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an Erfahrung fehle, und er legte daher auf die Erfahrung anderer und auf die Resultate, die sie daraus mit Überzeugung ableiteten, einen übermässigen Wert und kam dadurch nur immer mehr in die Irre. Was ihm fehlte, glaubte er am ersten zu erwerben, wenn er alles Denkwürdige, was ihm in Büchern und im Gespräch vorkommen mochte, zu erhalten und zu sammeln unternähme. Er schrieb daher fremde und eigene Meinungen und Ideen, ja ganze gespräche, die ihm interessant waren, auf und hielt leider auf diese Weise das Falsche so gut als das Wahre fest, blieb viel zu lange an einer idee, ja man möchte sagen an einer Sentenz hängen, und verliess dabei seine natürliche denke- und Handelsweise indem er oft fremden Lichtern als Leitsternen folgte. Aureliens Bitterkeit und seines Freundes Laertes kalte Verachtung der Menschen bestachen öfter, als billig war, sein Urteil; niemand aber war ihm gefährlicher gewesen als Jarno, ein Mann, dessen heller Verstand von gegenwärtigen Dingen ein richtiges, strenges Urteil fällte, dabei aber den Fehler hatte, dass er diese einzelnen Urteile mit einer Art von Allgemeinheit aussprach, da doch die Aussprüche des Verstandes eigentlich nur einmal, und zwar in dem bestimmtesten Falle gelten und schon unrichtig werden, wenn man sie auf den nächsten anwendet.

So entfernte sich Wilhelm, indem er mit sich selbst einig zu werden strebte, immer mehr von der heilsamen Einheit, und bei dieser Verwirrung ward es seinen Leidenschaften um so leichter, alle Zurüstungen zu ihrem Vorteil zu gebrauchen und ihn über das, was er zu tun hatte, nur noch mehr zu verwirren.

Serlo benutzte die Todespost zu seinem Vorteil, und wirklich hatte er auch täglich immer mehr Ursache, an eine andere Einrichtung seines Schauspiels zu denken. Er musste entweder seine alten Kontrakte erneuern, wozu er keine grosse Lust hatte, indem mehrere Mitglieder, die sich für unentbehrlich hielten, täglich unleidlicher wurden; oder er musste, wohin auch sein Wunsch ging, der Gesellschaft eine ganz neue Gestalt geben.

Ohne selbst in Wilhelmen zu dringen, regte er Aurelien und Philinen auf; und die übrigen Gesellen, die sich nach Engagement sehnten, liessen unserm Freunde gleichfalls keine Ruhe, so dass er mit ziemlicher Verlegenheit an einem Scheidewege stand. Wer hätte gedacht, dass ein Brief von Wernern, der ganz im entgegengesetzten Sinne geschrieben war, ihn endlich zu einer Entschliessung hindrängen sollte. Wir lassen nur den Eingang weg und geben übrigens das Schreiben mit weniger Veränderung.

Zweites Kapitel

"– So war es und so muss es denn auch wohl recht sein, dass jeder bei jeder gelegenheit seinem Gewerbe nachgeht und seine Tätigkeit zeigt. Der gute Alte war kaum verschieden, als auch in der nächsten Viertelstunde schon nichts mehr nach seinem Sinne im haus geschah. Freunde, Bekannte und Verwandte drängten sich zu, besonders aber alle Menschenarten, die bei solchen Gelegenheiten etwas zu gewinnen haben. Man brachte, man trug, man zahlte, schrieb und rechnete; die einen holten Wein und Kuchen, die andern tranken und assen; niemanden sah ich aber ernstafter beschäftigt als die Weiber, indem sie die Trauer aussuchten.

Du wirst mir also verzeihen, mein Lieber, wenn ich bei dieser gelegenheit auch an meinen Vorteil dachte, mich Deiner Schwester so hülfreich und tätig als möglich zeigte und ihr, sobald es nur einigermassen schicklich war, begreiflich machte, dass es nunmehr unsre Sache sei, eine Verbindung zu beschleunigen, die unsre Väter aus allzugrosser Umständlichkeit bisher verzögert hatten.

Nun musst Du aber ja nicht denken, dass es uns eingefallen sei, das grosse leere Haus in Besitz zu nehmen. Wir sind bescheidner und vernünftiger; unsern Plan sollst Du hören. Deine Schwester zieht nach der Heirat gleich in unser Haus herüber, und sogar auch Deine Mutter mit.

'Wie ist das möglich?' wirst Du sagen 'ihr habt ja selbst in dem Neste kaum Platz.' Das ist eben die Kunst, mein Freund! Die geschickte Einrichtung macht alles möglich, und Du glaubst nicht, wieviel Platz man findet, wenn man wenig Raum braucht. Das grosse Haus verkaufen wir, wozu sich sogleich eine gute gelegenheit darbietet; das daraus gelöste Geld soll hundertfältige Zinsen tragen.

Ich hoffe, Du bist damit einverstanden, und wünsche, dass Du nichts von den unfruchtbaren Liebhabereien Deines Vaters und Grossvaters geerbt haben mögest. Dieser setzte seine höchste Glückseligkeit in eine Anzahl unscheinbarer Kunstwerke, die niemand, ich darf wohl sagen niemand, mit ihm geniessen konnte; jener lebte in einer kostbaren Einrichtung, die er niemand mit sich geniessen liess. Wir wollen es anders machen, und ich hoffe Deine Beistimmung.

Es ist wahr, ich selbst behalte in unserm ganzen haus keinen Platz als den an meinem Schreibpulte, und noch sehe' ich nicht ab, wo man künftig eine Wiege hinsetzen will; aber dafür ist der Raum ausser dem haus desto grösser. Die Kaffeehäuser und Klubs für den Mann, die Spaziergänge und Spazierfahrten für die Frau und die schönen Lustörter auf dem land für beide. Dabei ist der grösste Vorteil, dass auch unser runder Tisch ganz besetzt ist und es dem Vater unmöglich wird, Freunde zu sehen, die sich nur desto leichtfertiger über ihn aufhalten, je mehr er sich Mühe gegeben hat, sie zu bewirten.

Nur nichts Überflüssiges im haus! nur nicht zu viel Möbeln, Gerätschaften, nur keine Kutsche und Pferde! Nichts als Geld, und dann auf eine vernünftige Weise jeden Tag getan, was dir beliebt. Nur keine Garderobe,