kennte, als wenn er auch zu lesen verstünde.
Die Kinder sprangen auf und begrüssten den Ankommenden, er umarmte sie aufs zärtlichste und führte sie näher zu der Alten. "Bist du es", sagte er zu ihr mit Ernst, "die dieses Kind Aurelien zugeführt hatte?" Sie sah von ihrer Arbeit auf und wendete ihr Gesicht zu ihm; er sah sie in vollem Lichte, erschrak, trat einige Schritte zurück; es war die alte Barbara.
"Wo ist Mariane?" rief er aus. – "Weit von hier", versetzte die Alte.
"Und Felix? ..."
"Ist der Sohn dieses unglücklichen, nur allzu zärtlich liebenden Mädchens. Möchten Sie niemals empfinden, was Sie uns gekostet haben, möchte der Schatz, den ich Ihnen überliefere, Sie so glücklich machen, als er uns unglücklich gemacht hat!"
Sie stand auf, um wegzugehen, Wilhelm hielt sie fest. "Ich denke Ihnen nicht zu entlaufen", sagte sie, "lassen Sie mich ein Dokument holen, das Sie erfreuen und schmerzen wird." Sie entfernte sich, und Wilhelm sah den Knaben mit einer ängstlichen Freude an; er durfte sich das Kind noch nicht zueignen. "Er ist dein", rief Mignon, "er ist dein", und drückte das Kind an Wilhelms Kniee.
Die Alte kam und überreichte ihm einen Brief. "Hier sind Marianens letzte Worte", sagte sie.
"Sie ist tot!" rief er aus.
"Tot!" sagte die Alte; "möchte ich Ihnen doch alle Vorwürfe ersparen können!"
Überrascht und verwirrt erbrach Wilhelm den Brief; er hatte aber kaum die ersten Worte gelesen, als ihn ein bittrer Schmerz ergriff; er liess den Brief fallen, stürzte auf eine Rasenbank und blieb eine Zeitlang liegen. Mignon bemühte sich um ihn. Indessen hatte Felix den Brief aufgehoben und zerrte seine Gespielin so lange, bis diese nachgab und zu ihm kniete und ihm vorlas. Felix wiederholte die Worte, und Wilhelm war genötigt, sie zweimal zu hören. "Wenn dieses Blatt jemals zu Dir kommt, so bedaure Deine unglückliche Geliebte, Deine Liebe hat ihr den Tod gegeben. Der Knabe, dessen Geburt ich nur wenige Tage überlebe, ist Dein; ich sterbe Dir treu, so sehr der Schein auch gegen mich sprechen mag; mit Dir verlor ich alles, was mich an das Leben fesselte. Ich sterbe zufrieden, da man mir versichert, das Kind sei gesund und werde leben. Höre die alte Barbara, verzeih ihr, lebe' wohl und vergiss mich nicht."
Welch ein schmerzlicher und noch zu seinem Troste halb rätselhafter Brief! dessen Inhalt ihm erst recht fühlbar ward, da ihn die Kinder stockend und stammelnd vortrugen und wiederholten.
"Da haben Sie es nun!" rief die Alte, ohne abzuwarten, bis er sich erholt hatte; "danken Sie dem Himmel, dass nach dem Verluste eines so guten Mädchens Ihnen noch ein so vortreffliches Kind übrigbleibt. Nichts wird Ihrem Schmerze gleichen, wenn Sie vernehmen, wie das gute Mädchen Ihnen bis ans Ende treu geblieben, wie unglücklich sie geworden ist, und was sie Ihnen alles aufgeopfert hat."
"Lass mich den Becher des Jammers und der Freuden" rief Wilhelm aus, "auf einmal trinken! Überzeuge mich, ja überrede mich nur, dass sie ein gutes Mädchen war, dass sie meine achtung wie meine Liebe verdiente, und überlass mich dann meinen Schmerzen über ihren unersetzlichen Verlust!"
"Es ist jetzt nicht Zeit", versetzte die Alte, "ich habe zu tun und wünsche nicht, dass man uns beisammen fände. Lassen Sie es ein Geheimnis sein, dass Felix Ihnen angehört; ich hätte über meine bisherige Verstellung zu viel Vorwürfe von der Gesellschaft zu erwarten. Mignon verrät uns nicht, sie ist gut und verschwiegen."
"Ich wusste es lange und sagte nichts", versetzte Mignon. – "Wie ist es möglich?" rief die Alte. – "Woher?" fiel Wilhelm ein.
"Der Geist hat mir's gesagt."
"Wie? wo?"
"Im Gewölbe, da der Alte das Messer zog, rief mir's zu 'Rufe seinen Vater!' und da fielst du mir ein."
"Wer rief denn?"
"Ich weiss nicht, im Herzen, im kopf, ich war so angst, ich zitterte, ich betete, da rief's, und ich verstand's."
Wilhelm drückte sie an sein Herz, empfahl ihr Felix und entfernte sich. Er bemerkte erst zuletzt, dass sie viel blässer und magerer geworden war, als er sie verlassen hatte. Madame Melina fand er von seinen Bekannten zuerst; sie begrüsste ihn aufs freundlichste. "O! dass Sie doch alles", rief sie aus, "bei uns finden möchten, wie Sie wünschten!"
"Ich zweifle daran", sagte Wilhelm, "und erwarte es nicht. Gestehen Sie es nur, man hat alle Anstalten gemacht, mich entbehren zu können."
"Warum sind Sie auch weggegangen?" versetzte die Freundin.
"Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist. Welche wichtige Personen glauben wir zu sein! Wir denken allein den Kreis zu beleben, in welchem wir wirken; in unserer Abwesenheit muss, bilden wir uns ein,