deinigen mir in dieser schrecklichen Stunde zugute kommen!" Sie hielten sich fest umschlossen, er fühlte ihr Herz an seinem Busen schlagen, aber in seinem geist war es öde und leer; nur die Bilder Mignons und Nataliens schwebten wie Schatten vor seiner Einbildungskraft.
Natalie trat herein. "Gib uns deinen Segen!" rief Terese, "lass uns in diesem traurigen Augenblicke vor dir verbunden sein." – Wilhelm hatte sein Gesicht an Teresens Halse verborgen; er war glücklich genug, weinen zu können. Er hörte Natalien nicht kommen, er sah sie nicht, nur bei dem Klang ihrer stimme verdoppelten sich seine Tränen. – "Was Gott zusammenfügt, will ich nicht scheiden", sagte Natalie lächelnd, "aber verbinden kann ich euch nicht, und kann nicht loben, dass Schmerz und Neigung die Erinnerung an meinen Bruder völlig aus euren Herzen zu verbannen scheint." Wilhelm riss sich bei diesen Worten aus den Armen Teresens. "Wo wollen Sie hin?" riefen beide Frauen. "Lassen Sie mich das Kind sehen", rief er aus, "das ich getötet habe! Das Unglück, das wir mit Augen sehen, ist geringer, als wenn unsere Einbildungskraft das Übel gewaltsam in unser Gemüt einsenkt; lassen Sie uns den abgeschiedenen Engel sehen! Seine heitere Miene wird uns sagen, dass ihm wohl ist!" – Da die Freundinnen den bewegten Jüngling nicht abhalten konnten, folgten sie ihm, aber der gute Arzt, der mit dem Chirurgus ihnen entgegenkam, hielt sie ab, sich der Verblichenen zu nähern, und sagte: "Halten Sie sich von diesem traurigen gegenstand entfernt, und erlauben Sie mir, dass ich den Resten dieses sonderbaren Wesens, soviel meine Kunst vermag, einige Dauer gebe. Ich will die schöne Kunst, einen Körper nicht allein zu balsamieren, sondern ihm auch ein lebendiges Ansehn zu erhalten, bei diesem geliebten Geschöpfe sogleich anwenden. Da ich ihren Tod voraussah, habe ich alle Anstalten gemacht, und mit diesem Gehülfen hier soll mir's gelingen. Erlauben Sie mir nur noch einige Tage Zeit, und verlangen Sie das liebe Kind nicht wieder zu sehen, bis wir es in den Saal der Vergangenheit gebracht haben."
Der junge Chirurgus hatte jene merkwürdige Instrumententasche wieder in Händen. "Von wem kann er sie wohl haben?" fragte Wilhelm den Arzt. "Ich kenne sie sehr gut", versetzte Natalie, "er hat sie von seinem Vater, der Sie damals im wald verband."
"O, so habe ich mich nicht geirrt", rief Wilhelm, "ich erkannte das Band sogleich. Treten Sie mir es ab! Es brachte mich zuerst wieder auf die Spur von meiner Wohltäterin. Wieviel Wohl und Wehe überdauert nicht ein solches lebloses Wesen! Bei wieviel Schmerzen war dies Band nicht schon gegenwärtig, und seine Fäden halten noch immer! Wie vieler Menschen letzten Augenblick hat es schon begleitet, und seine Farben sind noch nicht verblichen! Es war gegenwärtig in einem der schönsten Augenblicke meines Lebens, da ich verwundet auf der Erde lag und Ihre hülfreiche Gestalt vor mir erschien, als das Kind mit blutigen Haaren, mit der zärtlichsten Sorgfalt für mein Leben besorgt war, dessen frühzeitigen Tod wir nun beweinen."
Die Freunde hatten nicht lange Zeit, sich über diese traurige Begebenheit zu unterhalten und fräulein Teresen über das Kind und über die wahrscheinliche Ursache seines unerwarteten Todes aufzuklären; denn es wurden Fremde gemeldet, die, als sie sich zeigten, keinesweges fremd waren. Lotario, Jarno, der Abbé traten