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Ihr Herz, das bisher vor sehnsucht und Erwartung lebhaft geschlagen hatte, fing auf einmal an zu stocken und drückte wie eine bleierne Last ihren Busen, sie konnte nicht zu Atem kommen, sie wusste sich nicht zu helfen, sie hörte die Harfe des Alten, eilte zu ihm unter das Dach und brachte die Nacht zu seinen Füssen unter entsetzlichen Zuckungen hin."

Der Arzt hielt einen Augenblick inne, und da Wilhelm stille schwieg, fuhr er fort: "Natalie hat mir versichert, es habe sie in ihrem Leben nichts so erschreckt und angegriffen als der Zustand des Kindes bei dieser Erzählung; ja unsere edle Freundin machte sich Vorwürfe, dass sie durch ihre fragen und Anleitungen diese Bekenntnisse hervorgelockt und durch die Erinnerung die lebhaften Schmerzen des guten Mädchens so grausam erneuert habe.

'Das gute geschöpf', so erzählte mir Natalie, 'war kaum auf diesem Punkte seiner Erzählung oder vielmehr seiner Antworten auf meine steigenden fragen, als es auf einmal vor mir niederstürzte und mit der Hand am Busen über den wiederkehrenden Schmerz jener schrecklichen Nacht sich beklagte. Es wand sich wie ein Wurm an der Erde, und ich musste alle meine Fassung zusammennehmen, um die Mittel, die mir für Geist und Körper unter diesen Umständen bekannt waren, zu denken und anzuwenden.'"

"Sie setzen mich in eine bängliche Lage", rief Wilhelm, "indem Sie mich eben im Augenblicke, da ich das liebe geschöpf wiedersehen soll, mein vielfaches Unrecht gegen dasselbe so lebhaft fühlen lassen. Soll ich sie sehen, warum nehmen Sie mir den Mut, ihr mit Freiheit entgegenzutreten? Und soll ich Ihnen gestehen: da ihr Gemüt so gestimmt ist, so sehe' ich nicht ein, was meine Gegenwart helfen soll? Sind Sie als Arzt überzeugt, dass jene doppelte sehnsucht ihre natur so weit untergraben hat, dass sie sich vom Leben abzuscheiden droht, warum soll ich durch meine Gegenwart ihre Schmerzen erneuern und vielleicht ihr Ende beschleunigen?"

"Mein Freund", versetzte der Arzt, "wo wir nicht helfen können, sind wir doch schuldig zu lindern, und wie sehr die Gegenwart eines geliebten Gegenstandes der Einbildungskraft ihre zerstörende Gewalt nimmt und die sehnsucht in ein ruhiges Schauen verwandelt, davon habe ich die wichtigsten Beispiele. Alles mit Mass und Ziel! Denn ebenso kann die Gegenwart eine verlöschende leidenschaft wieder anfachen. Sehen Sie das gute Kind, betragen Sie sich freundlich, und lassen Sie uns abwarten, was daraus entsteht."

Natalie kam eben zurück und verlangte, dass Wilhelm ihr zu Mignon folgen sollte. "Sie scheint mit Felix ganz glücklich zu sein und wird den Freund, hoffe ich, gut empfangen." Wilhelm folgte nicht ohne einiges Widerstreben; er war tief gerührt von dem, was er vernommen hatte, und fürchtete eine leidenschaftliche Szene. Als er hereintrat, ergab sich gerade das Gegenteil.

Mignon im langen weissen Frauengewande, teils mit lockigen, teils aufgebundenen, reichen, braunen Haaren, sass, hatte Felix auf dem Schosse und drückte ihn an ihr Herz; sie sah völlig aus wie ein abgeschiedner Geist, und der Knabe wie das Leben selbst; es schien, als wenn Himmel und Erde sich umarmten. Sie reichte Wilhelmen lächelnd die Hand und sagte: "Ich danke dir, dass du mir das Kind wiederbringst; sie hatten ihn, Gott weiss wie, entführt, und ich konnte nicht leben zeiter. Solange mein Herz auf der Erde noch etwas bedarf, soll dieser die Lücke ausfüllen."

Die Ruhe, womit Mignon ihren Freund empfangen hatte, versetzte die Gesellschaft in grosse Zufriedenheit. Der Arzt verlangte, dass Wilhelm sie öfters sehen, und dass man sie sowohl körperlich als geistig im Gleichgewicht erhalten sollte. Er selbst entfernte sich und versprach, in kurzer Zeit wiederzukommen.

Wilhelm konnte nun Natalien in ihrem Kreise beobachten: man hätte sich nichts Besseres gewünscht, als neben ihr zu leben. Ihre Gegenwart hatte den reinsten Einfluss auf junge Mädchen und Frauenzimmer von verschiedenem Alter, die teils in ihrem haus wohnten, teils aus der Nachbarschaft sie mehr oder weniger zu besuchen kamen.

"Der gang Ihres Lebens", sagte Wilhelm einmal zu ihr, "ist wohl immer sehr gleich gewesen? denn die Schilderung, die Ihre Tante von Ihnen als Kind macht, scheint, wenn ich nicht irre, noch immer zu passen. Sie haben sich, man fühlt es Ihnen wohl an, nie verwirrt. Sie waren nie genötigt, einen Schritt zurück zu tun."

"Das bin ich meinem Oheim und dem Abbé schuldig", versetzte Natalie, "die meine Eigenheiten so gut zu beurteilen wussten. Ich erinnere mich von Jugend an kaum eines lebhaftern Eindrucks, als dass ich überall die Bedürfnisse der Menschen sah und ein unüberwindliches Verlangen empfand, sie auszugleichen. Das Kind, das noch nicht auf seinen Füssen stehen konnte, der Alte, der sich nicht mehr auf den seinigen erhielt, das Verlangen einer reichen Familie nach Kindern, die Unfähigkeit einer armen, die ihrigen zu erhalten, jedes stille Verlangen nach einem Gewerbe, den Trieb zu einem Talente, die Anlagen zu hundert kleinen notwendigen Fähigkeiten, diese überall zu entdecken, schien mein Auge von der natur bestimmt. Ich sah, worauf mich niemand aufmerksam gemacht hatte; ich schien aber auch nur geboren, um das zu sehen. Die Reize der leblosen natur, für die so viele Menschen äusserst empfanglich sind, hatten keine wirkung auf mich, beinah noch weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste