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nunmehr durch Übermass, wie es vorher durch Mangel gelitten habe.

Wilhelm erinnerte sich einer solchen krampfhaften Szene, und Natalie bezog sich auf den Arzt, der weiter mit ihm über die Sache sprechen und die Ursache, warum man den Freund und Wohltäter des Kindes gegenwärtig herbeigerufen, umständlicher vorlegen würde. "Eine sonderbare Veränderung", fuhr Natalie fort, "werden Sie an ihr finden; sie geht nunmehr in Frauenkleidern, vor denen sie sonst einen so grossen Abscheu zu haben schien."

"Wie haben Sie das erreicht?" fragte Wilhelm.

"Wenn es wünschenswert war, so sind wir es nur dem Zufall schuldig. hören Sie, wie es zugegangen ist. Sie wissen vielleicht, dass ich immer eine Anzahl junger Mädchen um mich habe, deren Gesinnungen ich, indem sie neben mir aufwachsen, zum Guten und Rechten zu bilden wünsche. Aus meinem mund hören sie nichts, als was ich selber für wahr halte, doch kann ich und will ich nicht hindern, dass sie nicht auch von andern manches vernehmen, was als Irrtum, als Vorurteil in der Welt gäng und gäbe ist. fragen sie mich darüber, so suche ich, soviel nur möglich ist, jene fremden ungehörigen Begriffe irgendwo an einen richtigen anzuknüpfen, um sie dadurch, wo nicht nützlich, doch unschädlich zu machen. Schon seit einiger Zeit hatten meine Mädchen aus dem mund der Bauerkinder gar manches von Engeln, vom Knechte Ruprecht, vom heiligen Christe vernommen, die zu gewissen zeiten in person erscheinen, gute Kinder beschenken und unartige bestrafen sollten. Sie hatten eine Vermutung, dass es verkleidete Personen sein müssten, worin ich sie denn auch bestärkte und, ohne mich viel auf Deutungen einzulassen, mir vornahm, ihnen bei der ersten gelegenheit ein solches Schauspiel zu geben. Es fand sich eben, dass der Geburtstag von Zwillingsschwestern, die sich immer sehr gut betragen hatten, nahe war; ich versprach, dass ihnen diesmal ein Engel die kleinen Geschenke bringen sollte, die sie wohl verdient hätten. Sie waren äusserst gespannt auf diese Erscheinung. Ich hatte mir Mignon zu dieser Rolle ausgesucht, und sie ward an dem bestimmten Tage in ein langes, leichtes, weisses Gewand anständig gekleidet. Es fehlte nicht an einem goldenen Gürtel um die Brust und an einem gleichen Diadem in den Haaren. Anfangs wollte ich die Flügel weglassen, doch bestanden die Frauenzimmer, die sie anputzten, auf ein Paar grosser goldner Schwingen, an denen sie recht ihre Kunst zeigen wollten. So trat, mit einer Lilie in der einen Hand und mit einem Körbchen in der andern, die wundersame Erscheinung in die Mitte der Mädchen und überraschte mich selbst. 'Da kommt der Engel', sagte ich. Die Kinder traten alle wie zurück; endlich riefen sie aus: 'Es ist Mignon!' und getrauten sich doch nicht, dem wundersamen Bilde näher zu treten.

'Hier sind eure Gaben', sagte sie und reichte das Körbchen hin. Man versammelte sich um sie, man betrachtete, man befühlte, man befragte sie.

'Bist du ein Engel?' fragte das eine Kind.

'Ich wollte, ich wär' es', versetzte Mignon.

'Warum trägst du eine Lilie?'

'So rein und offen sollte mein Herz sein, dann wär' ich glücklich.'

'Wie ist's mit den Flügeln? lass sie sehen!'

'Sie stellen schönere vor, die noch nicht entfaltet sind.'

Und so antwortete sie bedeutend auf jede unschuldige, leichte Frage. Als die Neugierde der kleinen Gesellschaft befriedigt war und der Eindruck dieser Erscheinung stumpf zu werden anfing, wollte man sie wieder auskleiden. Sie verwehrte es, nahm ihre Ziter, setzte sich hier auf diesen hohen Schreibtisch hinauf und sang ein Lied mit unglaublicher Anmut.

So lasst mich scheinen, bis ich werde,

Zieht mir das weisse Kleid nicht aus!

Ich eile von der schönen Erde

Hinab in jenes feste Haus.

Dort ruh' ich eine kleine Stille,

Dann öffnet sich der frische blick,

Ich lasse dann die reine Hülle,

Den Gürtel und den Kranz zurück.

Und jene himmlischen Gestalten,

Sie fragen nicht nach Mann und Weib,

Und keine Kleider, keine Falten

Umgeben den verklärten Leib.

Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Mühe,

Doch fühlt' ich tiefen Schmerz genug;

Vor Kummer altert' ich zu frühe,

Macht mich auf ewig wieder jung!

Ich entschloss mich sogleich", fuhr Natalie fort, "ihr das Kleid zu lassen, und ihr noch einige der Art anzuschaffen in denen sie nun auch geht, und in denen, wie es mir scheint, ihr Wesen einen ganz andern Ausdruck hat."

Da es schon spät war, entliess Natalie den Ankömmling, der nicht ohne einige Bangigkeit sich von ihr trennte. "Ist sie verheiratet oder nicht?" dachte er bei sich selbst. Er hatte gefürchtet, sooft sich etwas regte, eine tür möchte sich auftun und der Gemahl hereintreten. Der Bediente, der ihn in sein Zimmer einliess, entfernte sich schneller, als er Mut gefasst hatte, nach diesem Verhältnis zu fragen. Die Unruhe hielt ihn noch eine Zeitlang wach, und er beschäftigte sich das Bild der Amazone mit dem Bilde seiner neuen gegenwärtigen Freundin zu vergleichen. Sie wollten noch nicht miteinander zusammenfliessen; jenes hatte er sich gleichsam geschaffen, und dieses schien fast ihn umschaffen zu wollen.

Drittes Kapitel

Den andern Morgen, da noch alles still und ruhig war