sich mit dem Schicksal in Einigkeit zu setzen, nicht sein ganzes vorhergehendes Leben wegzuwerfen braucht!"
Terese kam auf sein Zimmer und bat um Verzeihung, dass sie ihn störe. "Hier in dem Wandschrank", sagte sie, "steht meine ganze Bibliotek; es sind eher Bücher, die ich nicht wegwerfe, als die ich aufhebe. Lydie verlangt ein geistliches Buch, es findet sich wohl auch eins und das andere darunter. Die Menschen, die das ganze Jahr weltlich sind, bilden sich ein, sie müssten zur Zeit der Not geistlich sein; sie sehen alles Gute und Sittliche wie eine Arznei an, die man mit Widerwillen zu sich nimmt, wenn man sich schlecht befindet; sie sehen in einem Geistlichen, einem Sittenlehrer nur einen Arzt, den man nicht geschwind genug aus dem haus loswerden kann; ich aber gestehe gern, ich habe vom Sittlichen den Begriff als von einer Diät, die eben dadurch nur Diät ist, wenn ich sie zur Lebensregel mache, wenn ich sie das ganze Jahr nicht ausser Augen lasse."
Sie suchten unter den Büchern und fanden einige sogenannte Erbauungsschriften. "Die Zuflucht zu diesen Büchern", sagte Terese, "hat Lydie von meiner Mutter gelernt: Schauspiele und Romane waren ihr Leben, solange der Liebhaber treu blieb; seine Entfernung brachte sogleich diese Bücher wieder in Kredit. Ich kann überhaupt nicht begreifen", fuhr sie fort, "wie man hat glauben können, dass Gott durch Bücher und Geschichten zu uns spreche. Wem die Welt nicht unmittelbar eröffnet, was sie für ein Verhältnis zu ihm hat, wem sein Herz nicht sagt, was er sich und andern schuldig ist, der wird es wohl schwerlich aus Büchern erfahren, die eigentlich nur geschickt sind, unsern Irrtümern Namen zu geben."
Sie liess Wilhelmen allein, und er brachte seinen Abend mit Revision der kleinen Bibliotek zu; sie war wirklich bloss durch Zufall zusammengekommen.
Terese blieb die wenigen Tage, die Wilhelm bei ihr verweilte, sich immer gleich; sie erzählte ihm die Folgen ihrer Begebenheit in verschiedenen Absätzen sehr umständlich. Ihrem Gedächtnis war Tag und Stunde, Platz und Name gegenwärtig, und wir ziehen, was unsern Lesern zu wissen nötig ist, hier ins Kurze zusammen.
Die Ursache von Lotarios rascher Entfernung liess sich leider leicht erklären: er war Teresens Mutter auf ihrer Reise begegnet, ihre Reize zogen ihn an, sie war nicht karg gegen ihn, und nun entfernte ihn dieses unglückliche, schnell vorübergegangene Abenteuer von der Verbindung mit einem Frauenzimmer, das die natur selbst für ihn gebildet zu haben schien. Terese blieb in dem reinen Kreise ihrer Beschäftigung und ihrer Pflicht. Man erfuhr, dass Lydie sich heimlich in der Nachbarschaft aufgehalten habe. Sie war glücklich, als die Heirat, obgleich aus unbekannten Ursachen, nicht vollzogen wurde, sie suchte sich Lotario zu nähern, und es schien, dass er mehr aus Verzweiflung als aus Neigung, mehr überrascht als mit Überlegung, mehr aus langer Weile als aus Vorsatz ihren Wünschen begegnet sei.
Terese war ruhig darüber, sie machte keine weitern Ansprüche auf ihn, und selbst wenn er ihr Gatte gewesen wäre, hätte sie vielleicht Mut genug gehabt, ein solches Verhältnis zu ertragen, wenn es nur ihre häusliche Ordnung nicht gestört hätte; wenigstens äusserte sie oft, dass eine Frau, die das Hauswesen recht zusammenhalte, ihrem mann jede kleine Phantasie nachsehen und von seiner Rückkehr jederzeit gewiss sein könne.
Teresens Mutter hatte bald die Angelegenheit ihres Vermögens in Unordnung gebracht; ihre Tochter musste es entgelten, denn sie erhielt wenig von ihr; die alte Dame, Teresens Beschützerin, starb, hinterliess ihr das kleine Freigut und ein artiges Kapital zum Vermächtnis. Terese wusste sich sogleich in den engen Kreis zu finden, Lotario bot ihr ein besseres Besitztum an, Jarno machte den Unterhändler: sie schlug es aus. "Ich will", sagte sie, "im kleinen zeigen, dass ich wert war, das Grosse mit ihm zu teilen aber das behalte ich mir vor, dass, wenn der Zufall mich um meiner oder anderer willen in Verlegenheit setzt, ich zuerst zu meinem werten Freund ohne Bedenken die Zuflucht nehmen könne."
Nichts bleibt weniger verborgen und ungenutzt als zweckmässige Tätigkeit. Kaum hatte sie sich auf ihrem kleinen Gute eingerichtet, so suchten die Nachbarn schon ihre nähere Bekanntschaft und ihren Rat, und der neue Besitzer der angrenzenden Güter gab nicht undeutlich zu verstehen, dass es nur auf sie ankomme, ob sie seine Hand annehmen und Erbe des grössten Teils seines Vermögens werden wolle. Sie hatte schon gegen Wilhelmen dieses Verhältnisses erwähnt und scherzte gelegentlich über Heiraten und Missheiraten mit ihm.
"Es gibt", sagte sie, "den Menschen nichts mehr zu reden, als wenn einmal eine Heirat geschieht, die sie nach ihrer Art eine Missheirat nennen können. Und doch sind die Missheiraten viel gewöhnlicher als die Heiraten; denn es sieht leider nach einer kurzen Zeit mit den meisten Verbindungen gar misslich aus. Die Vermischung der Stände durch Heiraten verdienen nur insofern Missheiraten genannt zu werden, als der eine teil an der angebornen, angewohnten und gleichsam notwendig gewordenen Existenz des andern keinen teil nehmen kann. Die verschiedenen Klassen haben verschiedene Lebensweisen, die sie nicht miteinander teilen noch verwechseln können, und das ist's, warum Verbindungen dieser Art besser nicht geschlossen werden; aber Ausnahmen und recht glückliche Ausnahmen sind möglich. So ist die Heirat eines jungen Mädchens mit einem bejahrten mann immer misslich, und doch habe ich