; was ich brauche, verlange ich gelegentlich von Dir; es wird nicht viel sein, denn ich hoffe, dass mich meine Kunst auch nähren soll."
Der Brief war kaum abgeschickt, als Wilhelm auf der Stelle Wort hielt und zu Serlos und der übrigen grossen Verwunderung sich auf einmal erklärte, dass er sich zum Schauspieler widme und einen Kontrakt auf billige Bedingungen eingehen wolle. Man war hierüber bald einig, denn Serlo hatte schon früher sich so erklärt, dass Wilhelm und die übrigen damit gar wohl zufrieden sein konnten. Die ganze verunglückte Gesellschaft, mit der wir uns so lange unterhalten haben, ward auf einmal angenommen, ohne dass jedoch, ausser etwa Laertes, sich einer gegen Wilhelmen dankbar erzeigt hätte. Wie sie ohne Zutrauen gefordert hatten, so empfingen sie ohne Dank. Die meisten wollten lieber ihre Anstellung dem Einflusse Philinens zuschreiben, und richteten ihre Danksagungen an sie. Indessen wurden die ausgefertigten Kontrakte unterschrieben, und durch eine unerklärliche Verknüpfung von Ideen entstand vor Wilhelms Einbildungskraft in dem Augenblicke, als er seinen fingierten Namen unterzeichnete, das Bild jenes Waldplatzes, wo er verwundet in Philinens Schoss gelegen. Auf einem Schimmel kam die liebenswürdige Amazone aus den büsche, nahte sich ihm und stieg ab. Ihr menschenfreundliches Bemühen hiess sie gehen und kommen; endlich stand sie vor ihm. Das Kleid fiel von ihren Schultern; ihr Gesicht, ihre Gestalt fing an zu glänzen, und sie verschwand. So schrieb er seinen Namen nur mechanisch hin, ohne zu wissen, was er tat, und fühlte erst, nachdem er unterzeichnet hatte, dass Mignon an seiner Seite stand, ihn am Arm hielt und ihm die Hand leise wegzuziehen versucht hatte.
Viertes Kapitel
Eine der Bedingungen, unter denen Wilhelm sich aufs Teater begab, war von Serlo nicht ohne Einschränkung zugestanden worden. Jener verlangte, dass "Hamlet" ganz und unzerstückt aufgeführt werden sollte, und dieser liess sich das wunderliche Begehren insofern gefallen, als es möglich sein würde. Nun hatten sie hierüber bisher manchen Streit gehabt, denn was möglich oder nicht möglich sei, und was man von dem Stück weglassen könne, ohne es zu zerstükken, darüber waren beide sehr verschiedener Meinung.
Wilhelm befand sich noch in den glücklichen zeiten, da man nicht begreifen kann, dass an einem geliebten Mädchen, an einem verehrten Schriftsteller irgend etwas mangelhaft sein könne. Unsere Empfindung von ihnen ist so ganz, so mit sich selbst übereinstimmend, dass wir uns auch in ihnen eine solche vollkommene Harmonie denken müssen. Serlo hingegen sonderte gern und beinah zu viel; sein scharfer Verstand wollte in einem Kunstwerke gewöhnlich nur ein mehr oder weniger unvollkommenes Ganze erkennen. Er glaubte, so wie man die Stücke finde, habe man wenig Ursache, mit ihnen so gar bedächtig umzugehen, und so musste auch Shakespeare, so musste besonders "Hamlet" vieles leiden.
Wilhelm wollte gar nicht hören, wenn jener von der Absonderung der Spreu von dem Weizen sprach. "Es ist nicht Spreu und Weizen durcheinander", rief dieser, "es ist ein Stamm, Äste, Zweige, Blätter, Knospen, Blüten und Früchte. Ist nicht eins mit dem andern und durch das andere?" Jener behauptete, man bringe nicht den ganzen Stamm auf den Tisch; der Künstler müsse goldene Äpfel in silbernen Schalen seinen Gästen reichen. Sie erschöpften sich in Gleichnissen, und ihre Meinungen schienen sich immer weiter voneinander zu entfernen.
Gar verzweifeln wollte unser Freund, als Serlo ihm einst nach langem Streit das einfache Mittel anriet, sich kurz zu resolvieren, die Feder zu ergreifen und in dem Trauerspiele, was eben nicht gehen wolle noch könne, abzustreichen, mehrere Personen in eine zu drängen, und wenn er mit dieser Art noch nicht bekannt genug sei oder noch nicht Herz genug dazu habe, so solle er ihm die Arbeit überlassen, und er wolle bald fertig sein.
"Das ist nicht unserer Abrede gemäss", versetzte Wilhelm. "Wie können Sie bei so viel Geschmack so leichtsinnig sein?"
"Mein Freund", rief Serlo aus, "Sie werden es auch schon werden! Ich kenne das Abscheuliche dieser Manier nur zu wohl, die vielleicht noch auf keinem Teater in der Welt stattgefunden hat. Aber wo ist auch eins so verwahrlost als das unsere? Zu dieser ekelhaften Verstümmelung zwingen uns die Autoren, und das Publikum erlaubt sie. Wieviel Stücke haben wir denn, die nicht über das Mass des Personals, der Dekorationen und Teatermechanik, der Zeit, des Dialogs und der physischen Kräfte des Akteurs hinausschritten? und doch sollen wir spielen, und immer spielen, und immer neu spielen. Sollen wir uns dabei nicht unsers Vorteils bedienen, da wir mit zerstückelten Werken eben soviel ausrichten als mit ganzen? Setzt uns das Publikum doch selbst in den Vorteil! Wenig Deutsche, und vielleicht nur wenige Menschen aller neuern Nationen, haben Gefühl für ein ästetisches Ganze; sie loben und tadeln nur stellenweise; sie entzücken sich nur stellenweise; und für wen ist das ein grösseres Glück als für den Schauspieler, da das Teater immer nur ein gestoppeltes und gestückeltes Wesen bleibt."
"Ist!" versetzte Wilhelm; "aber muss es denn auch so bleiben, muss denn alles bleiben, was ist? Überzeugen Sie mich ja nicht, dass Sie recht haben; denn keine Macht in der Welt würde mich bewegen können, einen Kontrakt zu halten, den ich nur im gröbsten Irrtum geschlossen hätte."
Serlo gab der Sache eine lustige Wendung und ersuchte