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so leicht auseinanderzerren, was vernünftige und wohldenkende Menschen zusammenzuhalten wünschen.

Philinens Abgang war nicht so unbedeutend, als man anfangs glaubte. Sie hatte mit grosser Geschicklichkeit Serlo zu unterhalten und die übrigen mehr oder weniger zu reizen gewusst. Sie ertrug Aureliens Heftigkeit mit grosser Geduld, und ihr eigenstes Geschäft war, Wilhelmen zu schmeicheln. So war sie eine Art Bindungsmittel fürs Ganze, und ihr Verlust musste bald fühlbar werden.

Serlo konnte ohne eine kleine Liebschaft nicht leben. Elmire, die in weniger Zeit herangewachsen und, man könnte beinahe sagen, schön geworden war, hatte schon lange seine Aufmerksamkeit erregt, und Philine war klug genug, diese leidenschaft, die sie merkte, zu begünstigen. "Man muss sich", pflegte sie zu sagen, "beizeiten aufs Kuppeln legen; es bleibt uns doch weiter nichts übrig, wenn wir alt werden." Dadurch hatten sich Serlo und Elmire dergestalt genähert, dass sie nach Philinens Abschiede bald einig wurden, und der kleine Roman interessierte sie beide um so mehr, als sie ihn vor dem Alten, der über eine solche Unregelmässigkeit keinen Scherz verstanden hätte, geheimzuhalten alle Ursache hatten. Elmirens Schwester war mit im Verständnis, und Serlo musste beiden Mädchen daher vieles nachsehen. Eine ihrer grössten Untugenden war eine unmässige Näscherei, ja, wenn man will, eine unleidliche Gefrässigkeit, worin sie Philinen keinesweges glichen, die da durch einen neuen Schein von Liebenswürdigkeit erhielt, dass sie gleichsam nur von der Luft lebte, sehr wenig ass und nur den Schaum eines Champagnerglases mit der grössten Zierlichkeit wegschlürfte.

Nun aber musste Serlo, wenn er seinen Schönen gefallen wollte, das Frühstück mit dem Mittagessen verbinden und an dieses durch ein Vesperbrot das Abendessen anknüpfen. Dabei hatte Serlo einen Plan, dessen Ausführung ihn beunruhigte. Er glaubte eine gewisse Neigung zwischen Wilhelmen und Aurelien zu entdecken und wünschte sehr, dass sie ernstlich werden machte. Er hoffte den ganzen mechanischen teil der Teaterwirtschaft Wilhelmen aufzubürden und an ihm wie an seinem ersten Schwager ein treues und fleissiges Werkzeug zu finden. Schon hatte er ihm nach und nach den grössten teil der Besorgung unmerklich übertragen, Aurelie führte die Kasse, und Serlo lebte wieder wie in früheren zeiten ganz nach seinem Sinne. Doch war etwas, was sowohl ihn als seine Schwester heimlich kränkte.

Das Publikum hat eine eigene Art, gegen öffentliche Menschen von anerkanntem Verdienste zu verfahren: es fängt nach und nach an, gleichgültig gegen sie zu werden, und begünstigt viel geringere, aber neu erscheinende Talente, es macht an jene übertriebene Forderungen und lässt sich von diesen alles gefallen.

Serlo und Aurelie hatten gelegenheit genug, hierüber Betrachtungen anzustellen. Die neuen Ankömmlinge, besonders die jungen und wohlgebildeten, hatten alle Aufmerksamkeit, allen Beifall auf sich gezogen, und beide Geschwister mussten die meiste Zeit nach ihren eifrigsten Bemühungen ohne den willkommenen Klang der zusammenschlagenden hände abtreten. Freilich kamen dazu noch besondere Ursachen. Aureliens Stolz war auffallend, und von ihrer Verachtung des Publikums waren viele unterrichtet. Serlo schmeichelte zwar jedermann im einzelnen, aber seine spitzen Reden über das Ganze waren doch auch öfters herumgetragen und wiederholt worden. Die neuen Glieder hingegen waren teils fremd und unbekannt, teils jung, liebenswürdig und hülfsbedürftig und hatten also auch sämtlich gönner gefunden.

Nun gab es auch bald innerliche Unruhen und manches Missvergnügen; denn kaum bemerkte man, dass Wilhelm die Beschäftigung eines Regisseurs übernommen hatte, so fingen die meisten Schauspieler um desto mehr an, unartig zu werden, als er nach seiner Weise etwas mehr Ordnung und Genauigkeit in das Ganze zu bringen wünschte und besonders darauf bestand, dass alles Mechanische vor allen Dingen pünktlich und ordentlich gehen solle.

In kurzer Zeit war das ganze Verhältnis, das wirklich eine Zeitlang beinahe idealisch gehalten hatte, so gemein, als man es nur irgend bei einem herumreisenden Teater finden mag. Und leider in dem Augenblicke, als Wilhelm durch Mühe, Fleiss und Anstrengung sich mit allen Erfordernissen des Metiers bekannt gemacht und seine person sowohl als seine Geschäftigkeit vollkommen dazu gebildet hatte, schien es ihm endlich in trüben Stunden, dass dieses Handwerk weniger als irgendein anders den nötigen Aufwand von Zeit und Kräften verdiene. Das Geschäft war lästig und die Belohnung gering. Er hätte jedes andere lieber übernommen, bei dem man doch, wenn es vorbei ist, der Ruhe des Geistes geniessen kann, als dieses, wo man nach überstandenen mechanischen Mühseligkeiten noch durch die höchste Anstrengung des Geistes und der Empfindung erst das Ziel seiner Tätigkeit erreichen soll. Er musste die Klagen Aureliens über die Verschwendung des Bruders hören, er musste die Winke Serlos missverstehen, wenn dieser ihn zu einer Heirat mit der Schwester von ferne zu leiten suchte. Er hatte dabei seinen Kummer zu verbergen, der ihn auf das tiefste drückte, indem der nach dem zweideutigen Offizier fortgeschickte Bote nicht zurückkam, auch nichts von sich hören liess, und unser Freund daher seine Mariane zum zweitenmal verloren zu haben fürchten musste.

Zu eben der Zeit fiel eine allgemeine Trauer ein, wodurch man genötigt ward, das Teater auf einige Wochen zu schliessen. Er ergriff diese Zwischenzeit, um jenen Geistlichen zu besuchen, bei welchem der Harfenspieler in der Kost war. Er fand ihn in einer angenehmen Gegend, und das erste, was er in dem Pfarrhofe erblickte, war der Alte, der einem Knaben auf seinem Instrumente Lektion gab. Er bezeugte viel Freude, Wilhelmen wiederzusehen, stand auf und reichte ihm die Hand und sagte: "Sie sehen, dass ich in der Welt doch noch zu etwas nütze bin