"nur muss ich auch diesmal erfahren, dass Männer immer im Widerspruch mit sich selbst sind. Bei all eurer Gewissenhaftigkeit, den grossen Autor nicht verstümmeln zu wollen, lasst ihr doch den schönsten Gedanken aus dem Stücke."
"Den schönsten?" rief Wilhelm.
"Gewiss den schönsten, auf den sich Hamlet selbst was zugute tut."
"Und der wäre?" rief Serlo.
"Wenn Sie eine Perücke aufhätten", versetzte Philine, "würde ich sie Ihnen ganz säuberlich abnehmen; denn es scheint nötig, dass man Ihnen das Verständnis eröffne."
Die andern dachten nach, und die Unterhaltung stockte. Man war aufgestanden, es war schon spät, man schien auseinandergehen zu wollen. Als man so unentschlossen dastand, fing Philine ein Liedchen, auf eine sehr zierliche und gefällige Melodie, zu singen an.
Singet nicht in Trauertönen
Von der Einsamkeit der Nacht!
Nein, sie ist, o holde Schönen,
Zur Geselligkeit gemacht.
Wie das Weib dem Mann gegeben
Als die schönste Hälfte war,
Ist die Nacht das halbe Leben,
Und die schönste Hälfte zwar.
Könnt ihr euch des Tages freuen,
Der nur Freuden unterbricht?
Er ist gut, sich zu zerstreuen;
Zu was anderm taugt er nicht.
Aber wenn in nächt'ger Stunde
Süsser Lampe Dämmrung fliesst,
Und vom Mund zum nahen mund
Scherz und Liebe sich ergiesst;
Wenn der rasche, lose Knabe,
Der sonst wild und feurig eilt,
Oft bei einer kleinen Gabe
Unter leichten Spielen weilt;
Wenn die Nachtigall Verliebten
Liebevoll ein Liedchen singt,
Das Gefangnen und Betrübten
Nur wie Ach und Wehe klingt:
Mit wie leichtem Herzensregen
Horchet ihr der Glocke nicht,
Die mit zwölf bedächt'gegen Schlägen
Ruh' und Sicherheit verspricht!
Darum an dem langen Tage
Merke dir es, liebe Brust:
Jeder Tag hat seine Plage,
Und die Nacht hat ihre Lust.
Sie machte eine leichte Verbeugung, als sie geendigt hatte, und Serlo rief ihr ein lautes Bravo zu. Sie sprang zur Tür hinaus und eilte mit Gelächter fort. Man hörte sie die Treppe hinunter singen und mit den Absätzen klappern.
Serlo ging in das Seitenzimmer, und Aurelie blieb vor Wilhelmen, der ihr eine gute Nacht wünschte, noch einige Augenblicke stehen und sagte:
"Wie sie mir zuwider ist! recht meinem inneren Wesen zuwider! bis auf die kleinsten Zufälligkeiten. Die rechte braune Augenwimper bei den blonden Haaren, die der Bruder so reizend findet, mag ich gar nicht ansehn, und die Schramme auf der Stirne hat mir so was Widriges, so was Niedriges, dass ich immer zehn Schritte von ihr zurücktreten möchte. Sie erzählte neulich als einen Scherz, ihr Vater habe ihr in ihrer Kindheit einen Teller an den Kopf geworfen, davon sie noch das Zeichen trage. Wohl ist sie recht an Augen und Stirne gezeichnet, dass man sich vor ihr hüten möge."
Wilhelm antwortete nichts, und Aurelie schien mit mehr Unwillen fortzufahren:
"Es ist mir beinahe unmöglich, ein freundliches, höfliches Wort mit ihr zu reden, so sehr hasse ich sie; und doch ist sie so anschmiegend. Ich wollte, wir wären sie los. Auch Sie, mein Freund, haben eine gewisse gefälligkeit gegen dieses geschöpf, ein Betragen, das mich in der Seele kränkt, eine Aufmerksamkeit, die an achtung grenzt, und die sie, bei Gott, nicht verdient!"
"Wie sie ist, bin ich ihr Dank schuldig", versetzte Wilhelm; "ihre Aufführung ist zu tadeln, ihrem Charakter muss ich Gerechtigkeit widerfahren lassen."
"Charakter!" rief Aurelie; "glauben Sie, dass so eine Kreatur einen Charakter hat? O ihr Männer, daran erkenne ich euch! Solcher Frauen seid ihr wert!"
"Sollten Sie mich in Verdacht haben, meine Freundin?" versetzte Wilhelm. "Ich will von jeder Minute Rechenschaft geben, die ich mit ihr zugebracht habe."
"Nun, nun", sagte Aurelie, "es ist spät, wir wollen nicht streiten. Alle wie einer, einer wie alle! Gute Nacht, mein Freund! gute Nacht, mein feiner Paradiesvogel!"
Wilhelm fragte, wie er zu diesem Ehrentitel komme.
"Ein andermal", versetzte Aurelie, "ein andermal. Man sagt, sie hätten keine Füsse, sie schwebten in der Luft und nährten sich vom Äter. Es ist aber ein Märchen", fuhr sie fort, "eine poetische Fiktion. Gute Nacht, lasst Euch was Schönes träumen, wenn Ihr Glück habt."
Sie ging in ihr Zimmer und liess ihn allein; er eilte auf das seinige.
Halb unwillig ging er auf und nieder. Der scherzende, aber entschiedene Ton Aureliens hatte ihn beleidigt: er fühlte tief, wie unrecht sie ihm tat. Philine konnte er nicht widrig, nicht unhold begegnen; sie hatte nichts gegen ihn verbrochen, und dann fühlte er sich so fern von jeder Neigung zu ihr, dass er recht stolz und standhaft vor sich selbst bestehen konnte.
Eben war er im Begriff sich auszuziehen, nach seinem Lager zu gehen und die Vorhänge aufzuschlagen, als er zu seiner grössten Verwunderung ein Paar Frauenpantoffeln vor dem Bett erblickte; der eine stand, der andere lag. – Es waren Philinens Pantoffeln, die er nur zu gut erkannte; er glaubte auch eine Unordnung an den Vorhängen zu sehen, ja es schien, als bewegten sie sich; er stand und sah mit unverwandten