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bewahrt, und doch, wenn sie ihm nun begegnen, wenn sie sich ihm gleichsam aufdringen, erkennt er sie nicht und weicht vor ihnen zurück. Alles, was ich mir vor jener unglücklichen Nacht, die mich von Marianen entfernte, nur träumen liess, steht vor mir und bietet sich mir selbst an. Hierher wollte ich flüchten und bin sachte hergeleitet worden; bei Serlo wollte ich unterzukommen suchen, er sucht nun mich und bietet mir Bedingungen an, die ich als Anfänger nie erwarten konnte. War es denn bloss Liebe zu Marianen, die mich ans Teater fesselte? oder war es Liebe zur Kunst, die mich an das Mädchen festknüpfte? War jene Aussicht, jener Ausweg nach der Bühne bloss einem unordentlichen, unruhigen Menschen willkommen, der ein Leben fortzusetzen wünschte, das ihm die Verhältnisse der bürgerlichen Welt nicht gestatteten, oder war es alles anders, reiner, würdiger? Und was sollte dich bewegen können, deine damaligen Gesinnungen zu ändern? Hast du nicht vielmehr bisher selbst unwissend deinen Plan verfolgt? Ist nicht der letzte Schritt noch mehr zu billigen, da keine Nebenabsichten dabei im Spiele sind, und da du zugleich ein feierlich gegebenes Wort halten und dich auf eine edle Weise von einer schweren Schuld befreien kannst?"

Alles, was in seinem Herzen und seiner Einbildungskraft sich bewegte, wechselte nun auf das lebhafteste gegeneinander ab. Dass er seine Mignon behalten könne, dass er den Harfner nicht zu verstossen brauche, war kein kleines Gewicht auf der Waagschale, und doch schwankte sie noch hin und wider, als er seine Freundin Aurelie gewohnterweise zu besuchen ging.

Zwanzigstes Kapitel

Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie schien stille. "Glauben Sie noch morgen spielen zu können?" fragte er. "O ja", versetzte sie lebhaft; "Sie wissen, daran hindert mich nichts. – Wenn ich nur ein Mittel wüsste, den Beifall unsers Parterres von mir abzulehnen! sie meinen es gut und werden mich noch umbringen. Vorgestern dachte' ich, das Herz müsste mir reissen! Sonst konnte' ich es wohl leiden, wenn ich mir selbst gefiel; wenn ich lange studiert und mich vorbereitet hatte, dann freute ich mich, wenn das willkommene Zeichen, nun sei es gelungen, von allen Enden widertönte. jetzt sag' ich nicht, was ich will, nicht, wie ich's will; ich werde hingerissen; ich verwirre mich, und mein Spiel macht einen weit grösseren Eindruck. Der Beifall wird lauter, und ich denke: 'Wüsstet ihr, was euch entzückt! Die dunkeln, heftigen, unbestimmten Anklänge rühren euch, zwingen euch Bewunderung ab, und ihr fühlt nicht, dass es die Schmerzenstöne der Unglücklichen sind, der ihr euer Wohlwollen geschenkt habt.'

Heute früh hab' ich gelernt, jetzt wiederholt und versucht. Ich bin müde, zerbrochen, und morgen geht es wieder von vorn an. Morgen abend soll gespielt werden. So schlepp' ich mich hin und her; es ist mir langweilig, aufzustehen, und verdriesslich, zu Bette zu gehen. Alles macht einen ewigen Zirkel in mir. Dann treten die leidigen Tröstungen vor mir auf, dann werf' ich sie weg und verwünsche sie. Ich will mich nicht ergeben, nicht der notwendigkeit ergebenwarum soll das notwendig sein, was mich zugrunde richtet? Könnte es nicht auch anders sein? Ich muss es eben bezahlen, dass ich eine Deutsche bin: es ist der Charakter der Deutschen, dass sie über allem schwer werden, dass alles über ihnen schwer wird."

"O, meine Freundin", fiel Wilhelm ein, "könnten Sie doch aufhören, selbst den Dolch zu schärfen, mit dem Sie sich unablässig verwunden! Bleibt Ihnen denn nichts? Ist denn Ihre Jugend, Ihre Gestalt, Ihre Gesundheit, sind Ihre Talente nichts? Wenn Sie ein Gut ohne Ihr Verschulden verloren haben, müssen Sie denn alles übrige hinterdrein werfen? Ist das auch notwendig?"

Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie auf: "Ich weiss es wohl, dass es Zeitverderb ist, nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was hätte ich nicht tun können! tun sollen! Nun ist alles rein zu nichts geworden. Ich bin ein armes, verliebtes geschöpf, nichts als verliebt! Haben Sie Mitleiden mit mir, bei Gott, ich bin ein armes geschöpf!"

Sie versank in sich, und nach einer kurzen Pause rief sie heftig aus: "Ihr seid gewohnt, dass sich euch alles an den Hals wirft. Nein, ihr könnt es nicht fühlen, kein Mann ist imstande, den Wert eines Weibes zu fühlen, das sich zu ehren weiss! Bei allen heiligen Engeln, bei allen Bildern der Seligkeit, die sich ein reines, gutmütiges Herz erschafft, es ist nichts Himmlischeres als ein weibliches Wesen, das sich dem geliebten mann hingibt! Wir sind kalt, stolz, hoch, klar, klug, wenn wir verdienen, Weiber zu heissen, und alle diese Vorzüge legen wir euch zu Füssen, sobald wir lieben, sobald wir hoffen, Gegenliebe zu erwerben. O wie hab' ich mein ganzes Dasein so mit Wissen und Willen weggeworfen! Aber nun will ich auch verzweifeln, absichtlich verzweifeln. Es soll kein Blutstropfen in mir sein, der nicht gestraft wird, keine Faser, die ich nicht peinigen will. Lächeln Sie nur, lachen Sie nur über den teatralischen Aufwand von leidenschaft!"

Fern war von unserm Freunde