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. Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz besitzt, mag nur tun und redet selten oder spät. Jene haben keine Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist, wie gebackenes Brot, schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen, und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die Handlung wird nur vom geist begriffen und wieder dargestellt. Niemand weiss, was er tut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten sind wir uns immer bewusst. Wer bloss mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant, ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück, und ihre beharrliche Mittelmässigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers Lehre schliesst den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat. Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich dem Meister. "Genug!" rief der Abbé, "das übrige zu seiner Zeit. Jetzt sehen Sie sich in jenen Schränken um."

Wilhelm ging hin und las die Aufschriften der Rollen. Er fand mit Verwunderung Lotarios Lehrjahre, Jarnos Lehrjahre und seine eigenen Lehrjahre daselbst aufgestellt, unter vielen andern, deren Namen ihm unbekannt waren.

"Darf ich hoffen, in die Rollen einen blick zu werfen?"

"Es ist für Sie nunmehr in diesem Zimmer nichts verschlossen."

"Darf ich eine Frage tun?"

"Ohne Bedenken! und Sie können entscheidende Antwort erwarten, wenn es eine Angelegenheit betrifft, die Ihnen zunächst am Herzen liegt und am Herzen liegen soll."

"Gut denn! Ihr sonderbaren und weisen Menschen, deren blick in so viel Geheimnisse dringt, könnt ihr mir sagen, ob Felix wirklich mein Sohn sei?"

"Heil Ihnen über diese Frage!" rief der Abbé, indem er vor Freuden die hände zusammenschlug: "Felix ist Ihr Sohn! Bei dem Heiligsten, was unter uns verborgen liegt, schwör' ich Ihnen, Felix ist Ihr Sohn! und der Gesinnung nach war seine abgeschiedne Mutter Ihrer nicht unwert. Empfangen Sie das liebliche Kind aus unserer Hand, kehren Sie sich um, und wagen Sie es, glücklich zu sein!"

Wilhelm hörte ein Geräusch hinter sich, er kehrte sich um und sah ein Kindergesicht schalkhaft durch die Teppiche des Eingangs hervorgucken, es war Felix. Der Knabe versteckte sich sogleich scherzend, als er gesehen wurde. "Komm hervor!" rief der Abbé. Er kam gelaufen, sein Vater stürzte ihm entgegen, nahm ihn in die arme und drückte ihn an sein Herz. "Ja, ich fühl's", rief er aus, "du bist mein! Welche Gabe des himmels habe ich meinen Freunden zu verdanken! Wo kommst du her, mein Kind, gerade in diesem Augenblick?"

"fragen Sie nicht!" sagte der Abbé. "Heil dir, junger Mann! deine Lehrjahre sind vorüber; die natur hat dich losgesprochen."

Achtes Buch

Erstes Kapitel

Felix war in den Garten gesprungen, Wilhelm folgte ihm mit Entzücken, der schönste Morgen zeigte jeden Gegenstand mit neuen Reizen, und Wilhelm genoss den heitersten Augenblick. Felix war neu in der freien und herrlichen Welt, und sein Vater nicht viel bekannter mit den Gegenständen, nach denen der Kleine wiederholt und unermüdet fragte. Sie gesellten sich endlich zum Gärtner, der die Namen und den Gebrauch mancher Pflanzen hererzählen musste; Wilhelm sah die natur durch ein neues Organ, und die Neugierde, die Wissbegierde des Kindes liessen ihn erst fühlen, welch ein schwaches Interesse er an den Dingen ausser sich genommen hatte, wie wenig er kannte und wusste. An diesem Tage, dem vergnügtesten seines Lebens, schien auch seine eigne Bildung erst anzufangen; er fühlte die notwendigkeit, sich zu belehren, indem er zu lehren aufgefordert ward.

Jarno und der Abbé hatten sich nicht wieder sehen lassen; abends kamen sie und brachten einen Fremden mit. Wilhelm ging ihm mit Erstaunen entgegen, er traute seinen Augen nicht, es war Werner, der gleichfalls einen Augenblick anstand, ihn anzuerkennen. Beide umarmten sich aufs zärtlichste, und beide konnten nicht verbergen, dass sie sich wechselsweise verändert fanden. Werner behauptete, sein Freund sei grösser, stärker, gerader, in seinem Wesen gebildeter und in seinem Betragen angenehmer geworden. – "Etwas von seiner alten Treuherzigkeit vermiss' ich", setzte er hinzu. – "Sie wird sich auch schon wieder zeigen, wenn wir uns nur von der ersten Verwunderung erholt haben", sagte Wilhelm.

Es fehlte viel, dass Werner einen gleich vorteilhaften Eindruck auf Wilhelmen gemacht hätte. Der gute Mann schien eher zurück als vorwärts gegangen zu sein. Er war viel magerer als ehemals, sein spitzes Gesicht schien feiner, seine Nase länger zu sein, seine Stirn und sein Scheitel waren von Haaren entblösst, seine stimme hell, heftig und schreiend, und seine eingedrückte Brust, seine vorfallenden Schultern, seine farblosen Wangen liessen keinen Zweifel übrig, dass ein arbeitsamer Hypochondrist gegenwärtig sei.

Wilhelm war bescheiden genug, um sich über diese grosse Veränderung sehr mässig zu erklären, da der andere hingegen seiner freundschaftlichen Freude völligen Lauf liess. "Wahrhaftig!" rief er aus, "wenn du deine