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als möglich besuchen und wünsche vollkommene Besserung. Da könnte ich nun auch", sagte sie mit Lächeln, als er weg war, "bald reich und vielhabend werden; denn mein guter Nachbar wäre nicht abgeneigt, mir seine Hand zu geben."

"Der Alte mit dem Podagra?" rief Wilhelm; "ich wüsste nicht, wie Sie in Ihren Jahren zu so einem verzweifelten Entschluss kommen könnten?" – "Ich bin auch gar nicht versucht!" versetzte Terese. "Wohlhabend ist jeder, der dem, was er besitzt, vorzustehen weiss; vielhabend zu sein, ist eine lästige Sache, wenn man es nicht versteht."

Wilhelm zeigte seine Verwunderung über ihre Wirtschaftskenntnisse. – "Entschiedene Neigung, frühe gelegenheit, äusserer Antrieb und eine fortgesetzte Beschäftigung in einer nützlichen Sache machen in der Welt noch viel mehr möglich", versetzte Terese, "und wenn Sie erst erfahren werden, was mich dazu belebt hat, so werden Sie sich über das sonderbar scheinende Talent nicht mehr wundern."

Sie liess ihn, als sie zu haus anlangten, in ihrem kleinen Garten, in welchem er sich kaum herumdrehen konnte; So eng waren die Wege, und so reichlich war alles bepflanzt. Er musste lächeln, als er über den Hof zurückkehrte, denn da lag das Brennholz so akkurat gesägt, gespalten und geschränkt, als wenn es ein teil des Gebäudes wäre und immer so liegenbleiben sollte. Rein standen alle Gefässe an ihren Plätzen, das Häuschen war weiss und rot angestrichen und lustig anzusehen. Was das Handwerk hervorbringen kann, das keine schönen Verhältnisse kennt, aber für Bedürfnis, Dauer und Heiterkeit arbeitet, schien auf dem platz vereinigt zu sein. Man brachte ihm das Essen auf sein Zimmer, und er hatte Zeit genug, Betrachtungen anzustellen. Besonders fiel ihm auf, dass er nun wieder eine so interessante person kennen lernte, die mit Lotario in einem nahen Verhältnisse gestanden hatte. "Billig ist es", sagte er zu sich selbst, "dass so ein trefflicher Mann auch treffliche Weiberseelen an sich ziehe! Wie weit verbreitet sich die wirkung der Männlichkeit und Würde! Wenn nur andere nicht so sehr dabei zu kurz kämen! Ja, gestehe dir nur deine Furcht! Wenn du dereinst deine Amazone wieder antriffst, diese Gestalt aller Gestalten, du findest sie, trotz aller deiner Hoffnungen und Träume, zu deiner Beschämung und Demütigung doch noch am Endeals seine Braut."

Sechstes Kapitel

Wilhelm hatte einen unruhigen Nachmittag nicht ganz ohne Langeweile zugebracht, als sich gegen Abend seine Tür öffnete und ein junger artiger Jägerbursche mit einem Grusse hereintrat. "Wollen wir nun spazierengehen?" sagte der junge Mensch, und in dem Augenblicke erkannte Wilhelm Teresen an ihren schönen Augen.

"Verzeihn Sie mir diese Maskerade", fing sie an, "denn leider ist es jetzt nur Maskerade. Doch da ich Ihnen einmal von der Zeit erzählen soll, in der ich mich so gerne in dieser Weste sah, will ich mir auch jene Tage auf alle Weise vergegenwärtigen. Kommen Sie! selbst der Platz, an dem wir so oft von unsern Jagden und Spaziergängen ausruhten, soll dazu beitragen."

Sie gingen, und auf dem Wege sagte Terese zu ihrem Begleiter: "Es ist nicht billig, dass Sie mich allein reden lassen; schon wissen Sie genug von mir, und ich weiss noch nicht das mindeste von Ihnen; erzählen Sie mir indessen etwas von sich, damit ich Mut bekomme, Ihnen auch meine geschichte und meine Verhältnisse vorzulegen." – "Leider hab' ich", versetzte Wilhelm, "nichts zu erzählen als Irrtümer auf Irrtümer, Verirrungen auf Verirrungen, und ich wüsste nicht, wem ich die Verworrenheiten, in denen ich mich befand und befinde, lieber verbergen möchte als Ihnen. Ihr blick und alles, was Sie umgibt, Ihr ganzes Wesen und Ihr Betragen zeigt mir, dass Sie sich Ihres vergangenen Lebens freuen können, dass Sie auf einem schönen, reinen Wege in einer sichern Folge gegangen sind, dass Sie keine Zeit verloren, dass Sie sich nichts vorzuwerfen haben."

Terese lächelte und versetzte: "Wir müssen abwarten, ob Sie auch noch so denken, wenn Sie meine geschichte hören." Sie gingen weiter, und unter einigen allgemeinen Gesprächen fragte ihn Terese: "Sind Sie frei?" – "Ich glaube es zu sein", versetzte er, "aber ich wünsche es nicht." – "Gut!" sagte sie, "das deutet auf einen komplizierten Roman und zeigt mir, dass Sie auch etwas zu erzählen haben."

Unter diesen Worten stiegen sie den Hügel hinan und lagerten sich bei einer grossen Eiche, die ihren Schatten weit umher verbreitete. "Hier", sagte Terese, "unter diesem deutschen Baume will ich Ihnen die geschichte eines deutschen Mädchens erzählen; hören Sie mich geduldig an.

Mein Vater war ein wohlhabender Edelmann dieser Provinz, ein heiterer, klarer, tätiger, wackrer Mann, ein zärtlicher Vater, ein redlicher Freund, ein trefflicher Wirt, an dem ich nur den einzigen Fehler kannte, dass er gegen eine Frau zu nachsichtig war, die ihn nicht zu schätzen wusste. Leider muss ich das von meiner eigenen Mutter sagen! Ihr Wesen war dem seinigen ganz entgegengesetzt. Sie war rasch, unbeständig, ohne Neigung weder für ihr Haus noch für mich, ihr einziges Kind; verschwenderisch, aber schön, geistreich, voller Talente, das Entzücken eines Zirkels