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, ihr Schicksal mit gesetztem Mute zu tragen. Bei einem Balle gab es einen öffentlichen Bruch, sie glaubte sich äusserst beleidigt und wünschte gerächt zu werden; kein Ritter fand sich, der sich ihrer angenommen hätte, bis endlich ihr Mann, von dem sie sich lange getrennt hatte, die Sache erfuhr und sich ihrer annahm, den Baron herausforderte und heute verwundete; doch ist der Obrist, wie ich höre, noch schlimmer dabei gefahren."

Von diesem Augenblicke an ward unser Freund im haus, als gehöre er zur Familie, behandelt.

Drittes Kapitel

Man hatte einigemal dem Kranken vorgelesen; Wilhelm leistete diesen kleinen Dienst mit Freuden; Lydie kam nicht vom Bette hinweg, ihre Sorgfalt für den Verwundeten verschlang alle ihre übrige Aufmerksamkeit, aber heute schien auch Lotario zerstreut, ja er bat, dass man nicht weiter lesen möchte.

"Ich fühle heute so lebhaft", sagte er, "wie töricht der Mensch seine Zeit verstreichen lässt! Wie manches habe ich mir vorgenommen, wie manches durchdacht, und wie zaudert man nicht bei seinen besten Vorsätzen! Ich habe die Vorschläge über die Veränderungen gelesen, die ich auf meinen Gütern machen will, und ich kann sagen, ich freue mich vorzüglich dieserwegen, dass die Kugel keinen gefährlichern Weg genommen hat."

Lydie sah ihn zärtlich, ja mit Tränen in den Augen an, als wollte sie fragen, ob denn sie, ob seine Freunde nicht auch Anteil an der Lebensfreude fordern könnten. Jarno dagegen versetzte: "Veränderungen, wie Sie vorhaben, werden billig erst von allen Seiten überlegt, bis man sich dazu entschliesst."

"Lange Überlegungen", versetzte Lotario, "zeigen gewöhnlich, dass man den Punkt nicht im Auge hat, von dem die Rede ist, übereilte Handlungen, dass man ihn gar nicht kennt. Ich übersehe sehr deutlich, dass ich in vielen Stücken bei der Wirtschaft meiner Güter die Dienste meiner Landleute nicht entbehren kann, und dass ich auf gewissen Rechten strack und streng halten muss; ich sehe aber auch, dass andere Befugnisse mir zwar vorteilhaft, aber nicht ganz unentbehrlich sind, so dass ich davon meinen Leuten auch was gönnen kann. Man verliert nicht immer, wenn man entbehrt. Nutze ich nicht meine Güter weit besser als mein Vater? Werde ich meine Einkünfte nicht noch höher treiben? Und soll ich diesen wachsenden Vorteil allein geniessen? Soll ich dem, der mit mir und für mich arbeitet, nicht auch in dem Seinigen Vorteile gönnen, die uns erweiterte Kenntnisse, die uns eine vorrückende Zeit darbietet?"

"Der Mensch ist nun einmal so!" rief Jarno, "und ich tadle mich nicht, wenn ich mich auch in dieser Eigenheit ertappe; der Mensch begehrt alles an sich zu reissen, um nur nach Belieben damit schalten und walten zu können; das Geld, das er nicht selbst ausgibt, scheint ihm selten wohl angewendet."

"O ja!" versetzte Lotario, "wir könnten manches vom Kapital entbehren, wenn wir mit den Interessen weniger willkürlich umgingen."

"Das einzige, was ich zu erinnern habe", sagte Jarno, "und warum ich nicht raten kann, dass Sie eben jetzt diese Veränderungen machen, wodurch Sie wenigstens im Augenblicke verlieren, ist, dass Sie selbst noch Schulden haben, deren Abzahlung Sie einengt. Ich würde raten, Ihren Plan aufzuschieben, bis Sie völlig im reinen wären."

"Und indessen einer Kugel oder einem Dachziegel zu überlassen, ob er die Resultate meines Lebens und meiner Tätigkeit auf immer vernichten wollte! O, mein Freund!" fuhr Lotario fort, "das ist ein Hauptfehler gebildeter Menschen, dass sie alles an eine idee, wenig oder nichts an einen Gegenstand wenden mögen. Wozu habe ich Schulden gemacht? Warum habe ich mich mit meinem Oheim entzweit, meine Geschwister so lange sich selbst überlassen, als um einer idee willen? In Amerika glaubte ich zu wirken, über dem Meere glaubte ich nützlich und notwendig zu sein; war eine Handlung nicht mit tausend Gefahren umgeben, so schien sie mir nicht bedeutend, nicht würdig. Wie anders sehe' ich jetzt die Dinge, und wie ist mir das Nächste so wert, so teuer geworden!"

"Ich erinnere mich wohl des Briefes", versetzte Jarno, "den ich noch über das Meer erhielt. Sie schrieben mir: 'Ich werde zurückkehren und in meinem haus, in meinem Baumgarten, mitten unter den Meinigen sagen: Hier oder nirgend ist Amerika!'"

"Ja, mein Freund, und ich wiederhole noch immer dasselbe, und doch schelte ich mich zugleich, dass ich hier nicht so tätig wie dort bin. Zu einer gewissen gleichen, fortdauernden Gegenwart brauchen wir nur Verstand, und wir werden auch nur zu Verstand, so dass wir das Ausserordentliche, was jeder gleichgültige Tag von uns fordert, nicht mehr sehen und, wenn wir es erkennen, doch tausend Entschuldigungen finden, es nicht zu tun. Ein verständiger Mensch ist viel für sich, aber fürs Ganze ist er wenig."

"Wir wollen", sagte Jarno, "dem verstand nicht zu nahe treten und bekennen, dass das Ausserordentliche, was geschieht, meistens töricht ist."

"Ja, und zwar eben deswegen, weil die Menschen das Ausserordentliche ausser der Ordnung tun. So gibt mein Schwager sein Vermögen, insofern er es veräussern kann, der Brüdergemeinde und glaubt seiner Seele Heil dadurch zu befördern; hätte er einen geringen teil