Alte sollte nach dem Takt einschlafen, und Ihre Füsschen und Wädchen würden sich dort hinten auf dem Kinderteater ganz aller liebst ausnehmen."
"Von meinen Wädchen wissen Sie ja wohl nicht viel", versetzte sie schnippisch, "und was meine Füsschen betrifft", rief sie, indem sie schnell unter den Tisch reichte, ihre Pantöffelchen heraufholte und nebeneinander vor Serlo hinstellte: "hier sind die Stelzchen, und ich gebe Ihnen auf, niedlichere zu finden."
"Es war Ernst!" sagte er, als er die zierlichen Halbschuhe betrachtete. Gewiss, man konnte nicht leicht etwas Artigers sehen.
Sie waren Pariser Arbeit; Philine hatte sie von der Gräfin zum Geschenk erhalten, einer Dame, deren schöner Fuss berühmt war.
"Ein reizender Gegenstand!" rief Serlo; "das Herz hüpft mir, wenn ich sie ansehe."
"Welche Verzuckungen!" sagte Philine.
"Es geht nichts über ein Paar Pantöffelchen von so feiner, schöner Arbeit", rief Serlo; "doch ist ihr Klang noch reizender als ihr Anblick." Er hub sie auf und liess sie einigemal hintereinander wechselsweise auf den Tisch fallen.
"Was soll das heissen? Nur wieder her damit!" rief Philine.
"Darf ich sagen", versetzte er mit verstellter Bescheidenheit und schalkhaftem Ernst, "wir andern Junggesellen, die wir nachts meist allein sind und uns doch wie andre Menschen fürchten und im Dunkeln uns nach Gesellschaft sehnen, besonders in Wirtshäusern und fremden Orten, wo es nicht ganz geheuer ist, wir finden es gar tröstlich, wenn ein guterziges Kind uns Gesellschaft und Beistand leisten will. Es ist Nacht, man liegt im Bette, es raschelt, man schaudert, die tür tut sich auf, man erkennt ein liebes pisperndes Stimmchen, es schleicht was herbei, die Vorhänge rauschen, klipp! klapp! die Pantoffeln fallen, und husch! man ist nicht mehr allein. Ach der liebe, der einzige Klang, wenn die Absätzchen auf den Boden aufschlagen! Je zierlicher sie sind, je feiner klingt's. Man spreche mir von Philomelen, von rauschenden Bächen, vom Säuseln der Winde und von allem, was je georgelt und gepfiffen worden ist, ich halte mich an das Klipp! Klapp! – Klipp! Klapp! ist das schönste Tema zu einem Rondeau, das man immer wieder von vorne zu hören wünscht."
Philine nahm ihm die Pantoffeln aus den Händen und sagte: "Wie ich sie krumm getreten habe! Sie sind mir viel zu weit." Dann spielte sie damit und rieb die Sohlen gegeneinander. "Was das heiss wird!" rief sie aus, indem sie die eine Sohle flach an die Wange hielt, dann wieder rieb und sie gegen Serlo hinreichte. Er war gutmütig genug, nach der Wärme zu fühlen, und "Klipp! Klapp!" rief sie, indem sie ihm einen derben Schlag mit dem Absatz versetzte, dass er schreiend die Hand zurückzog. "Ich will euch lehren bei meinen Pantoffeln was anders denken!" sagte Philine lachend.
"Und ich will dich lehren alte Leute wie Kinder anführen!" rief Serlo dagegen, sprang auf, fasste sie mit Heftigkeit und raubte ihr manchen Kuss, deren jeden sie sich mit ernstlichem Widerstreben gar künstlich abzwingen liess. Über dem Balgen fielen ihre langen Haare herunter und wickelten sich um die Gruppe, der Stuhl schlug an den Boden, und Aurelie, die von diesem Unwesen innerlich beleidigt war, stand mit Verdruss auf.
Sechstes Kapitel
Obgleich bei der neuen Bearbeitung Hamlets manche Personen weggefallen waren, so blieb die Anzahl derselben doch immer noch gross genug, und fast wollte die Gesellschaft nicht hinreichen.
"Wenn das so fortgeht", sagte Serlo, "wird unser Souffleur auch noch aus dem Loche hervorsteigen müssen, unter uns wandeln und zur person werden."
"Schon oft habe ich ihn an seiner Stelle bewundert", versetzte Wilhelm.
"Ich glaube nicht, dass es einen vollkommenern Einhelfer gibt", sagte Serlo. "Kein Zuschauer wird ihn jemals hören; wir auf dem Teater verstehen jede Silbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu gemacht und ist wie ein Genius, der uns in der Not vernehmlich zulispelt. Er fühlt, welchen teil seiner Rolle der Schauspieler vollkommen innehat, und ahnet von weitem, wenn ihn das Gedächtnis verlassen will. In einigen Fällen, da ich die Rolle kaum überlesen konnte, da er sie mir Wort vor Wort vorsagte, spielte ich sie mit Glück; nur hat er Sonderbarkeiten, die jeden andern unbrauchbar machen würden: er nimmt so herzlichen Anteil an den Stücken, dass er patetische Stellen nicht eben deklamiert, aber doch affektvoll rezitiert. Mit dieser Unart hat er mich mehr als einmal irregemacht."
"So wie er mich", sagte Aurelie, "mit einer andern Sonderbarkeit einst an einer sehr gefährlichen Stelle steckenliess."
"Wie war das bei seiner Aufmerksamkeit möglich?" fragte Wilhelm.
"Er wird", versetzte Aurelie, "bei gewissen Stellen so gerührt, dass er heisse Tränen weint und einige Augenblicke ganz aus der Fassung kommt; und es sind eigentlich nicht die sogenannten rührenden Stellen, die ihn in diesen Zustand versetzen; es sind, wenn ich mich so ausdrücke, die schönen Stellen, aus welchen der reine Geist des Dichters gleichsam aus hellen, offenen Augen hervorsieht, Stellen, bei denen wir andern uns nur höchstens freuen, und worüber viele Tausende wegsehen.