Gedanken sowohl über diese Paradoxen zu erforschen, als auch über die geheimnisvolle Gesellschaft von ihr Aufschlüsse zu begehren, als der Medikus hereintrat und nach dem ersten Willkommen sogleich von Mignons Zustande zu sprechen anfing.
Natalie, die darauf den Felix bei der Hand nahm, sagte, sie wolle ihn zu Mignon führen und das Kind auf die Erscheinung seines Freundes vorbereiten.
Der Arzt war nunmehr mit Wilhelm allein und fuhr fort: "Ich habe Ihnen wunderbare Dinge zu erzählen, die Sie kaum vermuten. Natalie lässt uns Raum, damit wir freier von Dingen sprechen können, die, ob ich sie gleich nur durch sie selbst erfahren konnte, doch in ihrer Gegenwart so frei nicht abgehandelt werden dürften. Die sonderbare natur des guten Kindes, von dem jetzt die Rede ist, besteht beinah nur aus einer tiefen sehnsucht; das Verlangen, ihr Vaterland wiederzusehen, und das Verlangen nach Ihnen, mein Freund, ist, möchte ich fast sagen, das einzige Irdische an ihr; beides greift nur in eine unendliche Ferne, beide Gegenstände liegen unerreichbar vor diesem einzigen Gemüt. Sie mag in der Gegend von Mailand zu haus sein, und ist in sehr früher Jugend durch eine Gesellschaft Seiltänzer ihren Eltern entführt worden. Näheres kann man von ihr nicht erfahren, teils weil sie zu jung war, um Ort und Namen genau angeben zu können, besonders aber weil sie einen Schwur getan hat, keinem lebendigen Menschen ihre wohnung und Herkunft näher zu bezeichnen. Denn eben jene Leute, die sie in der Irre fanden, und denen sie ihre wohnung so genau beschrieb, mit so dringenden Bitten, sie nach haus zu führen, nahmen sie nur desto eiliger mit sich fort und scherzten nachts in der Herberge, da sie glaubten, das Kind schlafe schon, über den guten Fang und beteuerten, dass es den Weg zurück nicht wieder finden sollte. Da überfiel das arme geschöpf eine grässliche Verzweiflung, in der ihm zuletzt die Mutter Gottes erschien und es versicherte, dass sie sich seiner annehmen wolle. Es schwur darauf bei sich selbst einen heiligen Eid, dass sie künftig niemand mehr vertrauen, niemand ihre geschichte erzählen und in der Hoffnung einer unmittelbaren göttlichen hülfe leben und sterben wolle. Selbst dieses, was ich Ihnen erzähle, hat sie Natalien nicht ausdrücklich vertraut; unsere werte Freundin hat es aus einzelnen Äusserungen, aus Liedern und kindlichen Unbesonnenheiten, die gerade das verraten, was sie verschweigen wollen, zusammengereiht."
Wilhelm konnte sich nunmehr manches Lied, manches Wort dieses guten Kindes erklären. Er bat seinen Freund aufs dringendste, ihm ja nichts vorzuentalten, was ihm von den sonderbaren Gesängen und Bekenntnissen des einzigen Wesens bekannt worden sei.
"O!" sagte der Arzt, "bereiten Sie sich auf ein sonderbares Bekenntnis, auf eine geschichte, an der Sie, ohne sich zu erinnern, viel Anteil haben, die, wie ich fürchte, für Tod und Leben dieses guten Geschöpfs entscheidend ist."
"Lassen Sie mich hören", versetzte Wilhelm, "ich bin äusserst ungeduldig."
"Erinnern Sie sich", sagte der Arzt, "eines geheimen nächtlichen weiblichen Besuchs nach der Aufführung des 'Hamlets'?"
"Ja, ich erinnere mich dessen wohl!" rief Wilhelm beschämt, "aber ich glaubte nicht, in diesem Augenblick daran erinnert zu werden."
"Wissen Sie, wer es war?"
"Nein! Sie erschrecken mich! um 's himmels willen, doch nicht Mignon? wer war's? sagen Sie mir's!"
"Ich weiss es selbst nicht."
"Also nicht Mignon?"
"Nein, gewiss nicht! aber Mignon war im Begriff, sich zu Ihnen zu schleichen, und musste aus einem Winkel mit Entsetzen sehen, dass eine Nebenbuhlerin ihr zuvorkam."
"Eine Nebenbuhlerin!" rief Wilhelm aus, "reden Sie weiter! Sie verwirren mich ganz und gar."
"Sein Sie froh", sagte der Arzt, "dass Sie diese Resultate so schnell von mir erfahren können. Natalie und ich, die wir doch nur einen entferntern Anteil nehmen, wir waren genug gequält, bis wir den verworrenen Zustand dieses guten Wesens, dem wir zu helfen wünschten, nur so deutlich einsehen konnten. Durch leichtsinnige Reden Philinens und der andern Mädchen, durch ein gewisses Liedchen aufmerksam gemacht, war ihr der Gedanke so reizend geworden, eine Nacht bei dem Geliebten zuzubringen, ohne dass sie dabei etwas weiter als eine vertrauliche, glückliche Ruhe zu denken wusste. Die Neigung für Sie, mein Freund, war in dem guten Herzen schon lebhaft und gewaltsam, in Ihren Armen hatte das gute Kind schon von manchem Schmerz ausgeruht, sie wünschte sich nun dieses Glück in seiner ganzen Fülle. Bald nahm sie sich vor, Sie freundlich darum zu bitten, bald hielt sie ein heimlicher Schauder wieder davon zurück. Endlich gab ihr der lustige Abend und die Stimmung des häufig genossenen Weins den Mut, das Wagestück zu versuchen und sich jene Nacht bei Ihnen einzuschleichen. Schon war sie vorausgelaufen, um sich in der unverschlossenen stube zu verbergen, allein als sie eben die Treppe hinaufgekommen war, hörte sie ein Geräusch; sie verbarg sich und sah ein weisses weibliches Wesen in Ihr Zimmer schleichen. Sie kamen selbst bald darauf, und sie hörte den grossen Riegel zuschieben.
Mignon empfand unerhörte Qual, alle die heftigen Empfindungen einer leidenschaftlichen Eifersucht mischten sich zu dem unerkannten Verlangen einer dunkeln Begierde und griffen die halbentwickelte natur gewaltsam an.