, ging er, sich im haus umzusehen. Es war die reinste, schönste, würdigste Baukunst, die er gesehen hatte. "Ist doch wahre Kunst", rief er aus, "wie gute Gesellschaft: sie nötigt uns auf die angenehmste Weise, das Mass zu erkennen, nach dem und zu dem unser Innerstes gebildet ist." Unglaublich angenehm war der Eindruck, den die Statuen und Büsten seines Grossvaters auf ihn machten. Mit Verlangen eilte er dem Bilde vom kranken Königssohn entgegen, und noch immer fand er es reizend und rührend. Der Bediente öffnete ihm verschiedene andere Zimmer; er fand eine Bibliotek, eine Naturaliensammlung, ein physikalisches Kabinett. Er fühlte sich so fremd vor allen diesen Gegenständen. Felix war indessen erwacht und ihm nachgesprungen; der Gedanke, wie und wann er Teresens Brief erhalten werde, machte ihm sorge; er fürchtete sich vor dem Anblick Mignons, gewissermassen vor dem Anblick Nataliens. Wie ungleich war sein gegenwärtiger Zustand mit jenen Augenblicken, als er den Brief an Teresen gesiegelt hatte, und mit frohem Mut sich ganz einem so edlen Wesen hingab.
Natalie liess ihn zum Frühstück einladen. Er trat in ein Zimmer, in welchem verschiedene reinlich gekleidete Mädchen, alle, wie es schien, unter zehn Jahren, einen Tisch zurechte machten, indem eine ältliche person verschiedene Arten von Getränken hereinbrachte.
Wilhelm beschaute ein Bild, das über dem Kanapee hing, mit Aufmerksamkeit; er musste es für das Bild Nataliens erkennen, so wenig es ihm genugtun wollte. Natalie trat herein, und die Ähnlichkeit schien ganz zu verschwinden. Zu seinem Troste hatte es ein Ordenskreuz an der Brust, und er sah ein gleiches an der Brust Nataliens.
"Ich habe das Porträt hier angesehen", sagte er zu ihr, "und mich verwundert, wie ein Maler zugleich so wahr und so falsch sein kann. Das Bild gleicht Ihnen im allgemeinen recht sehr gut, und doch sind es weder Ihre Züge noch Ihr Charakter."
"Es ist vielmehr zu verwundern", versetzte Natalie, "dass es so viel Ähnlichkeit hat; denn es ist gar mein Bild nicht; es ist das Bild einer Tante, die mir noch in ihrem Alter glich, da ich erst ein Kind war. Es ist gemalt, als sie ungefähr meine Jahre hatte, und beim ersten Anblick glaubt jedermann mich zu sehen. Sie hätten diese treffliche person kennen sollen. Ich bin ihr so viel schuldig. Eine sehr schwache Gesundheit, vielleicht zu viel Beschäftigung mit sich selbst, und dabei eine sittliche und religiöse Ängstlichkeit liessen sie das der Welt nicht sein, was sie unter andern Umständen hätte werden können. Sie war ein Licht, das nur wenigen Freunden und mir besonders leuchtete."
"Wäre es möglich", versetzte Wilhelm, der sich einen Augenblick besonnen hatte, indem nun auf einmal so viellerlei Umstände ihm zusammentreffend erschienen, "wäre es möglich, dass jene schöne, herrliche Seele, deren stille Bekenntnisse auch mir mitgeteilt worden sind, Ihre Tante sei?"
"Sie haben das Heft gelesen?" fragte Natalie.
"Ja!" versetzte Wilhelm, "mit der grössten Teilnahme und nicht ohne wirkung auf mein ganzes Leben. Was mir am meisten aus dieser Schrift entgegenleuchtete, war, ich möchte so sagen, die Reinlichkeit des Daseins, nicht allein ihrer selbst, sondern auch alles dessen, was sie umgab, diese Selbständigkeit ihrer natur und die Unmöglichkeit, etwas in sich aufzunehmen, was mit der edlen, liebevollen Stimmung nicht harmonisch war."
"So sind Sie", versetzte Natalie, "billiger, ja ich darf wohl sagen, gerechter gegen diese schöne natur als manche anderen, denen man auch dieses Manuskript mitgeteilt hat. Jeder gebildete Mensch weiss, wie sehr er an sich und andern mit einer gewissen Roheit zu kämpfen hat, wieviel ihn seine Bildung kostet, und wie sehr er doch in gewissen Fällen nur an sich selbst denkt und vergisst, was er andern schuldig ist. Wie oft macht der gute Mensch sich Vorwürfe, dass er nicht zart genug gehandelt habe; und doch, wenn nun eine schöne natur sich allzu zart, sich allzu gewissenhaft bildet, ja, wenn man will, sich überbildet, für diese scheint keine Duldung, keine Nachsicht in der Welt zu sein. Dennoch sind die Menschen dieser Art ausser uns, was die Ideale im inneren sind, Vorbilder, nicht zum Nachahmen, sondern zum Nachstreben. Man lacht über die Reinlichkeit der Holländerinnen, aber wäre Freundin Terese, was sie ist, wenn ihr nicht eine ähnliche idee in ihrem Hauswesen immer vorschwebte?"
"So finde ich also", rief Wilhelm aus, "in Teresens Freundin jene Natalie vor mir, an welcher das Herz jener köstlichen Verwandten hing, jene Natalie, die von Jugend an so teilnehmend, so liebevoll und hülfreich war! Nur aus einem solchen Geschlecht konnte eine solche natur entstehen! Welch eine Aussicht eröffnet sich vor mir, da ich auf einmal Ihre Voreltern und den ganzen Kreis, dem Sie angehören, überschaue!"
"Ja!" versetzte Natalie, "Sie könnten in einem gewissen Sinne nicht besser von uns unterrichtet sein, als durch den Aufsatz unserer Tante; freilich hat ihre Neigung zu mir sie zu viel Gutes von dem kind sagen lassen. Wenn man von einem kind redet, spricht man niemals den Gegenstand, immer nur seine Hoffnungen aus."
Wilhelm hatte indessen schnell überdacht, dass er nun auch von Lotarios Herkunft und