1795_Goethe_028_185.txt

ihn freundlich.

"Setze dich!" rief eine stimme, die von dem Altar herzu tönen schien. Wilhelm setzte sich auf einen kleinen Armstuhl, der wider den Verschlag des Eingangs stand; es war kein anderer Sitz im ganzen Zimmer, er musste sich darein ergeben, ob ihn schon die Morgensonne blendete; der Sessel stand fest, er konnte nur die Hand vor die Augen halten.

Indem eröffnete sich mit einem kleinen Geräusche der Vorhang über dem Altar und zeigte innerhalb eines Rahmens eine leere, dunkle Öffnung. Es trat ein Mann hervor in gewöhnlicher Kleidung, der ihn begrüsste und zu ihm sagte: "Sollten Sie mich nicht wiedererkennen? Sollten Sie unter andern Dingen, die Sie wissen möchten, nicht auch zu erfahren wünschen, wo die Kunstsammlung Ihres Grossvaters sich gegenwärtig befindet? Erinnern Sie sich des Gemäldes nicht mehr, das Ihnen so reizend war? Wo mag der kranke Königssohn wohl jetzt schmachten?" – Wilhelm erkannte leicht den Fremden, der in jener bedeutenden Nacht sich mit ihm im Gastause unterhalten hatte. "Vielleicht", fuhr dieser fort, "können wir jetzt über Schicksal und Charakter eher einig werden."

Wilhelm wollte eben antworten, als der Vorhang sich wieder rasch zusammenzog. "sonderbar!" sagte er bei sich selbst, "sollten zufällige Ereignisse einen Zusammenhang haben? Und das, was wir Schicksal nennen, sollte es bloss Zufall sein? Wo mag sich meines Grossvaters Sammlung befinden? und warum erinnert man mich in diesen feierlichen Augenblicken daran?"

Er hatte nicht Zeit, weiter zu denken, denn der Vorhang öffnete sich wieder, und ein Mann stand vor seinen Augen, den er sogleich für den Landgeistlichen erkannte, der mit ihm und der lustigen Gesellschaft jene Wasserfahrt gemacht hatte; er glich dem Abbé, ob er gleich nicht dieselbe person schien. Mit einem heitern gesicht und einem würdigen Ausdruck fing der Mann an: "Nicht vor Irrtum zu bewahren, ist die Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glücks, aber wer ihn ganz erschöpft, der muss ihn kennen lernen, wenn er nicht wahnsinnig ist." Der Vorhang schloss sich abermals, und Wilhelm hatte Zeit, nachzudenken. "Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen", sagte er zu sich selbst, "als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat, dass ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, dass ich mir einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die geringste Anlage hatte!"

Der Vorhang riss sich schneller auf, ein Offizier trat hervor und sagte nur im Vorbeigehen: "Lernen Sie die Menschen kennen, zu denen man Zutrauen haben kann!" Der Vorhang schloss sich, und Wilhelm brauchte sich nicht lange zu besinnen, um diesen Offizier für denjenigen zu erkennen, der ihn in des Grafen Park umarmt hatte und schuld gewesen war, dass er Jarno für einen Werber hielt. Wie dieser hierher gekommen und wer er sei, war Wilhelmen völlig ein Rätsel. – "Wenn so viele Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten und wussten, was darauf zu tun sei, warum führten sie dich nicht strenger? warum nicht ernster? warum begünstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon wegzuführen?"

"Rechte nicht mit uns!" rief eine stimme; "du bist gerettet, und auf dem Wege zum Ziel. Du wirst keine deiner Torheiten bereuen und keine zurückwünschen, kein glücklicheres Schicksal kann einem Menschen werden." Der Vorhang riss sich voneinander, und in voller Rüstung stand der alte König von Dänemark in dem raum. "Ich bin der Geist deines Vaters", sagte das Bildnis, "und scheide getrost, da meine Wünsche für dich, mehr als ich sie selbst begriff, erfüllt sind. Steile Gegenden lassen sich nur durch Umwege erklimmen, auf der Ebene führen gerade Wege von einem Ort zum andern. Lebe wohl und gedenke mein, wenn du geniessest, was ich dir vorbereitet habe!"

Wilhelm war äusserst betroffen, er glaubte die stimme seines Vaters zu hören, und doch war sie es auch nicht; er befand sich durch die Gegenwart und die Erinnerung in der verworrensten Lage.

Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbé hervortrat und sich hinter den grünen Tisch stellte. "Treten Sie herbei!" rief er seinem verwunderten Freunde zu. Er trat herbei und stieg die Stufen hinan. Auf dem Teppiche lag eine kleine Rolle. "Hier ist Ihr Lehrbrief", sagte der Abbé, "beherzigen Sie ihn, er ist von wichtigem Inhalt." Wilhelm nahm ihn auf, öffnete ihn und las:

Lehrbrief

Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die gelegenheit flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem Gedanken handeln unbequem. Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist der Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn, er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn. Die Nachahmung ist uns angeboren, das Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten wird das Treffliche gefunden, seltner geschätzt. Die Höhe reizt uns, nicht die Stufen; den Gipfel im Auge wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur ein teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz