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, sie sah ihn starr an, die Tränen stürzten ihr aus den Augen, und ein ungeheurer Schmerz ergriff sie. "Welch ein unglücklicher Irrtum", rief sie aus, "lässt Sie noch einen Augenblick hoffen!" – "Ja, ich habe sie verborgen, aber unter die Erde, weder das Licht der Sonne noch eine vertrauliche Kerze wird ihr holdes Angesicht jemals wieder erleuchten. führen Sie den guten Felix an ihr Grab und sagen Sie ihm, da liegt deine Mutter, die dein Vater ungehört verdammt hat. Das liebe Herz schlägt nicht mehr vor Ungeduld, Sie zu sehen, nicht etwa in einer benachbarten kammer wartet sie auf den Ausgang meiner Erzählung oder meines Märchens; die dunkle kammer hat sie aufgenommen, wohin kein Bräutigam folgt, woraus man keinem Geliebten entgegengeht."

Sie warf sich auf die Erde an einem stuhl nieder und weinte bitterlich; Wilhelm war zum erstenmal völlig überzeugt, dass Mariane tot sei; er befand sich in einem traurigen Zustande. Die Alte richtete sich auf. "Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen", rief sie und warf ein Paket auf den Tisch. "Hier diese Briefschaften mögen völlig Ihre Grausamkeit beschämen; lesen Sie diese Blätter mit trocknen Augen durch, wenn es Ihnen möglich ist." Sie schlich leise fort, und Wilhelm hatte diese Nacht das Herz nicht, die Brieftasche zu öffnen, er hatte sie selbst Marianen geschenkt, er wusste, dass sie jedes Blättchen, das sie von ihm erhalten hatte, sorgfältig darin aufhob. Den andern Morgen vermochte er es über sich; er löste das Band, und es fielen ihm kleine Zettelchen, mit Bleistift von seiner eigenen Hand geschrieben, entgegen und riefen ihm jede Situation von dem ersten Tage ihrer anmutigen Bekanntschaft bis zu dem letzten ihrer grausamen Trennung wieder herbei. Allein nicht ohne die lebhaftesten Schmerzen durchlas er eine kleine Sammlung von Billetten, die an ihn geschrieben waren, und die, wie er aus dem Inhalt sah, von Wernern waren zurückgewiesen worden. "Keines meiner Blätter hat bis zu Dir durchdringen können; mein Bitten und Flehen hat Dich nicht erreicht; hast Du selbst diese grausamen Befehle gegeben? Soll ich Dich nie wiedersehen? Noch einmal versuch' ich es, ich bitte Dich: komm, o komm! ich verlange Dich nicht zu behalten, wenn ich Dich nur noch einmal an mein Herz drücken kann." "Wenn ich sonst bei Dir sass, Deine hände hielt, Dir in die Augen sah und mit vollem Herzen der Liebe und des Zutrauens zu Dir sagte 'Lieber, lieber, guter Mann!', das hörtest Du so gern, ich musst' es Dir so oft wiederholen, ich wiederhole es noch einmal: Lieber, lieber, guter Mann! sei gut, wie Du warst, komm und lass mich nicht in meinem Elende verderben!" "Du hältst mich für schuldig, ich bin es auch, aber nicht, wie Du denkst. Komm, damit ich nur den einzigen Trost habe, von Dir ganz gekannt zu sein, es gehe mir nachher, wie es wolle." "Nicht um meinetwillen allein, auch um Dein selbst willen fleh' ich Dich an, zu kommen. Ich fühle die unerträglichen Schmerzen, die Du leidest, indem Du mich fliehst; komm, dass unsere Trennung weniger grausam werde! Ich war vielleicht nie Deiner würdig, als eben in dem Augenblick, da Du mich in ein grenzenloses Elend zurückstössest." "Bei allem, was heilig ist, bei allem, was ein menschliches Herz rühren kann, ruf' ich Dich an! Es ist um eine Seele, es ist um ein Leben zu tun, um zwei Leben, von denen Dir eins ewig teuer sein muss. Dein Argwohn wird auch das nicht glauben, und doch werde ich es in der Stunde des Todes aussprechen: das Kind, das ich unter dem Herzen trage, ist Dein. Seitdem ich Dich liebe, hat kein anderer mir auch nur die Hand gedrückt; dass Deine Liebe, dass Deine Rechtschaffenheit die gefährten meiner Jugend gewesen wären!" "Du willst mich nicht hören? so muss ich denn zuletzt wohl verstummen, aber diese Blätter sollen nicht untergehen, vielleicht können sie noch zu Dir sprechen, wenn das Leichentuch schon meine Lippe bedeckt, und wenn die stimme Deiner Reue nicht mehr zu meinem Ohre reichen kann. Durch mein trauriges Leben bis an den letzten Augenblick wird das mein einziger Trost sein: dass ich ohne Schuld gegen Dich war, wenn ich mich auch nicht unschuldig nennen durfte." Wilhelm konnte nicht weiter; er überliess sich ganz seinem Schmerz, aber noch mehr war er bedrängt, als Laertes hereintrat, dem er seine Empfindungen zu verbergen suchte. Dieser brachte einen Beutel mit Dukaten hervor, zählte und rechnete und versicherte Wilhelmen, es sei nichts Schöneres in der Welt, als wenn man eben auf dem Wege sei, reich zu werden; es könne uns auch alsdann nichts stören oder abhalten. Wilhelm erinnerte sich seines Traums und lächelte; aber zugleich gedachte er auch mit Schaudern, dass in jenem Traumgesichte Mariane ihn verlassen, um seinem verstorbenen Vater zu folgen, und dass beide zuletzt wie Geister schwebend sich um den Garten bewegt hatten.

Laertes riss ihn aus seinem Nachdenken und führte ihn auf ein Kaffeehaus, wo sich sogleich mehrere Personen um ihn versammelten, die ihn sonst gern auf dem Teater gesehen hatten; sie freuten sich seiner Gegenwart, bedauerten aber, dass er,