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, redlichen, ausdauernden, der Zeit dienenden Halbschelm aufs allerhöflichste vorstellen und vortragen, und dazu sollen mir die etwas rohen und groben Pinselstriche unsers Autors gute Dienste leisten. Ich will reden wie ein Buch, wenn ich mich vorbereitet habe, und wie ein Tor, wenn ich bei guter Laune bin. Ich werde abgeschmackt sein, um jedem nach dem Maule zu reden, und immer so fein, es nicht zu merken, wenn mich die Leute zum besten haben. Nicht leicht habe ich eine Rolle mit solcher Lust und Schallheit übernommen."

"Wenn ich nur auch von der meinigen so viel hoffen könnte", sagte Aurelie. "Ich habe weder Jugend noch Weichheit genug, um mich in diesen Charakter zu finden. Nur eins weiss ich leider: das Gefühl, das Ophelien den Kopf verrückt, wird mich nicht verlassen."

"Wir wollen es ja nicht so genau nehmen", sagte Wilhelm; "denn eigentlich hat mein Wunsch, den Hamlet zu spielen, mich bei allem Studium des Stücks aufs äusserste irregeführt. Je mehr ich mich in die Rolle studiere, desto mehr sehe ich, dass in meiner ganzen Gestalt kein Zug der Physiognomie ist, wie Shakespeare seinen Hamlet aufstellt. Wenn ich es recht überlege, wie genau in der Rolle alles zusammenhängt, so getraue ich mir kaum, eine leidliche wirkung hervorzubringen."

"Sie treten mit grosser Gewissenhaftigkeit in Ihre Laufbahn", versetzte Serlo. "Der Schauspieler schickt sich in die Rolle, wie er kann, und die Rolle richtet sich nach ihm, wie sie muss. Wie hat aber Shakespeare seinen Hamlet vorgezeichnet? Ist er Ihnen denn so ganz unähnlich?"

"Zuvörderst ist Hamlet blond", erwiderte Wilhelm.

"Das heiss' ich weit gesucht", sagte Aurelie. "Woher schliessen Sie das?"

"Als Däne, als Nordländer ist er blond von haus aus und hat blaue Augen."

"Sollte Shakespeare daran gedacht haben?"

"Bestimmt find' ich es nicht ausgedrückt, aber in Verbindung mit andern Stellen scheint es mir unwidersprechlich. Ihm wird das Fechten sauer, der Schweiss läuft ihm vom gesicht, und die Königin spricht 'Er ist fett, lasst ihn zu Atem kommen.' Kann man sich ihn da anders als blond und wohlbehäglich vorstellen? denn braune Leute sind in ihrer Jugend selten in diesem Falle. Passt nicht auch seine schwankende Melancholie, seine weiche Trauer, seine tätige Unentschlossenheit besser zu einer solchen Gestalt, als wenn Sie sich einen schlanken, braunlockigen Jüngling denken, von dem man mehr Entschlossenheit und Behendigkeit erwartet?"

"Sie verderben mir die Imagination", rief Aurelie, "weg mit Ihrem fetten Hamlet! stellen Sie uns ja nicht Ihren wohlbeleibten Prinzen vor! geben Sie uns lieber irgendein Quiproquo, das uns reizt, das uns rührt. Die Intention des Autors liegt uns nicht so nahe als unser Vergnügen, und wir verlangen einen Reiz, der uns homogen ist."

Siebentes Kapitel

Einen Abend stritt die Gesellschaft, ob der Roman oder das Drama den Vorzug verdiene? Serlo versicherte, es sei ein vergeblicher, missverstandener Streit; beide könnten in ihrer Art vortrefflich sein, nur müssten sie sich in den Grenzen ihrer Gattung halten.

"Ich bin selbst noch nicht ganz im klaren darüber", versetzte Wilhelm.

"Wer ist es auch?" sagte Serlo, "und doch wäre es der Mühe wert, dass man der Sache näher käme."

Sie sprachen viel herüber und hinüber, und endlich war folgendes ungefähr das Resultat ihrer Unterhaltung:

Im Roman wie im Drama sehen wir menschliche natur und Handlung. Der Unterschied beider Dichtungsarten liegt nicht bloss in der äussern Form, nicht darin, dass die Personen in dem einen sprechen und dass in dem andern gewöhnlich von ihnen erzählt wird. Leider viele Dramen sind nur dialogierte Romane, und es wäre nicht unmöglich, ein Drama in Briefen zu schreiben.

Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und begebenheiten vorgestellt werden; im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muss langsam gehen, und die Gesinnungen der Hauptfigur müssen, es sei auf welche Weise es wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwicklung aufhalten. Das Drama soll eilen, und der Charakter der Hauptfigur muss sich nach dem Ende drängen und nur aufgehalten werden. Der Romanheld muss leidend, wenigstens nicht im hohen Grade wirkend sein; von dem dramatischen verlangt man wirkung und Tat. Grandison, Clarisse, Pamela, der Landpriester von Wakefield, Tom Jones selbst sind, wo nicht leidende, doch retardierende Personen, und alle begebenheiten werden gewissermassen nach ihren Gesinnungen gemodelt. Im Drama modelt der Held nichts nach sich, alles widersteht ihm, und er räumt und rückt die Hindernisse aus dem Wege oder unterliegt ihnen.

So vereinigte man sich auch darüber, dass man dem Zufall im Roman gar wohl sein Spiel erlauben könne, dass er aber immer durch die Gesinnungen der Personen gelenkt und geleitet werden müsse; dass hingegen das Schicksal, das die Menschen, ohne ihr Zutun, durch unzusammenhängende äussere Umstände zu einer unvorgesehenen Katastrophe hindrängt, nur im Drama stattabe; dass der Zufall wohl patetische, niemals aber tragische Situationen hervorbringen dürfe; das Schicksal hingegen müsse immer fürchterlich sein und werde im höchsten Sinne tragisch, wenn es schuldige und unschuldige, voneinander unabhängige Taten in eine unglückliche Verknüpfung bringt.

Diese Betrachtungen führten wieder auf den wunderlichen Hamlet und auf die Eigenheiten dieses Stücks. Der Held, sagte man, hat eigentlich auch nur Gesinnungen; es sind nur begebenheiten