der Beifall recht vollkommen sein."
"Undankbarer!" rief sie aus, "Unmenschlicher! Man wird mich bald nackt dahin tragen, wo kein Beifall mehr zu unsern Ohren kommt!" Mit diesen Worten sprang sie auf und eilte nach der tür. Die Magd hatte versäumt, ihr den Mantel zu bringen, die Portechaise war nicht da; es hatte geregnet, und ein sehr rauher Wind zog durch die Strassen. Man redete ihr vergebens zu, denn sie war übermässig erhitzt; sie ging vorsätzlich langsam und lobte die Kühlung, die sie recht begierig einzusaugen schien. Kaum war sie zu haus, als sie vor Heiserkeit kaum ein Wort mehr sprechen konnte; sie gestand aber nicht, dass sie im Nacken und den rücken hinab eine völlige Steifigkeit fühlte. Nicht lange, so überfiel sie eine Art von Lähmung der Zunge, so dass sie ein Wort fürs andere sprach; man brachte sie zu Bette, durch häufig angewandte Mittel legte sich ein Übel, indem sich das andere zeigte. Das Fieber ward stark und ihr Zustand gefährlich.
Den andern Morgen hatte sie eine ruhige Stunde. Sie liess Wilhelm rufen und übergab ihm einen Brief. "Dieses Blatt", sagte sie, "wartet schon lange auf diesen Augenblick. Ich fühle, dass das Ende meines Lebens bald herannaht; versprechen Sie mir, dass Sie es selbst abgeben und dass Sie durch wenige Worte meine Leiden an dem Ungetreuen rächen wollen. Er ist nicht fühllos, und wenigstens soll ihn mein Tod einen Augenblick schmerzen."
Wilhelm übernahm den Brief, indem er sie jedoch tröstete und den Gedanken des Todes von ihr entfernen wollte.
"Nein", versetzte sie, "benehmen Sie mir nicht meine nächste Hoffnung. Ich habe ihn lange erwartet und will ihn freudig in die arme schliessen."
Kurz darauf kam das vom Arzt versprochene Manuskript an. Sie ersuchte Wilhelmen, ihr daraus vorzulesen, und die wirkung, die es tat, wird der Leser am besten beurteilen können, wenn er sich mit dem folgenden buch bekannt gemacht hat. Das heftige und trotzige Wesen unsrer armen Freundin ward auf einmal gelindert. Sie nahm den Brief zurück und schrieb einen andern, wie es schien, in sehr sanfter Stimmung; auch forderte sie Wilhelmen auf, ihren Freund, wenn er irgend durch die Nachricht ihres Todes betrübt werden sollte, zu trösten, ihn zu versichern, dass sie ihm verziehen habe, und dass sie ihm alles Glück wünsche.
Von dieser Zeit an war sie sehr still und schien sich nur mit wenigen Ideen zu beschäftigen, die sie sich aus dem Manuskript eigen zu machen suchte, woraus ihr Wilhelm von Zeit zu Zeit vorlesen musste. Die Abnahme ihrer Kräfte war nicht sichtbar, und unvermutet fand sie Wilhelm eines Morgens tot, als er sie besuchen wollte.
Bei der achtung, die er für sie gehabt, und bei der Gewohnheit, mit ihr zu leben, war ihm ihr Verlust sehr schmerzlich. Sie war die einzige person, die es eigentlich gut mit ihm meinte, und die Kälte Serlos in der letzten Zeit hatte er nur allzusehr gefühlt. Er eilte daher, die aufgetragene Botschaft auszurichten, und wünschte sich auf einige Zeit zu entfernen. Von der andern Seite war für Melina diese Abreise sehr erwünscht; denn dieser hatte sich bei der so weitläufigen Korrespondenz, die er unterhielt, gleich mit einem Sänger und einer Sängerin eingelassen, die das Publikum einstweilen durch Zwischenspiele zur künftigen Oper vorbereiten sollten. Der Verlust Aureliens und Wilhelms Entfernung sollten auf diese Weise in der ersten Zeit übertragen werden, und unser Freund war mit allem zufrieden, was ihm seinen Urlaub auf einige Wochen erleichterte.
Er hatte sich eine sonderbar wichtige idee von seinem Auftrage gemacht. Der Tod seiner Freundin hatte ihn tiefgerührt, und da er sie so frühzeitig von dem Schauplatze abtreten sah, musste er notwendig gegen den, der ihr Leben verkürzt und dieses kurze Leben ihr so qualvoll gemacht, feindselig gesinnt sein.
Ungeachtet der letzten gelinden Worte der Sterbenden nahm er sich doch vor, bei Überreichung des briefes ein strenges Gericht über den ungetreuen Freund ergehen zu lassen, und da er sich nicht einer zufälligen Stimmung vertrauen wollte, dachte er an eine Rede, die in der Ausarbeitung patetischer als billig ward. Nachdem er sich völlig von der guten Komposition seines Aufsatzes überzeugt hatte, machte er, indem er ihn auswendig lernte, Anstalt zu seiner Abreise. Mignon war beim Einpacken gegenwärtig und fragte ihn, ob er nach Süden oder nach Norden reise; und als sie das letzte von ihm erfuhr, sagte sie: "So will ich dich hier wieder erwarten." Sie bat ihn um die Perlenschnur Marianens, die er dem lieben geschöpf nicht versagen konnte; das Halstuch hatte sie schon. Dagegen steckte sie ihm den Schleier des Geistes in den Mantelsack, ob er ihr gleich sagte, dass ihm dieser Flor zu keinem Gebrauch sei.
Melina übernahm die Regie, und seine Frau versprach, auf die Kinder ein mütterliches Auge zu haben, von denen sich Wilhelm ungern losriss. Felix war sehr lustig beim Abschied, und als man ihn fragte, was er wolle mitgebracht habe, sagte er: "Höre! bringe mir einen Vater mit." Mignon nahm den Scheidenden bei der Hand, und indem sie, auf die Zehen gehoben, ihm einen treuherzigen und lebhaften Kuss, doch ohne Zärtlichkeit, auf die Lippen drückte, sagte sie: "Meister! vergiss uns nicht und komm bald wieder."
Und so lassen