früher Jugend unterrichtet sei; die schöne Gräfin erschien ihm als Kind mit den Perlen ihrer Tante um den Hals; auch er war diesen Perlen so nahe gewesen, als ihre zarten, liebevollen Lippen sich zu den seinigen herunterneigten; er suchte diese schönen Erinnerungen durch andere Gedanken zu entfernen. Er lief die Bekanntschaften durch, die ihm jene Schrift verschafft hatte. "So bin ich denn", rief er aus, "in dem haus des würdigen Oheims! Es ist kein Haus, es ist ein Tempel, und Sie sind die würdige Priesterin, ja der Genius selbst; ich werde mich des Eindrucks von gestern abend zeitlebens erinnern, als ich hereintrat und die alten Kunstbilder der frühsten Jugend wieder vor mir standen. Ich erinnerte mich der mitleidigen Marmorbilder in Mignons Lied; aber diese Bilder hatten über mich nicht zu trauern, sie sahen mich mit hohem Ernst an und schlossen meine früheste Zeit unmittelbar an diesen Augenblick. Diesen unsern alten Familienschatz, diese Lebensfreude meines Grossvaters, finde ich hier zwischen so vielen andern würdigen Kunstwerken aufgestellt, und mich, den die natur zum Liebling dieses guten alten Mannes gemacht hatte, mich Unwürdigen, finde ich nun auch hier, o Gott! in welchen Verbindungen, in welcher Gesellschaft!"
Die weibliche Jugend hatte nach und nach das Zimmer verlassen, um ihren kleinen Beschäftigungen nachzugehn. Wilhelm, der mit Natalien allein geblieben war, musste ihr seine letzten Worte deutlicher erklären. Die Entdeckung, dass ein schätzbarer teil der aufgestellten Kunstwerke seinem Grossvater angehört hatte, gab eine sehr heitere, gesellige Stimmung. So wie er durch jenes Manuskript mit dem haus bekannt worden war, so fand er sich nun auch gleichsam in seinem Erbteile wieder. Nun wünschte er Mignon zu sehen; die Freundin bat ihn, sich noch so lange zu gedulden, bis der Arzt, der in die Nachbarschaft gerufen worden, wieder zurückkäme. Man kann leicht denken, dass er derselbe kleine tätige Mann war, den wir schon kennen, und dessen auch die 'Bekenntnisse einer schönen Seele' erwähnten.
"Da ich mich", fuhr Wilhelm fort, "mitten in jenem Familienkreis befinde, so ist ja wohl der Abbé, dessen jene Schrift erwähnt, auch der wunderbare, unerklärliche Mann, den ich in dem haus Ihres Bruders nach den seltsamsten Ereignissen wiedergefunden habe? Vielleicht geben Sie mir einige nähere Aufschlüsse über ihn?"
Natalie versetzte: "Über ihn wäre vieles zu sagen; wovon ich am genauesten unterrichtet bin, ist der Einfluss, den er auf unsere Erziehung gehabt hat. Er war, wenigstens eine Zeitlang, überzeugt, dass die Erziehung sich nur an die Neigung anschliessen müsse; wie er jetzt denkt, kann ich nicht sagen. Er behauptete: das Erste und Letzte am Menschen sei Tätigkeit, und man könne nichts tun, ohne die Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe 'Man gibt zu', pflegte er zu sagen, 'dass Poeten geboren werden, man gibt es bei allen Künsten zu, weil man muss, und weil jene Wirkungen der menschlichen natur kaum scheinbar nachgeäfft werden können; aber wenn man es genau betrachtet, so wird jede, auch nur die geringste Fähigkeit uns angeboren, und es gibt keine unbestimmte Fähigkeit. Nur unsere zweideutige, zerstreute Erziehung macht die Menschen ungewiss; sie erregt Wünsche, statt Triebe zu beleben, und anstatt den wirklichen Anlagen aufzuhelfen, richtet sie das Streben nach Gegenständen, die so oft mit der natur, die sich nach ihnen bemüht, nicht übereinstimmen. Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihrem eigenen Wege irregehen, sind mir lieber als manche, die auf fremdem Wege recht wandeln. Finden jene, entweder durch sich selbst oder durch Anleitung, den rechten Weg, das ist den, der ihrer natur gemäss ist, so werden sie ihn nie verlassen, anstatt dass diese jeden Augenblick in Gefahr sind, ein fremdes Joch abzuschütteln und sich einer unbedingten Freiheit zu übergeben.'"
"Es ist sonderbar", sagte Wilhelm, "dass dieser merkwürdige Mann auch an mir teilgenommen und mich, wie es scheint, nach seiner Weise, wo nicht geleitet, doch wenigstens eine Zeitlang in meinen Irrtümern gestärkt hat. Wie er es künftig verantworten will, dass er in Verbindung mit mehreren mich gleichsam zum besten hatte, muss ich wohl mit Geduld erwarten."
"Ich habe mich nicht über diese Grille, wenn sie eine ist, zu beklagen", sagte Natalie, "denn ich bin freilich unter meinen Geschwistern am besten dabei gefahren. Auch sehe' ich nicht, wie mein Bruder Lotario hätte schöner ausgebildet werden können; nur hätte vielleicht meine gute Schwester, die Gräfin, anders behandelt werden sollen, vielleicht hätte man ihrer natur etwas mehr Ernst und Stärke einflössen können. Was aus Bruder Friedrich werden soll, lässt sich gar nicht denken; ich fürchte, er wird das Opfer dieser pädagogischen Versuche werden."
"Sie haben noch einen Bruder?" rief Wilhelm.
"Ja!" versetzte Natalie, "und zwar eine sehr lustige, leichtfertige natur, und da man ihn nicht abgehalten hatte, in der Welt herumzufahren, so weiss ich nicht, was aus diesem losen, lockern Wesen werden soll. Ich habe ihn seit langer Zeit nicht gesehen. Das einzige beruhigt mich, dass der Abbé und überhaupt die Gesellschaft meines Bruders jederzeit unterrichtet sind, wo er sich aufhält und was er treibt."
Wilhelm war eben im Begriff, Nataliens