1795_Goethe_028_178.txt

Papier?"

"Die Aussichten eines verdriesslichen Liebhabers, in der nächsten Nacht besser als gestern aufgenommen zu werden. Und dass man ihm Wort gehalten hat, habe ich mit eignen Augen gesehen, denn er schlich früh vor Tage aus eurem haus hinweg."

"Sie können ihn gesehen haben; aber was bei uns vorging, wie traurig Mariane diese Nacht, wie verdriesslich ich sie zubrachte, das werden Sie erst jetzt erfahren. Ich will ganz aufrichtig sein, weder leugnen noch beschönigen, dass ich Marianen beredete, sich einem gewissen Norberg zu ergeben; sie folgte, ja ich kann sagen, sie gehorchte mir mit Widerwillen. Er war reich, er schien verliebt, und ich hoffte, er werde beständig sein. Gleich darauf musste er eine Reise machen, und Mariane lernte Sie kennen. Was hatte ich da nicht auszustehen! was zu hindern! was zu erdulden 'O!' rief sie manchmal, 'hättest du meiner Jugend, meiner Unschuld nur noch vier Wochen geschont, so hätte ich einen würdigen Gegenstand meiner Liebe gefunden, ich wäre seiner würdig gewesen, und die Liebe hätte das mit einem ruhigen Bewusstsein geben dürfen, was ich jetzt wider Willen verkauft habe.' Sie überliess sich ganz ihrer Neigung, und ich darf nicht fragen, ob Sie glücklich waren. Ich hatte eine uneingeschränkte Gewalt über ihren Verstand, denn ich kannte alle Mittel, ihre kleinen Neigungen zu befriedigen; ich hatte keine Macht über ihr Herz, denn niemals billigte sie, was ich für sie tat, wozu ich sie bewegte, wenn ihr Herz widersprach; nur der unbezwinglichen Not gab sie nach, und die Not erschien ihr bald sehr drückend. In den ersten zeiten ihrer Jugend hatte es ihr an nichts gemangelt; ihre Familie verlor durch eine Verwickelung von Umständen ihr Vermögen, das arme Mädchen war an mancherlei Bedürfnisse gewöhnt, und ihrem kleinen Gemüt waren gewisse gute Grundsätze eingeprägt, die sie unruhig machten, ohne ihr viel zu helfen. Sie hatte nicht die mindeste Gewandteit in weltlichen Dingen, sie war unschuldig im eigentlichen Sinne; sie hatte keinen Begriff, dass man kaufen könne, ohne zu bezahlen; vor nichts war ihr mehr bange, als wenn sie schuldig war; sie hätte immer lieber gegeben als genommen, und nur eine solche Lage machte es möglich, dass sie genötigt ward, sich selbst hinzugeben, um eine Menge kleiner Schulden loszuwerden."

"Und hättest du", fuhr Wilhelm auf, "sie nicht retten können?"

"O ja", versetzte die Alte, "mit Hunger und Not, mit Kummer und Entbehrung, und darauf war ich niemals eingerichtet."

"Abscheuliche, niederträchtige Kupplerin! so hast du das unglückliche geschöpf geopfert? so hast du sie deiner Kehle, deinem unersättlichen Heisshunger hingegeben?"

"Ihr tätet besser, Euch zu mässigen und mit Schimpfreden innezuhalten", versetzte die Alte. "Wenn Ihr schimpfen wollt, so geht in Eure grossen vornehmen Häuser, da werdet Ihr Mütter finden, die recht ängstlich besorgt sind, wie sie für ein liebenswürdiges, himmlisches Mädchen den allerabscheulichsten Menschen auffinden wollen, wenn er nur zugleich der reichste ist. Seht das arme geschöpf vor seinem Schicksale zittern und beben und nirgends Trost finden, als bis ihr irgendeine erfahrne Freundin begreiflich macht, dass sie durch den Ehestand das Recht erwerbe, über ihr Herz und ihre person nach Gefallen disponieren zu können."

"Schweig!" rief Wilhelm; "glaubst du denn, dass ein Verbrechen durch das andere entschuldigt werden könne? Erzähle, ohne weitere Anmerkungen zu machen!"

"So hören Sie, ohne mich zu tadeln! Mariane ward wider meinen Willen die Ihre. Bei diesem Abenteuer habe ich mir wenigstens nichts vorzuwerfen. Norberg kam zurück, er eilte, Marianen zu sehen, die ihn kalt und verdriesslich aufnahm und ihm nicht einen Kuss erlaubte. Ich brauchte meine ganze Kunst, um ihr Betragen zu entschuldigen; ich liess ihn merken, dass ein Beichtvater ihr das Gewissen geschärft habe, und dass man ein Gewissen, solange es spricht, respektieren müsse. Ich brachte ihn dahin, dass er ging, und versprach, mein Bestes zu tun. Er war reich und roh, aber er hatte einen Grund von Gutmütigkeit und liebte Marianen auf das äusserste. Er versprach mir Geduld, und ich arbeitete desto lebhafter, um ihn nicht zu sehr zu prüfen. Ich hatte mit Marianen einen harten Stand; ich überredete sie, ja ich kann sagen, ich zwang sie endlich durch die Drohung, dass ich sie verlassen würde, an ihren Liebhaber zu schreiben und ihn auf die Nacht einzuladen. Sie kamen und rafften zufälligerweise seine Antwort in dem Halstuch auf. Ihre unvermutete Gegenwart hatte mir ein böses Spiel gemacht. Kaum waren Sie weg, so ging die Qual von neuem an; sie schwur, dass sie Ihnen nicht untreu werden könne, und war so leidenschaftlich, so ausser sich, dass sie mir ein herzliches Mitleid ablockte. Ich versprach ihr endlich, dass ich auch diese Nacht Norbergen beruhigen und ihn unter allerlei Vorwänden entfernen wollte; ich bat sie, zu Bette zu gehen, allein sie schien mir nicht zu trauen: sie blieb angezogen und schlief zuletzt, bewegt und ausgeweint, wie sie war, in ihren Kleidern ein.

Norberg kam; ich suchte ihn abzuhalten, ich stellte ihm ihre Gewissensbisse, ihre Reue mit den schwärzesten Farben vor; er wünschte sie nur zu sehen, und ich ging in das Zimmer, um