1795_Goethe_028_181.txt

wie sie hörten, die Bühne verlassen wolle; sie sprachen so bestimmt und vernünftig von ihm und seinem Spiele, von dem Grade seines Talents, von ihren Hoffnungen, dass Wilhelm nicht ohne Rührung zuletzt ausrief: "O wie unendlich wert wäre mir diese Teilnahme vor wenig Monaten gewesen! Wie belehrend und wie erfreuend! Niemals hätte ich mein Gemüt so ganz von der Bühne abgewendet, und niemals wäre ich so weit gekommen, am Publiko zu verzweifeln."

"Dazu sollte es überhaupt nicht kommen", sagte ein ältlicher Mann, der hervortrat; "das Publikum ist gross, wahrer Verstand und wahres Gefühl sind nicht so selten, als man glaubt; nur muss der Künstler niemals einen unbedingten Beifall für das, was er hervorbringt, verlangen; denn eben der unbedingte ist am wenigsten wert, und den bedingten wollen die Herren nicht gerne. Ich weiss wohl, im Leben wie in der Kunst muss man mit sich zu Rate gehen, wenn man etwas tun und hervorbringen soll; wenn es aber getan und vollendet ist, so darf man mit Aufmerksamkeit nur viele hören, und man kann sich mit einiger Übung aus diesen vielen Stimmen gar bald ein ganzes Urteil zusammensetzen; denn diejenigen, die uns die Mühe ersparen könnten, halten sich meist stille genug."

"Das sollten sie eben nicht!" sagte Wilhelm. "Ich habe so oft gehört, dass Menschen, die selbst über gute Werke schwiegen, doch beklagten und bedauerten, dass geschwiegen wird."

"So wollen wir heute laut werden", rief ein junger Mann, "Sie müssen mit uns speisen, und wir wollen alles einholen, was wir Ihnen und manchmal der guten Aurelie schuldig geblieben sind."

Wilhelm lehnte die Einladung ab und begab sich zu Madame Melina, die er wegen der Kinder sprechen wollte, indem er sie von ihr wegzunehmen gedachte.

Das Geheimnis der Alten war nicht zum besten bei ihm verwahrt. Er verriet sich, als er den schönen Felix wieder ansichtig ward. "O, mein Kind!" rief er aus, "mein liebes Kind!" Er hub ihn auf und drückte ihn an sein Herz. "Vater! was hast du mir mitgebracht?" rief das Kind. Mignon sah beide an, als wenn sie warnen wollte, sich nicht zu verraten.

"Was ist das für eine neue Erscheinung?" sagte Madame Melina. Man suchte die Kinder beiseitezubringen, und Wilhelm, der der Alten das strengste Geheimnis nicht schuldig zu sein glaubte, entdeckte seiner Freundin das ganze Verhältnis. Madame Melina sah ihn lächelnd an. "O! über die leichtgläubigen Männer!" rief sie aus; "wenn nur etwas auf ihrem Wege ist, so kann man es ihnen sehr leicht aufbürden aber dafür sehen sie sich auch ein andermal weder rechts noch links um und wissen nichts zu schätzen, als was sie vorher mit dem Stempel einer willkürlichen leidenschaft bezeichnet haben." Sie konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, und wenn Wilhelm nicht ganz blind gewesen wäre, so hätte er eine nie ganz besiegte Neigung in ihrem Betragen erkennen müssen.

Er sprach nunmehr mit ihr von den Kindern, wie er Felix bei sich zu behalten und Mignon auf das Land zu tun gedächte. Frau Melina, ob sie sich gleich ungerne von beiden zugleich trennte, fand doch den Vorschlag gut, ja notwendig. Felix verwilderte bei ihr, und Mignon schien einer freien Luft und anderer Verhältnisse zu bedürfen; das gute Kind war kränklich und konnte sich nicht erholen.

"Lassen Sie sich nicht irren", fuhr Madame Melina fort, "dass ich einige Zweifel, ob Ihnen der Knabe wirklich zugehöre, leichtsinnig geäussert habe. Der Alten ist freilich wenig zu trauen; doch wer Unwahrheit zu seinem Nutzen ersinnt, kann auch einmal wahr reden, wenn ihm die Wahrheiten nützlich scheinen. Aurelien hatte die Alte vorgespiegelt, Felix sei ein Sohn Lotarios, und die Eigenheit haben wir Weiber, dass wir die Kinder unserer Liebhaber recht herzlich lieben, wenn wir schon die Mutter nicht kennen oder sie von Herzen hassen." Felix kam hereingesprungen, sie drückte ihn an sich, mit einer Lebhaftigkeit die ihr sonst nicht gewöhnlich war.

Wilhelm eilte nach haus und bestellte die Alte, die ihn jedoch nicht eher als in der Dämmerung, zu besuchen versprach; er empfing sie verdriesslich und sagte zu ihr: "Es ist nichts Schändlichers in der Welt, als sich auf Lügen und Märchen einzurichten! Schon hast du viel Böses damit gestiftet, und jetzt, da dein Wort das Glück meines Lebens entscheiden könnte, jetzt steh' ich zweifelhaft und wage nicht, das Kind in meine arme zu schliessen, dessen ungetrübter Besitz mich äusserst glücklich machen würde. Ich kann dich, schändliche Kreatur, nicht ohne Hass und Verachtung ansehen."

"Euer Betragen kommt mir, wenn ich aufrichtig reden soll", versetzte die Alte, "ganz unerträglich vor. Und wenn's nun Euer Sohn nicht wäre, so ist es das schönste, angenehmste Kind von der Welt, das man gern für jeden Preis kaufen möchte, um es nur immer um sich zu haben. Ist es nicht wert, dass Ihr Euch seiner annehmt? Verdiene ich für meine Sorgfalt, für meine Mühe mit ihm nicht einen kleinen Unterhalt für mein künftiges Leben? O ihr Herren, denen nichts abgeht, ihr habt gut von Wahrheit und Geradheit reden; aber wie eine arme Kreatur, deren geringstem Bedürfnis nichts entgegenkommt, die in ihren Verlegenheiten