ihrem Untergange neigt! Es ist Ihr Glück, mein Freund, Sie hätten sonst die geschichte, die ich mir so gerne selbst erzähle, mit allen ihren kleinen Umständen durchhören müssen. Lassen Sie mich eilen! wir nahen einer Epoche, bei der nicht gut zu verweilen ist.
Lotario machte mich mit seiner trefflichen Schwester bekannt, und diese wusste mich auf eine schickliche Weise beim Oheim einzuführen; ich gewann den Alten, er willigte in unsere Wünsche und ich kehrte mit einer glücklichen Nachricht zu meiner Wohltäterin zurück. Die Sache war im haus nun kein Geheimnis mehr, Lydie erfuhr sie, sie glaubte etwas Unmögliches zu vernehmen. Als sie endlich daran nicht mehr zweifeln konnte, verschwand sie auf einmal, und man wusste nicht, wohin sie sich verloren hatte.
Der Tag unserer Verbindung nahte heran; ich hatte ihn schon oft um sein Bildnis gebeten, und ich erinnerte ihn, eben als er wegreiten wollte, nochmals an sein Versprechen. 'Sie haben vergessen', sagte er, 'mir das Gehäuse zu geben, wohinein Sie es gepasst wünschen.' Es war so: Ich hatte ein Geschenk von einer Freundin, das ich sehr wert hielt. Von ihren Haaren war ein verzogener Name unter dem äussern Glase befestigt, inwendig blieb ein leeres Elfenbein, worauf eben ihr Bild gemalt werden sollte, als sie mir unglücklicherweise durch den Tod entrissen wurde. Lotarios Neigung beglückte mich in dem augenblicke, da ihr Verlust mir noch sehr schmerzhaft war, und ich wünschte die Lücke, die sie mir in ihrem Geschenk zurückgelassen hatte, durch das Bild meines Freundes auszufüllen.
Ich eile nach meinem Zimmer, hole mein Schmuckkästchen und eröffne es in seiner Gegenwart; kaum sieht er hinein, so erblickt er ein Medaillon mit dem Bilde eines Frauenzimmers, er nimmt es in die Hand, betrachtet es mit Aufmerksamkeit und fragt hastig 'Wen soll dies Porträt vorstellen?' – 'Meine Mutter', versetzte ich. – 'Hätt' ich doch geschworen', rief er aus 'es sei das Porträt einer Frau von Saint Alban, die ich vor einigen Jahren in der Schweiz antraf.' – 'Es ist einerlei person', versetzte ich lächelnd 'und Sie haben also Ihre Schwiegermutter, ohne es zu wissen, kennen gelernt. Saint Alban ist der romantische Name, unter dem meine Mutter reist; sie befindet sich unter demselben noch gegenwärtig in Frankreich.'
'Ich bin der unglücklichste aller Menschen!' rief er aus, indem er das Bild in das Kästchen zurückwarf, seine Augen mit der Hand bedeckte und sogleich das Zimmer verliess. Er warf sich auf sein Pferd, ich lief auf den Balkon und rief ihm nach; er kehrte sich um, warf mir eine Hand zu, entfernte sich eilig – und ich habe ihn nicht wieder gesehen."
Die Sonne ging unter, Terese sah mit unverwandtem Blicke in die Glut, und ihre beiden schönen Augen füllten sich mit Tränen.
Terese schwieg und legte auf ihres neuen Freundes hände ihre Hand; er küsste sie mit Teilnehmung, sie trocknete ihre Tränen und stand auf. "Lassen Sie uns zurückgehen", sagte sie, "und für die Unsrigen sorgen!"
Das Gespräch auf dem Wege war nicht lebhaft; sie kamen zur Gartentüre herein und sahen Lydien auf einer Bank sitzen; sie stand auf, wich ihnen aus und begab sich ins Haus zurück; sie hatte ein Papier in der Hand, und zwei kleine Mädchen waren bei ihr. "Ich sehe", sagte Terese, "sie trägt ihren einzigen Trost, den Brief Lotarios, noch immer bei sich. Ihr Freund verspricht ihr, dass sie gleich, sobald er sich wohl befindet, wieder an seiner Seite leben soll; er bittet sie, so lange ruhig bei mir zu verweilen. An diesen Worten hängt sie, mit diesen Zeilen tröstet sie sich, aber seine Freunde sind übel bei ihr angeschrieben."
Indessen waren die beiden Kinder herangekommen, begrüssten Teresen und gaben ihr Rechenschaft von allem, was in ihrer Abwesenheit im haus vorgegangen war. "Sie sehen hier noch einen teil meiner Beschäftigung", sagte Terese. "Ich habe mit Lotarios trefflicher Schwester einen Bund gemacht; wir erziehen eine Anzahl Kinder gemeinschaftlich: ich bilde die lebhaften und dienstfertigen Haushälterinnen, und sie übernimmt diejenigen, an denen sich ein ruhigeres und feineres Talent zeigt; denn es ist billig, dass man auf jede Weise für das Glück der Männer und der Haushaltung sorge. Wenn Sie meine edle Freundin kennen lernen, so werden Sie ein neues Leben anfangen: ihre Schönheit, ihre Güte macht sie der Anbetung einer ganzen Welt würdig." Wilhelm getraute sich nicht zu sagen, dass er leider die schöne Gräfin schon kenne, und dass ihn sein vorübergehendes Verhältnis zu ihr auf ewig schmerzen werde; er war sehr zufrieden, dass Terese das Gespräch nicht fortsetzte, und dass ihre Geschäfte sie in das Haus zurückzugehen nötigten. Er befand sich nun allein, und die letzte Nachricht, dass die junge schöne Gräfin auch schon genötigt sei, durch Wohltätigkeit den Mangel an eignem Glück zu ersetzen, machte ihn äusserst traurig; er fühlte, dass es bei ihr nur eine notwendigkeit war, sich zu zerstreuen und an die Stelle eines frohen Lebensgenusses die Hoffnung fremder Glückseligkeit zu setzen. Er pries Teresen glücklich, dass selbst bei jener unerwarteten traurigen Veränderung keine Veränderung in ihr selbst vorzugehen brauchte. "Wie glücklich ist der über alles", rief er aus, "der, um