nicht weiter als an dem Tage, da ich sie zum erstenmal sah. Nun war es lange, dass ich Margareten nicht gesehen habe, denn sie ist weit weg verheiratet, nur hörte ich zufällig, sie sei mit ihren Kindern vor wenigen Wochen gekommen, ihren Vater zu besuchen."
"So war ja wohl dieser Spazierritt nicht so ganz zufällig?"
"Ich leugne nicht", sagte Lotario, "dass ich sie anzutreffen wünschte. Als ich nicht weit von dem Wohnhaus war, sah ich ihren Vater vor der tür sitzen; ein Kind von ungefähr einem Jahre stand bei ihm. Als ich mich näherte, sah eine Frauensperson schnell oben zum Fenster heraus, und als ich gegen die tür kam, hörte ich jemand die Treppe herunterspringen. Ich dachte gewiss, sie sei es, und, ich will's nur gestehen, ich schmeichelte mir, sie habe mich erkannt, und sie komme mir eilig entgegen. Aber wie beschämt war ich, als sie zur tür heraussprang, das Kind, dem die Pferde näher kamen, anfasste und in das Haus hineintrug. Es war mir eine unangenehme Empfindung, und nur wurde meine Eitelkeit ein wenig getröstet, als ich, wie sie hinwegeilte, an ihrem Nacken und an dem freistehenden Ohr eine merkliche Röte zu sehen glaubte.
Ich hielt still und sprach mit dem Vater und schielte indessen an den Fenstern herum, ob sie sich nicht hier oder da blicken liesse; allein ich bemerkte keine Spur von ihr. fragen wollt' ich auch nicht, und so ritt ich vorbei. Mein Verdruss wurde durch Verwunderung einigermassen gemildert: denn ob ich gleich kaum das Gesicht gesehen hatte, so schien sie mir fast gar nicht verändert, und zehn Jahre sind doch eine Zeit! ja, sie schien mir jünger, ebenso schlank, ebenso leicht auf den Füssen, der Hals womöglich noch zierlicher als vorher, ihre Wange ebenso leicht der liebenswürdigen Röte empfänglich, dabei Mutter von sechs Kindern, vielleicht noch von mehrern. Es passte diese Erscheinung so gut in die übrige Zauberwelt, die mich umgab, dass ich um so mehr mit einem verjüngten Gefühl weiterritt und an dem nächsten wald erst umkehrte, als die Sonne im Untergehen war. So sehr mich auch der fallende Tau an die Vorschrift des Arztes erinnerte, und es wohl rätlicher gewesen wäre, gerade nach haus zu kehren, so nahm ich doch wieder meinen Weg nach der Seite des Pachtofs zurück. Ich bemerkte, dass ein weibliches geschöpf in dem Garten auf und nieder ging, der mit einer leichten Hecke umzogen ist. Ich ritt auf dem Fusspfade nach der Hecke zu, und ich fand mich eben nicht weit von der person, nach der ich verlangte.
Ob mir gleich die Abendsonne in den Augen lag, sah ich doch, dass sie sich am Zaune beschäftigte, der sie nur leicht bedeckte. Ich glaubte meine alte Geliebte zu erkennen. Da ich an sie kam, hielt ich still, nicht ohne Regung des Herzens. Einige hohe Zweige wilder Rosen, die eine leise Luft hin und her wehte, machten mir ihre Gestalt undeutlich. Ich redete sie an und fragte, wie sie lebe. Sie antwortete mir mit halber stimme 'Ganz wohl.' Indes bemerkte ich, dass ein Kind hinter dem Zaune beschäftigt war, Blumen auszureissen, und nahm die gelegenheit, sie zu fragen wo denn ihre übrigen Kinder seien 'Es ist nicht mein Kind', sagte sie 'das wäre früh!' und in diesem Augenblick schickte sich's, dass ich durch die Zweige ihr Gesicht genau sehen konnte, und ich wusste nicht, was ich zu der Erscheinung sagen sollte. Es war meine Geliebte und war es nicht. Fast jünger, fast schöner, als ich sie vor zehn Jahren gekannt hatte. 'Sind Sie denn nicht die Tochter des Pachters?' fragte ich halb verwirrt 'Nein', sagte sie 'ich bin ihre Muhme.'
'Aber Sie gleichen einander so ausserordentlich', versetzte ich.
'Das sagt jedermann, der sie vor zehen Jahren gekannt hat.'
Ich fuhr fort, sie verschiedenes zu fragen; mein Irrtum war mir angenehm, ob ich ihn gleich schon entdeckt hatte. Ich konnte mich von dem lebendigen Bilde voriger Glückseligkeit, das vor mir stand, nicht losreissen. Das Kind hatte sich indessen von ihr entfernt und war, Blumen zu suchen, nach dem Teiche gegangen. Sie nahm Abschied und eilte dem kind nach.
Indessen hatte ich doch erfahren, dass meine alte Geliebte noch wirklich in dem haus ihres Vaters sei, und indem ich ritt, beschäftigte ich mich mit Mutmassungen, ob sie selbst oder die Muhme das Kind vor den Pferden gesichert habe. Ich wiederholte mir die ganze geschichte mehrmals im Sinne, und ich wüsste nicht leicht, dass irgend etwas angenehmer auf mich gewirkt hätte. Aber ich fühle wohl, ich bin noch krank, und wir wollen den Doktor bitten, dass er uns von dem Überreste dieser Stimmung erlöse."
Es pflegt in vertraulichen Bekenntnissen anmutiger Liebesbegebenheiten wie mit Gespenstergeschichten zu gehen: ist nur erst eine erzählt, so fliessen die übrigen von selbst zu.
Unsere kleine Gesellschaft fand in der Rückerinnerung vergangener zeiten manchen Stoff dieser Art. Lotario hatte am meisten zu erzählen. Jarnos Geschichten trugen alle einen eigenen Charakter, und was Wilhelm zu gestehen hatte, wissen wir schon. Indessen war ihm bange, dass man ihn an die geschichte mit der Gräfin erinnern möchte; allein niemand dachte