zu sprechen. Wilhelm fragte nach Lydien, ob er das gute Mädchen nicht sehen und sich bei ihr entschuldigen könnte.
"Das wird jetzt nicht bei ihr wirken", versetzte Terese, "die Zeit entschuldigt, wie sie tröstet. Worte sind in beiden Fällen von wenig Kraft. Lydie will Sie nicht sehen. – 'Lassen Sie mir ihn ja nicht vor die Augen kommen', rief sie, als ich sie verliess 'ich möchte an der Menschheit verzweifeln! So ein ehrlich Gesicht, so ein offnes Betragen und diese heimliche Tücke!' Lotario ist ganz bei ihr entschuldigt; auch sagt er in einem Briefe an das gute Mädchen: 'Meine Freunde beredeten mich, meine Freunde nötigten mich!' Zu diesen rechnet Lydie Sie auch und verdammt Sie mit den übrigen."
"Sie erzeigt mir zu viel Ehre, indem sie mich schilt", versetzte Wilhelm; "ich darf an die Freundschaft dieses trefflichen Mannes noch keinen Anspruch machen und bin diesmal nur ein unschuldiges Werkzeug. Ich will meine Handlung nicht loben; genug, ich konnte sie tun! Es war von der Gesundheit, es war von dem Leben eines Mannes die Rede, den ich höher schätzen muss als irgend jemand, den ich vorher kannte. O welch ein Mann ist das, fräulein! und welche Menschen umgeben ihn! In dieser Gesellschaft hab' ich, so darf ich wohl sagen, zum erstenmal ein Gespräch geführt, zum erstenmal kam mir der eigenste Sinn meiner Worte aus dem mund eines andern reichhaltiger, voller und in einem grösseren Umfang wieder entgegen; was ich ahnete, ward mir klar, und was ich meinte, lernte ich anschauen. Leider ward dieser Genuss erst durch allerlei Sorgen und Grillen, dann durch den unangenehmen Auftrag unterbrochen. Ich übernahm ihn mit Ergebung; denn ich hielt für Schuldigkeit, selbst mit Aufopferung meines Gefühls diesem trefflichen Kreise von Menschen meinen Einstand abzutragen."
Terese hatte unter diesen Worten ihren Gast sehr freundlich angesehen. "O, wie süss ist es", rief sie aus, "seine eigne Überzeugung aus einem fremden mund zu hören! Wie werden wir erst recht wir selbst, wenn uns ein anderer vollkommen recht gibt. Auch ich denke über Lotario vollkommen wie Sie; nicht jedermann lässt ihm Gerechtigkeit widerfahren; dafür schwärmen aber auch alle die für ihn, die ihn näher kennen, und das schmerzliche Gefühl, das sich in meinem Herzen zu seinem Andenken mischt, kann mich nicht abhalten, täglich an ihn zu denken." Ein Seufzer erweiterte ihre Brust, indem sie dieses sagte, und in ihrem rechten Auge blinkte eine schöne Träne. "Glauben Sie nicht", fuhr sie fort, "dass ich so weich, so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge, das weint. Ich hatte eine kleine Warze am untern Augenlid, man hat mir sie glücklich abgebunden, aber das Auge ist seit der Zeit immer schwach geblieben, der geringste Anlass drängt mir eine Träne hervor. Hier sass das Wärzchen, Sie sehen keine Spur mehr davon."
Er sah keine Spur, aber er sah ihr ins Auge, es war klar, wie Kristall, er glaubte bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen.
"Wir haben", sagte sie, "nun das Losungswort unserer Verbindung ausgesprochen; lassen Sie uns so bald als möglich miteinander völlig bekannt werden. Die geschichte des Menschen ist sein Charakter. Ich will Ihnen erzählen, wie es mir ergangen ist; schenken Sie mir ein gleiches Vertrauen, und lassen Sie uns auch in der Ferne verbunden bleiben. Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte darin denkt, aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns übereinstimmt mit dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht uns dieses Erdenrund erst zu einem bewohnten Garten."
Sie eilte fort und versprach, ihn bald zum Spaziergange abzuholen. Ihre Gegenwart hatte sehr angenehm auf ihn gewirkt; er wünschte ihr Verhältnis zu Lotario zu erfahren. Er ward gerufen, sie kam ihm aus ihrem Zimmer entgegen.
Als sie die enge und beinah steile Treppe einzeln hinuntergehen mussten, sagte sie: "Das könnte alles weiter und breiter sein, wenn ich auf das Anerbieten Ihres grossmütigen Freundes hätte hören wollen, doch um seiner wert zu bleiben, muss ich das an mir erhalten, was mich ihm so wert machte. Wo ist der Verwalter?" fragte sie, indem sie die Treppe völlig herunterkam. "Sie müssen nicht denken", fuhr sie fort, "dass ich so reich bin, um einen Verwalter zu brauchen; die wenigen Äcker meines Freigütchens kann ich wohl selbst bestellen. Der Verwalter gehört meinem neuen Nachbar, der das schöne Gut gekauft hat, das ich in- und auswendig kenne; der gute alte Mann liegt krank am Podagra, seine Leute sind in dieser Gegend neu, und ich helfe ihnen gerne sich einrichten."
Sie machten einen Spaziergang durch Äcker, Wiesen und einige Baumgärten. Terese bedeutete den Verwalter in allem, sie konnte ihm von jeder Kleinigkeit Rechenschaft geben, und Wilhelm hatte Ursache genug, sich über ihre Kenntnis, ihre Bestimmteit und über die Gewandteit, wie sie in jedem Falle Mittel anzugeben wusste; zu verwundern. Sie hielt sich nirgends auf, eilte immer zu den bedeutenden Punkten, und so war die Sache bald abgetan. "Grüsst Euren Herrn", sagte sie, als sie den Mann verabschiedete; "ich werde ihn so bald