sie recht gut ausschlagen sehen. Für mich kenne ich nur eine Missheirat, wenn ich feiern und repräsentieren müsste; ich wollte lieber jedem ehrbaren Pächterssohn aus der Nachbarschaft meine Hand geben."
Wilhelm gedachte nunmehr zurückzukehren und bat seine neue Freundin, ihm noch ein Abschiedswort bei Lydien zu verschaffen. Das leidenschaftliche Mädchen liess sich bewegen, er sagte ihr einige freundliche Worte, sie versetzte: "Den ersten Schmerz hab' ich überwunden, Lotario wird mir ewig teuer sein; aber seine Freunde kenne ich, es ist mir leid, dass er so umgeben ist. Der Abbé wäre fähig, wegen einer Grille die Menschen in Not zu lassen, oder sie gar hineinzustürzen; der Arzt möchte gern alles ins gleiche bringen; Jarno hat kein Gemüt und Sie – wenigstens keinen Charakter! Fahren Sie nur so fort, und lassen Sie sich als Werkzeug dieser drei Menschen brauchen, man wird Ihnen noch manche Exekution auftragen. Lange – mir ist es recht wohl bekannt – war ihnen meine Gegenwart zuwider, ich hatte ihr Geheimnis nicht entdeckt, aber ich hatte beobachtet, dass sie ein Geheimnis verbargen. Wozu diese verschlossenen Zimmer? diese wunderlichen Gänge? Warum kann niemand zu dem grossen Turm gelangen? Warum verbannten sie mich, so oft sie nur konnten, in meine stube? Ich will gestehen, dass Eifersucht zuerst mich auf diese Entdeckung brachte, ich fürchtete, eine glückliche Nebenbuhlerin sei irgendwo versteckt. Nun glaube ich das nicht mehr, ich bin überzeugt, dass Lotario mich liebt, dass er es redlich mit mir meint; aber ebenso gewiss bin ich überzeugt, dass er von seinen künstlichen und falschen Freunden betrogen wird. Wenn Sie sich um ihn verdient machen wollen, wenn Ihnen verziehen werden soll, was Sie an mir verbrochen haben, so befreien Sie ihn aus den Händen dieser Menschen. Doch was hoffe ich! Überreichen Sie ihm diesen Brief, wiederholen Sie, was er entält: dass ich ihn ewig lieben werde, dass ich mich auf sein Wort verlasse. Ach!" rief sie aus, indem sie aufstand und am Halse Teresens weinte, "er ist von meinen Feinden umgeben, sie werden ihn zu bereden suchen, dass ich ihm nichts aufgeopfert habe; o! der beste Mann mag gerne hören, dass er jedes Opfer wert ist, ohne dafür dankbar sein zu dürfen."
Wilhelms Abschied von Teresen war heiterer; sie wünschte ihn bald wiederzusehen. "Sie kennen mich ganz!" sagte sie, "Sie haben mich immer reden lassen; es ist das nächste Mal Ihre Pflicht, meine Aufrichtigkeit zu erwidern."
Auf seiner Rückreise hatte er Zeit genug, diese neue helle Erscheinung lebhaft in der Erinnerung zu betrachten. Welch ein Zutrauen hatte sie ihm eingeflösst! Er dachte an Mignon und Felix, wie glücklich die Kinder unter einer solchen Aufsicht werden könnten; dann dachte er an sich selbst und fühlte, welche Wonne es sein müsse, in der Nähe eines so ganz klaren menschlichen Wesens zu leben. Als er sich o dem Schloss näherte, fiel ihm der Turm mit den vielen Gängen und Seitengebäuden mehr als sonst auf; er nahm sich vor, bei der nächsten gelegenheit Jarno oder den Abbé darüber zur Rede zu stellen.
Siebentes Kapitel
Als Wilhelm nach dem schloss kam, fand er den edlen Lotario auf dem Wege der völligen Besserung; der Arzt und der Abbé waren nicht zugegen, Jarno allein war geblieben. In kurzer Zeit ritt der Genesende schon wieder aus, bald allein, bald mit seinen Freunden. Sein Gespräch war ernstaft und gefällig, seine Unterhaltung belehrend und erquickend; oft bemerkte man Spuren einer zarten Fühlbarkeit, ob er sie gleich zu verbergen suchte und, wenn sie sich wider seinen Willen zeigte, beinah zu missbilligen schien.
So war er eines Abends still bei Tische, ob er gleich heiter aussah.
"Sie haben heute gewiss ein Abenteuer gehabt", sagte endlich Jarno, "und zwar ein angenehmes."
"Wie Sie sich auf Ihre Leute verstehen!" versetzte Lotario. "Ja, es ist mir ein sehr angenehmes Abenteuer begegnet. Zu einer andern Zeit hätte ich es vielleicht nicht so reizend gefunden als diesmal, da es mich so empfänglich antraf. Ich ritt gegen Abend jenseits des Wassers durch die Dörfer, einen Weg, den ich oft genug in früheren Jahren besucht hatte. Mein körperliches Leiden muss mich mürber gemacht haben, als ich selbst glaubte; ich fühlte mich weich und bei wieder auflebenden Kräften wie neugeboren. Alle Gegenstände erschienen mir in eben dem Lichte, wie ich sie in frühern Jahren gesehen hatte, alle so lieblich, so anmutig, so reizend, wie sie mir lange nicht erschienen sind. Ich merkte wohl, dass es Schwachheit war, ich liess mir sie aber ganz wohlgefallen, ritt sachte hin, und es wurde mir ganz begreiflich, wie Menschen eine Krankheit liebgewinnen können, welche uns zu süssen Empfindungen stimmt. Sie wissen vielleicht, was mich ehemals so oft diesen Weg führte?"
"Wenn ich mich recht erinnere", versetzte Jarno, "So war es ein kleiner Liebeshandel, der sich mit der Tochter eines Pachters entsponnen hatte."
"Man dürfte es wohl einen grossen nennen", versetzte Lotario, "denn wir hatten uns beide sehr lieb, recht im Ernste und auch ziemlich lange. Zufälligerweise traf heute alles zusammen, mir die ersten zeiten unserer Liebe recht lebhaft darzustellen. Die Knaben schüttelten eben wieder Maikäfer von den Bäumen, und das Laub der Eschen war eben