Leben, Nahrung und Atem stocken, und die Lücke, die entsteht, wird kaum bemerkt, sie füllt sich so geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres."
"Und die Leiden unserer Freunde bringen wir nicht in Anschlag?"
"Auch unsere Freunde tun wohl, wenn sie sich bald finden, wenn sie sich sagen 'Da, wo du bist, da, wo du bleibst, wirke, was du kannst, sei tätig und gefällig und lass dir die Gegenwart heiter sein!'"
Bei näherer Erkundigung fand Wilhelm, was er vermutet hatte: die Oper war eingerichtet und zog die ganze Aufmerksamkeit des Publikums an sich. Seine Rollen waren inzwischen durch Laertes und Horatio besetzt worden, und beide lockten den Zuschauern einen weit lebhafteren Beifall ab, als er jemals hatte erlangen können.
Laertes trat herein, und Madame Melina rief aus: "sehen Sie hier diesen glücklichen Menschen, der bald ein Kapitalist oder Gott weiss was werden wird!" Wilhelm umarmte ihn und fühlte ein vortrefflich feines Tuch an seinem Rocke; seine übrige Kleidung war einfach, aber alles vom besten Zeuge.
"Lösen Sie mir das Rätsel!" rief Wilhelm aus.
"Es ist noch Zeit genug", versetzte Laertes, "um zu erfahren, dass mir mein Hin- und Herlaufen nunmehr bezahlt wird, dass ein Patron eines grossen Handelshauses von meiner Unruhe, meinen Kenntnissen und Bekanntschaften Vorteil zieht und mir einen teil davon ablässt; ich wollte viel drum geben, wenn ich mir dabei auch Zutrauen gegen die Weiber ermäkeln könnte; denn es ist eine hübsche Nichte im haus, und ich merke wohl, wenn ich wollte, könnte ich bald ein gemachter Mann sein."
"Sie wissen wohl noch nicht" sagte Madame Melina, "dass sich indessen auch unter uns eine Heirat gemacht hat? Serlo ist wirklich mit der schönen Elmire öffentlich getraut, da der Vater ihre heimliche Vertraulichkeit nicht guteissen wollte."
So unterhielten sie sich über manches, was sich in seiner Abwesenheit zugetragen hatte, und er konnte gar wohl bemerken, dass er dem Geist und dem Sinne der Gesellschaft nach wirklich längst verabschiedet war.
Mit Ungeduld erwartete er die Alte, die ihm tief in der Nacht ihren sonderbaren Besuch angekündigt hatte. Sie wollte kommen, wenn alles schlief, und verlangte solche Vorbereitungen, eben als wenn das jüngste Mädchen sich zu einem Geliebten schleichen wollte. Er las indes Marianens Brief wohl hundertmal durch, las mit unaussprechlichem Entzücken das Wort Treue von ihrer geliebten Hand und mit Entsetzen die Ankündigung ihres Todes, dessen Annäherung sie nicht zu fürchten schien.
Mitternacht war vorbei, als etwas an der halboffenen tür rauschte und die Alte mit einem Körbchen hereintrat. "Ich soll Euch", sagte sie, "die geschichte unserer Leiden erzählen, und ich muss erwarten, dass Ihr ungerührt dabei sitzt, dass Ihr nur, um Eure Neugierde zu befriedigen, mich so sorgsam erwartet, und dass Ihr Euch jetzt wie damals in Eure kalte Eigenliebe hüllet, wenn uns das Herz bricht. Aber seht her! so brachte ich an jenem glücklichen Abend die Champagnerflasche hervor, so stellte ich drei Gläser auf den Tisch, und so fingt Ihr an, uns mit gutmütigen Kindergeschichten zu täuschen und einzuschläfern, wie ich Euch jetzt mit traurigen Wahrheiten aufklären und wach erhalten muss."
Wilhelm wusste nicht, was er sagen sollte, als die Alte wirklich den Stöpsel springen liess und die drei Gläser vollschenkte.
"Trinkt!" rief sie, nachdem sie ihr schäumendes Glas schnell ausgeleert hatte, "trinkt, eh' der Geist verraucht! Dieses dritte Glas soll zum Andenken meiner unglücklichen Freundin ungenossen verschäumen. Wie rot waren ihre Lippen, als sie Euch damals Bescheid tat! Ach! und nun auf ewig verblasst und erstarrt!"
"Sibylle! Furie!" rief Wilhelm aus, indem er aufsprang und mit der Faust auf den Tisch schlug, "welch ein böser Geist besitzt und treibt dich? Für wen hältst du mich, dass du denkst, die einfachste geschichte von Marianens Tod und Leiden werde mich nicht empfindlich genug kränken, dass du noch solche höllische Kunstgriffe brauchst, um meine Marter zu schärfen? Geht deine unersättliche Völlerei so weit, dass du beim Totenmahle schwelgen musst, so trink und rede! Ich habe dich von jeher verabscheut, und noch kann ich mir Marianen nicht unschuldig denken, wenn ich dich, ihre Gesellschafterin, nur ansehe."
"Gemach, mein Herr!" versetzte die Alte, "Sie werden mich nicht aus meiner Fassung bringen. Sie sind uns noch sehr verschuldet, und von einem Schuldner lässt man sich nicht übel begegnen. Aber Sie haben recht, auch meine einfachste Erzählung ist Strafe genug für Sie. So hören Sie denn den Kampf und den Sieg Marianens, um die Ihrige zu bleiben."
"Die Meinige?" rief Wilhelm aus, "welch ein Märchen willst du beginnen?"
"unterbrechen Sie mich nicht", fiel sie ein, "hören Sie mich, und dann glauben Sie, was Sie wollen, es ist ohnedies jetzt ganz einerlei. Haben Sie nicht am letzten Abend, als Sie bei uns waren, ein Billett gefunden und mitgenommen?"
"Ich fand das Blatt erst, als ich es mitgenommen hatte; es war in das Halstuch verwickelt, das ich aus inbrünstiger Liebe ergriff und zu mir steckte."
"Was entielt das