dadurch in noch vorteilhafterm Lichte erschienen, da Philipp Fürsprache für ihn tat, da sie sah, dass ihr Hauswesen und ihre weitläuftigen Handlungsgeschäfte einen Vorsteher und ihre Kinder einen Vater nötig hatten: konnte sie sich selbst nicht versagen, nach so vielen ausgestandenen Leiden glücklich zu werden.
Sie gab ihrem Anselm die Hand, um nun mit einem mann vereint zu leben, den sie liebte, den sie von ihrer ersten Jugend an geliebt hatte, nachdem sie solange hatte mit einem mann vereint leben müssen, den sie nicht lieben, nicht einmal hochachten konnte. Anselm sah jetzt alle seine Wünsche erfüllt; denn er ward mit einer Frau vereinigt, die er, je mehr er sie kennenlernte, verehren musste. Er ward vor sich selbst gedemütigt, wenn er ihre Tugend, ihre Bescheidenheit, ihre Entäusserung, die beständige Beobachtung ihrer Pflicht unter vielen Leiden mit seiner bisherigen Torheit und Unbeständigkeit unparteiisch verglich, aber er ward aufgerichtet und in guten Entschlüssen bestärkt durch ihr Beispiel. Der Mann wird gewiss nicht ganz niedrig und unweise handeln, der einer hochachtungswürdigen Frau gefallen will; denn die leiseste Besorgnis, ihre Liebe zu sich zu vermindern, lässt ihn nicht leicht einen Schritt von dem Wege zum Guten wanken. Sophie unterstützte ihn in dem Bestreben nach allem, was edel und gut ist; er sie in allen Vorfällen des Lebens. Ihre wechselseitige Liebe nahm zu, mit derselben ihr wechselseitiges Glück.
Die Beobachtung seiner Pflichten ward nun Anselms ernstaftes Bestreben. Die Handlung gehörte den Kindern erster Ehe und musste billig für sie erhalten werden. Unser Doktor schuf sich also ganz in einen Kaufmann um; aber er war jetzt weise genug geworden, nicht wieder seinen Einbildungen zu folgen und verbessern zu wollen, was er nicht genug verstand. Er folgte Philipps Rat, und demselben gemäss liess er die Handlung den Weg gehen, in den sie schon durch Verstand und Erfahrung geleitet war. Die fernere Führung und Verbesserung derselben überliess er den Komtorbedienten von geprüfter Treue, die in derselben länger gearbeitet hatten, und begnügte sich, sie fleissig im Allgemeinen zu übersehen und durch ihre Erfahrung seine eigenen Begriffe zu berichtigen.
Die Erziehung der Kinder seiner Frau und seiner eigenen hielt er für seine wichtigste Pflicht. Die heilige Mutter Kirche verstattet den Protestanten in Köln am Rheine nicht einmal, eine Schule zu haben. Sie will dadurch, schlau genug, dieselben nötigen, die Kinder bei den P. P. Jesuiten in die Schule zu schicken. Anselm hielt aber nichts von Jesuiten, selbst nicht, nachdem er den so gelehrten als aufgeklärten Abbé Spitzhaupt näher hatte kennen lernen. Um nun die Kinder in einer Schulgesellschaft zu erziehen, welches er der einsamen Privaterziehung weit vorzog, ward jenseits des Rheins, auf Pfälzischem grund, ein kleines Landgut gekauft, welches die Familie während dem schönsten Teile des Jahres bewohnte. Hier entstand unvermerkt ein wahres, nicht eingebildetes, Philantropin, weil die meisten protestantischen Familien aus Köln ihre Kinder dahin schickten. Hier arbeitete er und seine liebe Sophie an der Entwicklung der geistigen und körperlichen Kräfte der Kleinen, um sie unter Aufsicht würdiger Lehrer zu guten und brauchbaren Menschen zu bilden, und sie wurden doppelt glücklich durch ihre Liebe. Seine Manufakturkenntnisse nützte er, um für die Kinder im dorf eine Industrieschule anzulegen. Hier ward ihr Verstand, nach der Metode des edlen Rochow, zweckmässig gebildet, und sie lernten zugleich unter Aufsicht von Frau Sophien, ihren Fleiss von der ersten Jugend an in arbeiten zu üben, welche ihnen nützlich werden konnten und bis dahin in der dortigen Gegend lange nicht allgemein genug gewesen waren. Seine medizinischen Kenntnisse wendete er an, um nicht nur die Landleute zu besorgen, wenn sie krank waren, sondern auch, soviel möglich war, durch vernünftigen Rat, Krankheiten zu verhüten und nach und nach Vorurteile auszurotten, welche der Gesundheit schädlich sind, worauf er besonders schon in den beiden schulen sein Augenmerk richtete.
So fand er nun sein Glück darin, dass alles in seinem haus wohlging, dass ausser seinem haus, soweit sein natürlicher Wirkungskreis sich erstreckte, kein Armer ohne Arbeit, kein Hilfloser ohne Hilfe war und keine Träne floss, die er abtrocknen konnte. Kennt der Leser einen bessern Plan, das Leben froh zu geniessen, für einen reichen Mann, der keine bestimmten Geschäfte hat, und auch für den, welchem bestimmte Geschäfte noch Zeit zum edlen Vergnügen lassen: so sag er es an. Nur setzt ein solcher Plan Kenntnisse und Eigenschaften des Geistes und des Herzens voraus, die nicht jeder reiche Mann besitzt, aber billig bemüht sein sollte, von seiner ersten Jugend an zu erwerben. Auch will ein solcher Plan nicht etwa bloss in der Einbildungskraft gefasst und zierlich beschrieben sein, sondern er muss mit Ernst und Ausdauern ausgeführt werden, wofern wirklich dadurch das Leben beglückt werden soll.
Diese ernste Ausführung guter Entschlüsse fehlte unserm Anselm in der ersten Hälfte seines Lebens. Daher half ihm sein guter Wille sehr wenig und seine besten Kräfte gingen verloren: weil er das Gute wirklich zu tun allzu leichtsinnig und allzu gemächlich war und sich mit schönem Sprechen und schönen Einbildungen begnügte. Fühlte er sich ja eine Zeitlang glücklich: so ward er es durch andere, welche für ihn sorgten und selbst seinetwegen Entäusserungen ausübten, die er hingegen nie ausüben zu müssen glaubte.
Dass aber jeder Jüngling, der während seiner jugendlichen Jahre seine besten Kräfte im Taumel der Leidenschaften und des Leichtsinnes verschwendet, immer einen Philipp oder eine Sophie finden werde, durch die er aus den Verlegenheiten gezogen würde, in die ihn