Märchen, gegen einen künstlichen Plan stehen Beharrlichkeit und Klugheit uns bei; es muss sich bald aufklären, ob die Sache wahr oder ob sie erfunden ist. Hat mein Bruder wirklich Hoffnung, sich mit Teresen zu verbinden, so wäre es grausam, ihm ein Glück auf ewig zu entreissen in dem Augenblicke, da es ihm so freundlich erscheint. Lassen Sie uns nur abwarten, ob er etwas davon weiss, ob er selbst glaubt, ob er selbst hofft."
Diesen Gründen ihres Rats kam glücklicherweise ein Brief von Lotario zu hülfe: "Ich schicke Jarno nicht wieder zurück", schrieb er; "von meiner Hand eine Zeile ist Dir mehr als die umständlichsten Worte eines Boten. Ich bin gewiss, dass Terese nicht die Tochter ihrer Mutter ist, und ich kann die Hoffnung, sie zu besitzen, nicht aufgeben, bis sie auch überzeugt ist, und alsdann zwischen mir und dem Freunde mit ruhiger Überlegung entscheidet. Lass ihn, ich bitte Dich, nicht von Deiner Seite! das Glück, das Leben eines Bruders hängt davon ab. Ich verspreche Dir, diese Ungewissheit soll nicht lange dauern."
"Sie sehen, wie die Sache steht", sagte sie freundlich zu Wilhelmen; "geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nicht aus dem haus zu gehen!"
"Ich gebe es!" rief er aus, indem er ihr die Hand reichte; "ich will dieses Haus wider Ihren Willen nicht verlassen. Ich danke Gott und meinem guten Geist, dass ich diesmal geleitet werde, und zwar von Ihnen."
Natalie schrieb Teresen den ganzen Verlauf und erklärte, dass sie ihren Freund nicht von sich lassen werde; sie schickte zugleich Lotarios Brief mit.
Terese antwortete: "Ich bin nicht wenig verwundert, dass Lotario selbst überzeugt ist; denn gegen seine Schwester wird er sich nicht auf diesen Grad verstellen. Ich bin verdriesslich, sehr verdriesslich. Es ist besser, ich sage nichts weiter. Am besten ist's, ich komme zu Dir, wenn ich nur erst die arme Lydie untergebracht habe, mit der man grausam umgeht. Ich fürchte, wir sind alle betrogen und werden so betrogen, um nie ins klare zu kommen. Wenn der Freund meinen Sinn hätte, so entschlüpfte er Dir doch und würfe sich an das Herz seiner Terese, die ihm dann niemand entreissen sollte; aber ich fürchte, ich soll ihn verlieren und Lotario nicht wiedergewinnen. Diesem entreisst man Lydien, indem man ihm die Hoffnung, mich besitzen zu können, von weitem zeigt. Ich will nichts weiter sagen, die Verwirrung wird noch grösser werden. Ob nicht indessen die schönsten Verhältnisse so verschoben, so untergraben und zerrüttet werden, dass auch dann, wenn alles im klaren sein wird, doch nicht wieder zu helfen ist, mag die Zeit lehren. Reisst sich mein Freund nicht los, so komme ich in wenigen Tagen, um ihn bei Dir aufzusuchen und festzuhalten. Du wunderst Dich, wie diese leidenschaft sich Deiner Terese bemächtigt hat. Es ist keine leidenschaft, es ist Überzeugung, dass, da Lotario nicht mein werden konnte, dieser neue Freund das Glück meines Lebens machen wird. Sag' ihm das im Namen des kleinen Knaben, der mit ihm unter der Eiche sass und sich seiner Teilnahme freute! Sag' ihm das im Namen Teresens, die seinem Antrage mit einer herzlichen Offenheit entgegenkam! Mein erster Traum, wie ich mit Lotario leben würde, ist weit von meiner Seele weggerückt; der Traum, wie ich mit meinem neuen Freund zu leben gedachte, steht noch ganz gegenwärtig vor mir. Achtet man mich so wenig, dass man glaubt, es sei so was Leichtes, diesen mit jenem aus dem Stegreife wieder umzutauschen?"
"Ich verlasse mich auf Sie", sagte Natalie zu Wilhelmen, indem sie ihm den Brief Teresens gab, "Sie entfliehen mir nicht. Bedenken Sie, dass Sie das Glück meines Lebens in Ihrer Hand haben! Mein Dasein ist mit dem Dasein meines Bruders so innig verbunden und verwurzelt, dass er keine Schmerzen fühlen kann, die ich nicht empfinde, keine Freude, die nicht auch mein Glück macht. Ja, ich kann wohl sagen, dass ich allein durch ihn empfunden habe, dass das Herz gerührt und erhoben, dass auf der Welt Freude, Liebe und ein Gefühl sein kann, das über alles Bedürfnis hinaus befriedigt."
Sie hielt inne, Wilhelm nahm ihre Hand und rief: "O fahren Sie fort! es ist die rechte Zeit zu einem wahren wechselseitigen Vertrauen; wir haben nie nötiger gehabt, uns genauer zu kennen."
"Ja, mein Freund!" sagte sie lächelnd, mit ihrer ruhigen, sanften, unbeschreiblichen Hoheit, "es ist vielleicht nicht ausser der Zeit, wenn ich Ihnen sage, dass alles, was uns so manches Buch, was uns die Welt als Liebe nennt und zeigt, mir immer nur als ein Märchen erschienen sei."
"Sie haben nicht geliebt?" rief Wilhelm aus.
"Nie oder immer!" versetzte Natalie.
Fünftes Kapitel
Sie waren unter diesem Gespräch im Garten auf und ab gegangen, Natalie hatte verschiedene Blumen von seltsamer Gestalt gebrochen, die Wilhelmen völlig unbekannt waren und nach deren Namen er fragte.
"Sie vermuten wohl nicht", sagte Natalie, "für wen ich diesen Strauss pflücke? Er ist für meinen Oheim bestimmt, dem wir einen Besuch machen wollen. Die Sonne scheint eben so lebhaft nach dem