1795_Goethe_028_200.txt

betrugst, als ich würde getan haben, und doch zeigte der Ausgang meist, dass Du recht hattest. 'Wenn wir', sagtest Du, 'die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.' Ich kann weder so sehen noch handeln, das weiss ich recht gut. Einsicht, Ordnung, Zucht, Befehl, das ist meine Sache. Ich erinnere mich noch wohl, was Jarno sagte: 'Terese dressiert ihre Zöglinge, Natalie bildet sie.' Ja, er ging so weit, dass er mir einst die drei schönen Eigenschaften: Glaube, Liebe und Hoffnung völlig absprach. 'Statt des Glaubens', sagte er, 'hat sie die Einsicht, statt der Liebe die Beharrlichkeit und statt der Hoffnung das Zutrauen.' Auch will ich Dir gerne gestehen, eh' ich Dich kannte, kannte ich nichts Höheres in der Welt als klarheit und Klugheit; nur Deine Gegenwart hat mich überzeugt, belebt, überwunden, und Deiner schönen hohen Seele tret' ich gerne den Rang ab. Auch meinen Freund verehre ich in ebendemselben Sinn; seine Lebensbeschreibung ist ein ewiges Suchen und Nicht finden; aber nicht das leere Suchen, sondern das wunderbare gutmütige Suchen begabt ihn, erwähnt, man könne ihm das geben, was nur von ihm kommen kann. So, meine Liebe, schadet mir auch diesmal meine klarheit nichts; ich kenne meinen Gatten besser, als er sich selbst kennt, und ich achte ihn nur um desto mehr. Ich sehe ihn, aber ich übersehe ihn nicht, und alle meine Einsicht reicht nicht hin, zu ahnen, was er wirken kann. Wenn ich an ihn denke, vermischt sich sein Bild immer mit dem Deinigen, und ich weiss nicht, wie ich es wert bin, zwei solchen Menschen anzugehören. Aber ich will es wert sein dadurch, dass ich meine Pflicht tue, dadurch, dass ich erfülle, was man von mir erwarten und hoffen kann." "Ob ich Lotarios gedenke? Lebhaft und täglich. Ihn kann ich in der Gesellschaft, die mich im geist umgibt, nicht einen Augenblick missen. O, wie bedaure ich den trefflichen Mann, der durch einen Jugendfehler mit mir verwandt ist, dass die natur ihn Dir so nahe gewollt hat! Wahrlich, ein Wesen wie Du wäre seiner mehr wert als ich. Dir könnt' ich, Dir müsst' ich ihn abtreten. Lass uns ihm sein, was nur möglich ist, bis er eine würdige Gattin findet, und auch dann lass uns zusammen sein und zusammen bleiben." "Was werden nun aber unsre Freunde sagen?" begann Natalie. – "Ihr Bruder weiss nichts davon?" – "Nein! so wenig als die Ihrigen, die Sache ist diesmal nur unter uns Weibern verhandelt worden. Ich weiss nicht, was Lydie Teresen für Grillen in den Kopf gesetzt hat; sie scheint dem Abbé und Jarno zu misstrauen. Lydie hat ihr gegen gewisse geheime Verbindungen und Plane, von denen ich wohl im allgemeinen weiss, in die ich aber niemals einzudringen gedachte, wenigstens einigen Argwohn eingeflösst, und bei diesem entscheidenden Schritt ihres Lebens wollte sie niemand als mir einigen Einfluss verstatten. Mit meinem Bruder war sie schon früher übereingekommen, dass sie sich wechselsweise ihre Heirat nur melden, sich darüber nicht zu Rate ziehen wollten."

Natalie schrieb nun einen Brief an ihren Bruder, sie lud Wilhelmen ein, einige Worte dazuzusetzen, Terese hatte sie darum gebeten. Man wollte eben siegeln, als Jarno sich unvermutet anmelden liess. Aufs freundlichste ward er empfangen, auch schien er sehr munter und scherzhaft und konnte endlich nicht unterlassen zu sagen: "eigentlich komme ich hierher, um Ihnen eine sehr wunderbare, doch angenehme Nachricht zu bringen, sie betrifft unsere Terese. Sie haben uns manchmal getadelt, schöne Natalie, dass wir uns um so vieles bekümmern; nun aber sehen Sie, wie gut es ist, überall seine Spione zu haben. Raten Sie, und lassen Sie uns einmal Ihre Sagazität sehen!"

Die Selbstgefälligkeit, womit er diese Worte aussprach, die schalkhafte Miene, womit er Wilhelmen und Natalien ansah, überzeugten beide, dass ihr Geheimnis entdeckt sei. Natalie antwortete lächelnd: "Wir sind viel künstlicher, als Sie denken, wir haben die Auflösung des Rätsels, noch ehe es uns aufgegeben wurde, schon zu Papier gebracht."

Sie überreichte ihm mit diesen Worten den Brief an Lotario und war zufrieden, der kleinen Überraschung und Beschämung, die man ihnen zugedacht hatte, auf diese Weise zu begegnen. Jarno nahm das Blatt mit einiger Verwunderung, überlief es nur, staunte, liess es aus der Hand sinken und sah sie beide mit grossen Augen, mit einem Ausdruck der Überraschung, ja des Entsetzens an, den man auf seinem gesicht nicht gewohnt war. Er sagte kein Wort.

Wilhelm und Natalie waren nicht wenig betroffen. Jarno ging in der stube auf und ab. "Was soll ich sagen?" rief er aus, "oder soll ich's sagen? Es kann kein Geheimnis bleiben, die Verwirrung ist nicht zu vermeiden. Also denn Geheimnis gegen Geheimnis! Überraschung gegen Überraschung! Terese ist nicht die Tochter ihrer Mutter! das Hindernis ist gehoben: ich komme hierher, Sie zu bitten, das edle Mädchen zu einer Verbindung