1795_Goethe_028_161.txt

Ihren harten Pinselstrichen finden wollte? Verzeihen Sie mir, ich muss wieder lachen, dass Sie glaubten, diese schönen Qualitäten seien nur auf die Bretter gebannt."

Wilhelm fasste sich, denn wirklich hatte ihn das unbändige und unzeitige Gelächter Jarnos verdrossen. "Sie können", sagte er, "Ihren Menschenhass nicht ganz verbergen, wenn Sie behaupten, dass diese Fehler allgemein seien."

"Und es zeugt von Ihrer Unbekanntschaft mit der Welt, wenn Sie die Erscheinungen dem Teater so hoch anrechnen. Wahrhaftig, ich verzeihe dem Schauspieler jeden Fehler, der aus dem Selbstbetrug und aus der Begierde zu gefallen entspringt; denn wenn er sich und andern nicht etwas scheint, so ist er nichts. Zum Schein ist er berufen, er muss den augenblicklichen Beifall hoch schätzen, denn er erhält keinen andern Lohn; er muss zu glänzen suchen, denn deswegen steht er da."

"Sie erlauben", versetzte Wilhelm, "dass ich von meiner Seite wenigstens lächele. Nie hätte ich geglaubt, dass Sie so billig, so nachsichtig sein könnten."

"Nein, bei Gott! dies ist mein völliger, wohlbedachter Ernst. Alle Fehler des Menschen verzeih' ich dem Schauspieler, keine Fehler des Schauspielers verzeih' ich dem Menschen. Lassen Sie mich meine Klaglieder hierüber nicht anstimmen, sie würden heftiger klingen als die Ihrigen."

Der Chirurgus kam aus dem Kabinett, und auf Befragen, wie sich der Kranke befinde, sagte er mit lebhafter Freundlichkeit: "Recht sehr wohl, ich hoffe ihn bald völlig wiederhergestellt zu sehen." Sogleich eilte er zum Saal hinaus und erwartete Wilhelms Frage nicht, der schon den Mund öffnete, sich nochmals und dringender nach der Brieftasche zu erkundigen. Das Verlangen, von seiner Amazone etwas zu erfahren, gab ihm Vertrauen zu Jarno; er entdeckte ihm seinen Fall und bat ihn um seine Beihülfe. "Sie wissen so viel", sagte er, "sollten Sie nicht auch das erfahren können?"

Jarno war einen Augenblick nachdenkend, dann sagte er zu seinem jungen Freunde: "Seien Sie ruhig, und lassen Sie sich weiter nichts merken, wir wollen der Schönen schon auf die Spur kommen. Jetzt beunruhigt mich nur Lotarios Zustand, die Sache steht gefährlich, das sagt mir die Freundlichkeit und der gute Trost des Wundarztes. Ich hätte Lydien schon gerne weggeschafft, denn sie nutzt hier gar nichts; aber ich weiss nicht, wie ich es anfangen soll. Heute abend, hoff' ich, soll unser alter Medikus kommen, und dann wollen wir weiter ratschlagen."

Viertes Kapitel

Der Medikus kam; es war der gute, alte, kleine Arzt, den wir schon kennen, und dem wir die Mitteilung des interessanten Manuskripts verdanken. Er besuchte vor allen Dingen den Verwundeten und schien mit dessen Befinden keinesweges zufrieden. Dann hatte er mit Jarno eine lange Unterredung, doch liessen sie nichts merken, als sie abends zu Tische kamen.

Wilhelm begrüsste ihn aufs freundlichste und erkundigte sich nach seinem Harfenspieler. – "Wir haben noch Hoffnung, den Unglücklichen zurechte zu bringen", versetzte der Arzt. – "Dieser Mensch war eine traurige Zugabe zu Ihrem eingeschränkten und wunderlichen Leben", sagte Jarno. "Wie ist es ihm weiter ergangen? Lassen Sie mich es wissen."

Nachdem man Jarnos Neugierde befriediget hatte, fuhr der Arzt fort: "Nie habe ich ein Gemüt in einer so sonderbaren Lage gesehen. Seit vielen Jahren hat er an nichts, was ausser ihm war, den mindesten Anteil genommen, ja fast auf nichts gemerkt; bloss in sich gekehrt, betrachtete er sein hohles, leeres Ich, das ihm als ein unermesslicher Abgrund erschien. Wie rührend war es, wenn er von diesem traurigen Zustande sprach 'Ich sehe nichts vor mir, nichts hinter mir', rief er aus 'als eine unendliche Nacht, in der ich mich in der schrecklichsten Einsamkeit befinde; kein Gefühl bleibt mir, als das Gefühl meiner Schuld, die doch auch nur wie ein entferntes unförmliches Gespenst sich rückwärts sehen lässt. Doch da ist keine Höhe, keine Tiefe, kein Vor und Zurück, kein Wort drückt diesen immer gleichen Zustand aus. Manchmal ruf' ich in der Not dieser Gleichgültigkeit: Ewig! ewig! mit Heftigkeit aus, und dieses seltsame, unbegreifliche Wort ist hell und klar gegen die Finsternis meines Zustandes. Kein Strahl einer Gotteit erscheint mir in dieser Nacht, ich weine meine Tränen alle mir selbst und um mich selbst. Nichts ist mir grausamer als Freundschaft und Liebe; denn sie allein locken mir den Wunsch ab, dass die Erscheinungen, die mich umgeben, wirklich sein möchten. Aber auch diese beiden Gespenster sind nur aus dem Abgrunde gestiegen, um mich zu ängstigen, und um mir zuletzt auch das teure Bewusstsein dieses ungeheuren Daseins zu rauben.'

Sie sollten ihn hören", fuhr der Arzt fort, "wenn er in vertraulichen Stunden auf diese Weise sein Herz erleichtert; mit der grössten Rührung habe ich ihm einigemal zugehört. Wenn sich ihm etwas aufdringt, das ihn nötigt, einen Augenblick zu gestehen, eine Zeit sei vergangen, so scheint er wie erstaunt, und dann verwirft er wieder die Veränderung an den Dingen als eine Erscheinung der Erscheinungen. Eines Abends sang er ein Lied über seine grauen Haare; wir sassen alle um ihn her und weinten."

"O schaffen Sie es mir!" rief Wilhelm aus.

"Haben Sie denn aber", fragte Jarno, "