", versetzte er mit gezwungenem Lächeln, "so werden Sie mir einen Dienst erweisen, ob es gleich nur ein trauriger Dienst ist, wenn man uns aus einem Lieblingstraume aufschüttelt."
"Ohne viel weiter darüber zu reden", versetzte Jarno, "möchte ich Sie nur antreiben, erst die Kinder zu holen; das übrige wird sich schon geben."
"Ich bin bereit dazu", versetzte Wilhelm; "ich bin unruhig und neugierig, ob ich nicht von dem Schicksal des Knaben etwas Näheres entdecken kann; ich verlange das Mädchen wiederzusehen, das sich mit so vieler Eigenheit an mich angeschlossen hat."
Man ward einig, dass er bald abreisen sollte.
Den andern Tag hatte er sich dazu vorbereitet, das Pferd war gesattelt, nur wollte er noch von Lotario Abschied nehmen. Als die Esszeit herbeikam, setzte man sich wie gewöhnlich zu Tische, ohne auf den Hausherrn zu warten; er kam erst spät und setzte sich zu ihnen.
"Ich wollte wetten", sagte Jarno, "Sie haben heute Ihr zärtliches Herz wieder auf die probe gestellt, Sie haben der Begierde nicht widerstehen können, Ihre ehemalige Geliebte wiederzusehen."
"Erraten!" versetzte Lotario.
"Lassen Sie uns hören!" sagte Jarno, "wie ist es abgelaufen? Ich bin äusserst neugierig."
"Ich leugne nicht", versetzte Lotario, "dass mir das Abenteuer mehr als billig auf dem Herzen lag; ich fasste daher den Entschluss, nochmals hinzureiten und die person wirklich zu sehen, deren verjüngtes Bild mir eine so angenehme Illusion gemacht hatte. Ich stieg schon in einiger Entfernung vom haus ab und liess die Pferde beiseiteführen, um die Kinder nicht zu stören, die vor dem Tore spielten. Ich ging in das Haus, und von ungefähr kam sie mir entgegen, denn sie war es selbst, und ich erkannte sie ungeachtet der grossen Veränderung wieder. Sie war stärker geworden und schien grösser zu sein; ihre Anmut blickte durch ein gesetztes Wesen hindurch, und ihre Munterkeit war in ein stilles Nachdenken übergegangen. Ihr Kopf, den sie sonst so leicht und frei trug, hing ein wenig gesenkt, und leise Falten waren über ihre Stirne gezogen.
Sie schlug die Augen nieder, als sie mich sah, aber keine Röte verkündigte eine innere Bewegung des Herzens. Ich reichte ihr die Hand, sie gab mir die ihrige; ich fragte nach ihrem mann, er war abwesend, nach ihren Kindern, sie trat an die tür und rief sie herbei, alle kamen und versammelten sich um sie. Es ist nichts reizender, als eine Mutter zu sehen mit einem kind auf dem arme, und nichts ehrwürdiger, als eine Mutter unter vielen Kindern. Ich fragte nach den Namen der Kleinen, um doch nur etwas zu sagen; sie bat mich, hineinzutreten und auf ihren Vater zu warten. Ich nahm es an; sie führte mich in die stube, wo ich beinahe noch alles auf dem alten platz fand, und – sonderbar! die schöne Muhme, ihr Ebenbild, sass auf eben dem Schemmel hinter dem Spinnrocken, wo ich meine Geliebte in eben der Gestalt so oft gefunden hatte. Ein kleines Mädchen, das seiner Mutter vollkommen glich, war uns nachgefolgt, und so stand ich in der sonderbarsten Gegenwart zwischen der Vergangenheit und Zukunft, wie in einem Orangenwalde, wo in einem kleinen Bezirk Blüten und Früchte stufenweis nebeneinander leben. Die Muhme ging hinaus, einige Erfrischung zu holen, ich gab dem ehemals so geliebten Geschöpfe die Hand und sagte zu ihr: 'Ich habe eine rechte Freude, Sie wiederzusehen.' – 'Sie sind sehr gut, mir das zu sagen', versetzte sie 'aber auch ich kann Ihnen versichern, dass ich eine unaussprechliche Freude habe. Wie oft habe ich mir gewünscht, Sie nur noch einmal in meinem Leben wiederzusehen! ich habe es in Augenblicken gewünscht, die ich für meine letzten hielt.' Sie sagte das mit einer gesetzten stimme, ohne Rührung, mit jener Natürlichkeit, die mich ehemals so sehr an ihr entzückte. Die Muhme kam wieder, ihr Vater dazu – und ich überlasse euch zu denken, mit welchem Herzen ich blieb, und mit welchem ich mich entfernte."
Achtes Kapitel
Wilhelm hatte auf seinem Wege nach der Stadt die edlen weiblichen Geschöpfe, die er kannte und von denen er gehört hatte, im Sinne; ihre sonderbaren Schicksale, die wenig Erfreuliches entielten, waren ihm schmerzlich gegenwärtig. "Ach!" rief er aus, "arme Mariane! was werde ich noch von dir erfahren müssen? Und dich, herrliche Amazone, edler Schutzgeist, dem ich so viel schuldig bin, dem ich überall zu begegnen hoffe, und den ich leider nirgends finde, in welchen traurigen Umständen treff' ich dich vielleicht, wenn du mir einst wieder begegnest!"
In der Stadt war niemand von seinen Bekannten zu haus; er eilte auf das Teater, er glaubte sie in der probe zu finden; alles war still, das Haus schien leer, doch sah er einen Laden offen. Als er auf die Bühne kam, fand er Aureliens alte Dienerin beschäftigt, Leinwand zu einer neuen Dekoration zusammenzunähen; es fiel nur so viel Licht herein, als nötig war, ihre Arbeit zu erhellen. Felix und Mignon sassen neben ihr auf der Erde; beide hielten ein Buch, und indem Mignon laut las, sagte ihr Felix alle Worte nach, als wenn er die Buchstaben