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und seiner Treue gewiss war, als meinen Ehemann angesehen; ich habe ihm alles gerne gegönnt, was die Liebe fordert, und was ein überzeugtes Herz nicht versagen kann. Machen Sie nun mit mir, was Sie wollen. Wenn ich einen Augenblick zu gestehen zauderte, so war die Furcht, dass mein Bekenntnis für meinen Geliebten schlimme Folgen haben könnte, allein daran Ursache."

Wilhelm fasste, als er ihr Geständnis hörte, einen hohen Begriff von den Gesinnungen des Mädchens, indes sie die Gerichtspersonen für eine freche Dirne erkannten und die gegenwärtigen Bürger Gott dankten, dass dergleichen Fälle in ihren Familien entweder nicht vorgekommen oder nicht bekannt geworden waren.

Wilhelm versetzte seine Mariane in diesem Augenblicke vor den Richterstuhl, legte ihr noch schönere Worte in den Mund, liess ihre Aufrichtigkeit noch herzlicher und ihr Bekenntnis noch edler werden. Die heftigste leidenschaft, bei den Liebenden zu helfen, bemächtigte sich seiner. Er verbarg sie nicht und bat den zaudernden Amtmann heimlich, er möchte doch der Sache ein Ende machen, es sei ja alles so klar als möglich und bedürfe keiner weiteren Untersuchung.

Dieses half so viel, dass man das Mädchen abtreten, dafür aber den jungen Menschen, nachdem man ihm vor der tür die Fesseln abgenommen hatte, hereinkommen liess. Dieser schien über sein Schicksal mehr nachdenkend. Seine Antworten waren gesetzter, und wenn er von einer Seite weniger heroische Freimütigkeit zeigte, so empfahl er sich hingegen durch Bestimmteit und Ordnung seiner Aussage.

Da auch dieses Verhör geendiget war, welches mit dem vorigen in allem übereinstimmte, nur dass er, um das Mädchen zu schonen, hartnäckig leugnete, was sie selbst schon bekannt hatte, liess man auch sie endlich wieder vortreten, und es entstand zwischen beiden eine Szene, welche ihnen das Herz unsers Freundes gänzlich zu eigen machte.

Was nur in Romanen und Komödien vorzugehen pflegt, sah er hier in einer unangenehmen Gerichtsstube vor seinen Augen: den Streit wechselseitiger Grossmut, die Stärke der Liebe im Unglück.

"Ist es denn also wahr", sagte er bei sich selber, "dass die schüchterne Zärtlichkeit, die vor dem Auge der Sonne und der Menschen sich verbirgt, und nur in abgesonderter Einsamkeit, in tiefem Geheimnisse zu geniessen wagt, wenn sie durch einen feindseligen Zufall hervorgeschleppt wird, sich alsdann mutiger, stärker, tapferer zeigt als andere brausende und grosstuende Leidenschaften?"

Zu seinem Troste beschloss sich die ganze Handlung noch ziemlich bald. Sie wurden beide in leidliche Verwahrung genommen, und wenn es möglich gewesen wäre, so hätte er noch diesen Abend das Frauenzimmer zu ihren Eltern hinübergebracht. Denn er setzte sich fest vor, hier ein Mittelsmann zu werden und die glückliche und anständige Verbindung beider Liebenden zu befördern.

Er erbat sich von dem Amtmann die Erlaubnis, mit Melina allein zu reden, welche ihm denn auch ohne Schwierigkeit verstattet wurde.

Vierzehntes Kapitel

Das Gespräch der beiden neuen Bekannten wurde gar bald vertraut und lebhaft. Denn als Wilhelm dem niedergeschlagenen Jüngling sein Verhältnis zu den Eltern des Frauenzimmers entdeckte, sich zum Mittler anbot und selbst die besten Hoffnungen zeigte, erheiterte sich das traurige und sorgenvolle Gemüt des Gefangenen, er fühlte sich schon wieder befreit, mit seinen Schwiegereltern versöhnt, und es war nun von künftigem Erwerb und Unterkommen die Rede.

"Darüber werden Sie doch nicht in Verlegenheit sein", versetzte Wilhelm; "denn Sie scheinen mir beiderseits von der natur bestimmt, in dem stand, den Sie gewählt haben, Ihr Glück zu machen. Eine angenehme Gestalt, eine wohlklingende stimme, ein gefühlvolles Herz! Können Schauspieler besser ausgestattet sein? Kann ich Ihnen mit einigen Empfehlungen dienen, so wird es mir viel Freude machen."

"Ich danke Ihnen von Herzen", versetzte der andere; "aber ich werde wohl schwerlich davon Gebrauch machen können, denn ich denke womöglich nicht auf das Teater zurückzukehren."

"Daran tun Sie sehr übel", sagte Wilhelm nach einer Pause, in welcher er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, denn er dachte nicht anders, als dass der Schauspieler, sobald er mit seiner jungen Gattin befreit worden, das Teater aufsuchen werde. Es schien ihm ebenso natürlich und notwendig, als dass der Frosch das wasser sucht. Nicht einen Augenblick hatte er daran gezweifelt, und musste nun zu seinem Erstaunen das Gegenteil erfahren.

"Ja", versetzte der andere, "ich habe mir vorgenommen, nicht wieder auf das Teater zurückzukehren, vielmehr eine bürgerliche Bedienung, sie sei auch welche sie wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten kann."

"Das ist ein sonderbarer Entschluss, den ich nicht billigen kann; denn ohne besondere Ursache ist es niemals ratsam, die Lebensart, die man ergriffen hat, zu verändern, und überdies wüsste ich keinen Stand, der so viel Annehmlichkeiten, so viel reizende Aussichten darböte, als den eines Schauspielers."

"Man sieht, dass Sie keiner gewesen sind", versetzte jener.

Darauf sagte Wilhelm: "Mein Herr, wie selten ist der Mensch mit dem Zustande zufrieden, in dem er sich befindet! Er wünscht sich immer den seines nächsten, aus welchem sich dieser gleichfalls heraussehnt."

"Indes bleibt doch ein Unterschied", versetzte Melina, "zwischen dem Schlimmen und dem Schlimmern; Erfahrung, nicht Ungeduld macht mich so handeln. Ist wohl irgendein Stückchen Brot kümmerlicher, unsicherer und mühseliger in der Welt? Beinahe wäre es ebenso gut, vor den Türen zu betteln. Was hat man von dem Neide seiner Mitgenossen