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nichts gehört zu haben. "Du willst mich nicht bei dir?" sagte sie. "Vielleicht ist es besser, schicke mich zum alten Harfenspieler! der arme Mann ist so allein."

Wilhelm suchte ihr begreiflich zu machen, dass der Alte gut aufgehoben sei. – "Ich sehne mich jede Stunde nach ihm", versetzte das Kind.

"Ich habe aber nicht bemerkt", sagte Wilhelm, "dass du ihm so geneigt seist, als er noch mit uns lebte."

"Ich fürchtete mich vor ihm, wenn er wachte; ich konnte nur seine Augen nicht sehen; aber wenn er schlief, setzte ich mich gern zu ihm, ich wehrte ihm die Fliegen und konnte mich nicht satt an ihm sehen. O! er hat mir in schrecklichen Augenblicken beigestanden, es weiss niemand, was ich ihm schuldig bin. Hätt' ich nur den Weg gewusst, ich wäre schon zu ihm gelaufen."

Wilhelm stellte ihr die Umstände weitläufig vor und sagte: sie sei so ein vernünftiges Kind, sie möchte doch auch diesmal seinen Wünschen folgen. – "Die Vernunft ist grausam", versetzte sie, "das Herz ist besser. Ich will hingehen, wohin du willst, aber lass mir deinen Felix!"

Nach vielem Hin- und Widerreden war sie immer auf ihrem Sinne geblieben, und Wilhelm musste sich zuletzt entschliessen, die beiden Kinder der Alten zu übergeben und sie zusammen an fräulein Terese zu schicken. Es ward ihm das um so leichter, als er sich noch immer fürchtete, den schönen Felix sich als seinen Sohn zuzueignen. Er nahm ihn auf den Arm und trug ihn herum; das Kind mochte gern vor den Spiegel gehoben sein, und ohne sich es zu gestehen, trug Wilhelm ihn gern vor den Spiegel und suchte dort Ähnlichkeiten zwischen sich und dem kind auszuspähen. Ward es ihm dann einen Augenblick recht wahrscheinlich, so drückte er den Knaben an seine Brust, aber auf einmal, erschreckt durch den Gedanken, dass er sich betrügen könne, setzte er das Kind nieder und liess es hinlaufen. "O!" rief er aus, "wenn ich mir dieses unschätzbare Gut zueignen könnte, und es würde mir dann entrissen, so wäre ich der unglücklichste aller Menschen"

Die Kinder waren weggefahren, und Wilhelm wollte nun seinen förmlichen Abschied vom Teater nehmen, als er fühlte, dass er schon abgeschieden sei und nur zu gehen brauchte. Mariane war nicht mehr, seine zwei Schutzgeister hatten sich entfernt, und seine Gedanken eilten ihnen nach. Der schöne Knabe schwebte wie eine reizende ungewisse Erscheinung vor seiner Einbildungskraft, er sah ihn an Teresens Hand durch Felder und Wälder laufen, in der freien Luft und neben einer freien und heitern Begleiterin sich bilden; Terese war ihm noch viel werter geworden, seitdem er das Kind in ihrer Gesellschaft dachte. Selbst als Zuschauer im Teater erinnerte er sich ihrer mit Lächeln; beinahe war er in ihrem Falle, die Vorstellungen machten ihm keine Illusion mehr.

Serlo und Melina waren äusserst höflich gegen ihn, sobald sie merkten, dass er an seinen vorigen Platz keinen weitern Anspruch machte. Ein teil des Publikums wünschte ihn nochmals auftreten zu sehen; es wäre ihm unmöglich gewesen, und bei der Gesellschaft wünschte es niemand als allenfalls Frau Melina.

Er nahm nun wirklich Abschied von dieser Freundin, er war gerührt und sagte: "Wenn doch der Mensch sich nicht vermessen wollte, irgend etwas für die Zukunft zu versprechen! Das Geringste vermag er nicht zu halten, geschweige wenn sein Vorsatz von Bedeutung ist. Wie schäme ich mich, wenn ich denke, was ich Ihnen allen zusammen in jener unglücklichen Nacht versprach, da wir beraubt, krank, verletzt und verwundet in eine elende Schenke zusammengedrängt waren. Wie erhöhte damals das Unglück meinen Mut, und welchen Schatz glaubte ich in meinem guten Willen zu finden; nun ist aus allem dem nichts, gar nichts geworden! Ich verlasse Sie als Ihr Schuldner, und mein Glück ist, dass man mein Versprechen nicht mehr achtete, als es wert war, und dass niemand mich jemals deshalb gemahnt hat."

"Sein Sie nicht ungerecht gegen sich selbst!" versetzte Frau Melina; "wenn niemand erkennt, was Sie für uns getan hatten, so werde ich es nicht verkennen; denn unser ganzer Zustand wäre völlig anders, wenn wir Sie nicht besessen hätten. Geht es doch unsern Vorsätzen wie unsern Wünschen: sie sehen sich gar nicht mehr ähnlich, wenn sie ausgeführt, wenn sie erfüllt sind, und wir glauben nichts getan, nichts erlangt zu haben."

"Sie werden", versetzte Wilhelm, "durch Ihre freundschaftliche Auslegung mein Gewissen nicht beruhigen, und ich werde mir immer als Ihr Schuldner vorkommen."

"Es ist auch wohl möglich, dass Sie es sind", versetzte Madame Melina, "nur nicht auf die Art, wie Sie es denken. Wir rechnen uns zur Schande, ein Versprechen nicht zu erfüllen, das wir mit dem mund getan haben. O, mein Freund, ein guter Mensch verspricht durch seine Gegenwart nur immer zu viel! Das Vertrauen, das er hervorlockt, die Neigung, die er einflösst, die Hoffnungen, die er erregt, sind unendlich; er wird und bleibt ein Schuldner, ohne es zu wissen. Leben Sie wohl! Wenn unsere äusseren Umstände sich unter Ihrer Leitung recht glücklich hergestellt haben, so entsteht in meinem inneren durch Ihren Abschied eine Lücke, die sich so