tun."
"Ja, er ist unglücklicherweise von jenen Liebhabern, die nichts als ihr Herz bringen, und eben diese haben die meisten Prätensionen." "Spotte nicht! Der Unglückliche denkt sein Haus zu verlassen, auf das Teater zu gehen, mir seine Hand anzubieten." "Leere hände haben wir schon viere." "Ich habe keine Wahl", fuhr Mariane fort, "entscheide du! Stosse mich da oder dort hin, nur wisse noch eins: wahrscheinlich trag' ich ein Pfand im Busen, das uns noch mehr aneinander fesseln sollte; das bedenke und entscheide: wen soll ich lassen? wem soll ich folgen?" Nach einigem Stillschweigen rief die Alte: "Dass doch die Jugend immer zwischen den Extremen schwankt! Ich finde nichts natürlicher, als alles zu verbinden, was uns Vergnügen und Vorteil bringt. Liebst du den einen, so mag der andere bezahlen; es kommt nur darauf an, dass wir klug genug sind, sie beide auseinander zu halten." "Mache, was du willst, ich kann nichts denken; aber folgen will ich." "Wir haben den Vorteil, dass wir den Eigensinn des Direktors, der auf die Sitten seiner truppe stolz ist, vorschützen können. Beide Liebhaber sind schon gewohnt, heimlich und vorsichtig zu Werke zu gehen. Für Stunde und gelegenheit will ich sorgen; nur musst du hernach die Rolle spielen, die ich dir vorschreibe. Wer weiss, welcher Umstand uns hilft. Käme Norberg nur jetzt, da Wilhelm entfernt ist! Wer wehrt dir, in den Armen des einen an den andern zu denken? Ich wünsche dir zu einem Sohne Glück; er soll einen reichen Vater haben." Mariane war durch diese Vorstellungen nur für kurze Zeit gebessert. Sie konnte ihren Zustand nicht in Harmonie mit ihrer Empfindung, ihrer Überzeugung bringen; sie wünschte diese schmerzlichen Verhältnisse zu vergessen, und tausend kleine Umstände mussten sie jeden Augenblick daran erinnern.
Dreizehntes Kapitel
Wilhelm hatte indessen die kleine Reise vollendet und überreichte, da er seinen Handelsfreund nicht zu haus fand, das Empfehlungsschreiben der Gattin des Abwesenden. Aber auch diese gab ihm auf seine fragen wenig Bescheid; sie war in einer heftigen Gemütsbewegung und das ganze Haus in grosser Verwirrung.
Es währte jedoch nicht lange, so vertraute sie ihm (und es war auch nicht zu verheimlichen), dass ihre Stieftochter mit einem Schauspieler davongegangen sei, mit einem Menschen, der sich von einer kleinen Gesellschaft vor kurzem losgemacht, sich im Orte aufgehalten und im Französischen Unterricht gegeben habe. Der Vater, ausser sich vor Schmerz und Verdruss, sei ins Amt gelaufen, um die Flüchtigen verfolgen zu lassen. Sie schalt ihre Tochter heftig, schmähte den Liebhaber, so dass an beiden nichts Lobenswürdiges übrigblieb, beklagte mit vielen Worten die Schande, die dadurch auf die Familie gekommen, und setzte Wilhelmen in nicht geringe Verlegenheit, der sich und sein heimliches Vorhaben durch diese Sibylle gleichsam mit prophetischem geist voraus getadelt und gestraft fühlte. Noch stärkern und innigern Anteil musste er aber an den Schmerzen des Vaters nehmen, der aus dem amt zurückkam, mit stiller Trauer und halben Worten seine Expedition der Frau erzählte und, indem er nach eingesehenem Briefe das Pferd Wilhelmen vorführen liess, seine Zerstreuung und Verwirrung nicht verbergen konnte.
Wilhelm gedachte sogleich das Pferd zu besteigen und sich aus einem haus zu entfernen, in welchem ihm unter den gegebenen Umständen unmöglich wohl werden konnte; allein der gute Mann wollte den Sohn eines Hauses, dem er so viel schuldig war, nicht unbewirtet und ohne ihn eine Nacht unter seinem dach behalten zu haben, entlassen.
Unser Freund hatte ein trauriges Abendessen eingenommen, eine unruhige Nacht ausgestanden und eilte frühmorgens, so bald als möglich sich von Leuten zu entfernen, die, ohne es zu wissen, ihn mit ihren Erzählungen und Äusserungen auf das empfindlichste gequält hatten.
Er ritt langsam und nachdenkend die Strasse hin, als er auf einmal eine Anzahl bewaffneter Leute durchs Feld kommen sah, die er an ihren weiten und langen Röcken, grossen Aufschlägen, unförmlichen Hüten und plumpen Gewehren, an ihrem treuherzigen Gange und dem bequemen Tragen ihres Körpers sogleich für ein Kommando Landmiliz erkannte. Unter einer alten Eiche hielten sie stille, setzten ihre Flinten nieder und lagerten sich bequem auf dem Rasen, um eine Pfeife zu rauchen. Wilhelm verweilte bei ihnen und liess sich mit einem jungen Menschen, der zu Pferde herbeikam, in ein Gespräch ein. Er musste die geschichte der beiden Entflohenen, die ihm nur zu sehr bekannt war, leider noch einmal, und zwar mit Bemerkungen, die weder dem jungen Paare noch den Eltern sonderlich günstig waren, vernehmen. Zugleich erfuhr er, dass man hierher gekommen sei, die jungen Leute wirklich in Empfang zu nehmen, die in dem benachbarten Städtchen eingeholt und angehalten worden waren. Nach einiger Zeit sah man von ferne einen Wagen herbeikommen, der von einer Bürgerwache mehr lächerlich als fürchterlich umgeben war. Ein unförmlicher Stadtschreiber ritt voraus und komplimentierte mit dem gegenseitigen Aktuarius (denn das war der junge Mann, mit dem Wilhelm gesprochen hatte) an der Grenze mit grosser Gewissenhaftigkeit und wunderlichen Gebärden, wie es etwa Geist und Zauberer, der eine inner-, der andere ausserhalb des Kreises, bei gefährlichen nächtlichen Operationen tun mögen.
Die Aufmerksamkeit der Zuschauer war indes auf den Bauerwagen gerichtet, und man betrachtete die armen Verirrten nicht ohne Mitleiden, die auf ein paar Bündeln Stroh beieinander sassen, sich zärtlich anblickten und die Umstehenden kaum zu bemerken