1795_Goethe_028_115.txt

Rüstung, wie der Geist, auf eben der Seite hängen, wo dieser hervortritt. Ich wünsche, dass die Figur mit der rechten Hand eine befehlende Stellung annehme, etwas gewandt sei und gleichsam über die Schulter sehe, damit sie dem geist völlig gleiche in dem Augenblicke, da dieser zur tür hinausgeht. Es wird eine sehr grosse wirkung tun, wenn in diesem Augenblick Hamlet nach dem geist und die Königin nach dem Bilde sieht. Der Stiefvater mag dann im königlichen Ornat, doch unscheinbarer als jener, vorgestellt werden."

So gab es noch verschiedene Punkte, von denen wir zu sprechen vielleicht gelegenheit haben.

"Sind Sie auch unerbittlich, dass Hamlet am Ende sterben muss?" fragte Serlo.

"Wie kann ich ihn am Leben erhalten", sagte Wilhelm, "da ihn das ganze Stück zu tod drückt? Wir haben ja schon so weitläufig darüber gesprochen."

"Aber das Publikum wünscht ihn lebendig."

"Ich will ihm gern jeden andern Gefallen tun, nur diesmal ist's unmöglich. Wir wünschen auch, dass ein braver nützlicher Mann, der an einer chronischen Krankheit stirbt, noch länger leben möge. Die Familie weint und beschwört den Arzt, der ihn nicht halten kann: und so wenig als dieser einer Naturnotwendigkeit zu widerstehen vermag, so wenig können wir einer anerkannten Kunstnotwendigkeit gebieten. Es ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, wenn man ihnen die Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht die, die sie haben sollen."

"Wer das Geld bringt, kann die Ware nach seinem Sinne verlangen."

"Gewissermassen; aber ein grosses Publikum verdient, dass man es achte, dass man es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will, behandle. Man bringe ihm nach und nach durch das Gute Gefühl und Geschmack für das Gute bei, und es wird sein Geld mit doppeltem Vergnügen einlegen, weil ihm der Verstand, ja die Vernunft selbst bei dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann ihm schmeicheln wie einem geliebten kind, schmeicheln, um es zu bessern, um es künftig aufzuklären; nicht wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrtum, den man nutzt, zu verewigen."

So handelten sie noch manches ab, das sich besonders auf die Frage bezog, was man noch etwa an dem Stücke verändern dürfe, und was unberührt bleiben müsse. Wir lassen uns hierauf nicht weiter ein, sondern legen vielleicht künftig die neue Bearbeitung Hamlets selbst demjenigen Teile unsrer Leser vor, der sich etwa dafür interessieren könnte.

Zehntes Kapitel

Die Hauptprobe war vorbei; sie hatte übermässig lange gedauert. Serlo und Wilhelm fanden noch manches zu besorgen; denn ungeachtet der vielen Zeit, die man zur Vorbereitung verwendet hatte, waren doch sehr notwendige Anstalten bis auf den letzten Augenblick verschoben worden.

So waren zum Beispiel die Gemälde der beiden Könige noch nicht fertig, und die Szene zwischen Hamlet und seiner Mutter, von der man einen so grossen Effekt hoffte, sah noch sehr mager aus, indem weder der Geist noch sein gemaltes Ebenbild dabei gegenwärtig war. Serlo scherzte bei dieser gelegenheit und sagte: "Wir wären doch im grund recht übel angeführt, wenn der Geist ausbliebe, die Wache wirklich mit der Luft fechten und unser Souffleur aus der Kulisse den Vortrag des Geistes supplieren müsste."

"Wir wollen den wunderbaren Freund nicht durch unsern Unglauben verscheuchen", versetzte Wilhelm; "er kommt gewiss zur rechten Zeit und wird uns so gut als die Zuschauer überraschen."

"Gewiss", rief Serlo, "ich werde froh sein, wenn das Stück morgen gegeben ist; es macht uns mehr Umstände, als ich geglaubt habe."

"Aber niemand in der Welt wird froher sein als ich, wenn das Stück morgen gespielt ist", versetzte Philine, "so wenig mich meine Rolle drückt. Denn immer und ewig von einer Sache reden zu hören, wobei doch nichts weiter herauskommt als eine Repräsentation, die, wie so viele hundert andere, vergessen werden wird, dazu will meine Geduld nicht hinreichen. Macht doch in Gottes Namen nicht so viel Umstände! Die Gäste, die vom Tische aufstehen, haben nachher an jedem Gerichte was auszusetzen; ja, wenn man sie zu haus reden hört, so ist es ihnen kaum begreiflich, wie sie eine solche Not haben ausstehen können."

"Lassen Sie mich Ihr Gleichnis zu meinem Vorteile brauchen, schönes Kind", versetzte Wilhelm. "Bedenken Sie, was natur und Kunst, was Handel, Gewerke und Gewerbe zusammen schaffen müssen, bis ein Gastmahl gegeben werden kann. Wieviel Jahre muss der Hirsch im wald, der fisch im Fluss oder Meere zubringen, bis er unsre Tafel zu besetzen würdig ist, und was hat die Hausfrau, die Köchin nicht alles in der Küche zu tun! Mit welcher Nachlässigkeit schlürft man die sorge des entferntesten Winzers, des Schiffers, des Kellermeisters beim Nachtische hinunter, als müsse es nur so sein! Und sollten deswegen alle diese Menschen nicht arbeiten, nicht schaffen und bereiten, sollte der Hausherr das alles nicht sorgfältig zusammenbringen und zusammenhalten, weil am Ende der Genuss nur vorübergehend ist? Aber kein Genuss ist vorübergehend; denn der Eindruck, den er zurücklässt, ist bleibend, und was man mit Fleiss und Anstrengung tut, teilt dem Zuschauer selbst eine verborgene Kraft mit, von der man nicht wissen kann, wie weit sie wirkt."

"Mir ist alles einerlei", versetzte Philine,