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sie doch nicht würde hassen können, ein Vorwort einzulegen. Er stellte ihr vor, Anselm sei vorher schon in Elberfeld in der Praxis glücklich gewesen und sei daselbst noch in gutem Andenken; sie würden also beide von den Einkünften seiner Kunst in genügsamer Zufriedenheit leben können. Er versprach grossmütig, das Haus seines Freundes ganz einzurichten, und wünschte, sie als Anselms Gattin darin zu sehen. Diese Anerbietungen hätten verführerisch sein können für eine Frau, die wohl wusste, dass ihr Entschluss sie unglücklich machte. Sie wankte auch einen Augenblick. Aber sie sah ihre Kinder an, umarmte sie mit Tränen und er/klärte nun, sie bleibe fest bei dem, was sie beschlossen hätte. Philipp schwieg. Anselm musste ihren Edelmut bewundern, fühlte aber, dass durch ihn seine letzte Hoffnung, noch glückliche Tage zu erleben, verschwand. Hiffer, der durch seine Spione bald von allem Nachricht bekam, lachte innerlich, dass sein schlauer Anschlag von allen Seiten völlig gelungen war.

Neununddreissigster Abschnitt

Ehrenvolle Einladung, die Anselm erhielt, nebst dem, was dadurch veranlasst ward

Diese geschichte machte in der heiligen Stadt nicht wenig aufsehen. Jeder rechtschaffene Mann sah ein, dass Hiffer das vorteilhafte Testament auf irgendeine Art musste erschlichen haben, und verabscheute ihn um soviel mehr, da schon mancherlei unwürdige Praktiken von ihm bekannt waren. Aber Hiffer kehrte sich wenig an die Meinung der Rechtschaffenen. Er wusste sehr gut, dass dieselben allentalben in der Welt die geringsten an der Zahl sind, und ebenso gut wusste er, dass das Testament, welches ihm nebst dem Vermögen der Frau Sophie ihre person zusicherte, zu Rechte beständig war. Darauf kam es ihm allein an; alles Übrige, was man sagte oder nicht sagte, war ihm sehr gleichgültig. Man sprach in der Stadt auch sehr viel von unserm dicken mann. Es war noch in frischem Andenken, wie er sich plötzlich aus einem Kammerdiener der Frau Hummer in einen Doktor der Medizin verwandelt und den noch dickern Ratsherrn vom tod gerettet hatte, einen Ratsherrn, der in der Stadt allgemein beliebt war, welches nicht bei allen Ratsherren, dick oder mager, lang oder kurz, der Fall sein mag. Der Ruf von Anselms Anwesenheit und von seiner geschichte kam ganz natürlich auch zu den Ohren der Frau Ratsherrin Hummer, und das umso eher, da ihr Eheherr die geschichte mit dem Testamente als eine Neuigkeit vom rataus mitgebracht hatte. Frau Hummer empfand also Neugierde, unsern Anselm nun in einer andern Gestalt wiederzusehen.

Ihr Büreau d'Esprit war seit der Zeit sehr dünne geworden; und ohne ihren Eifer für das Schöne und Empfindsame, durch den sie einem unvermuteten Angriffe widerstand, wäre dasselbe vielleicht ganz zugrunde gegangen. Der geistlichen Obrigkeit, welcher ohnehin nichts verborgen bleiben kann, waren diese weltlichen Zusammenkünfte hinterbracht worden und zugleich, dass daselbst manche übellautenden, nach Ketzerei riechenden und sonst von der heil. Mutter Kirche nicht gebilligte Sätze vorgetragen würden. Es ward erst dem Herrn Ratsherrn Hummer ein stiller Wink gegeben, den er auch seiner Frau Gemahlin mitteilte, aber diese war nichts weniger als geneigt, sich danach zu richten, indem sie glaubte, in ihrem haus könne sie Gesellschaft halten, welche ihr beliebte. Dieser Irrtum hatte allerdings seinen Ursprung in der ketzerischen Erziehung ihrer Jugend, wodurch sie gehindert ward, in reifem Alter richtige Begriffe von der unumschränkten Gewalt der geistlichen Obrigkeit zu fassen. Da dieser Schritt vergebens war, wendete sich das geistliche Offizialat an den Abbé Spitzhaupt, als an den Beichtvater des Hauses, um dieses Übel abzustellen. Dieser Abbé bedachte zwar bei sich mit innerm Verdrusse, dass er eigentlich, nach den Privilegien seines Ordens von der ordentlichen bischöflichen Obrigkeit eximiert sein sollte, da der Orden aber noch nicht öffentlich wieder hergestellt war: so gab er lieber nach und versprach zu gehorsamen. Aus grosser Vorsicht aber und weil er schon wusste, wie sehr Frau Hummer auf ihr Büreau d'Esprit gesteuert war, sagte er ihr lieber nichts, hingegen versicherte er den Offizial persönlich, er habe sich alle Mühe gegeben, aber bei der verstockten Frau nichts ausrichten können. Er schlug nun vor, das Kürzeste würde sein, wenn er lieber sich selbst von Köln wegbegäbe; denn, weil die andern Mitglieder seines Ansehens wegen auf ihn hauptsächlich sähen, so würde die Sache nach seiner Abwesenheit alsdann von selbst aufhören. Dies ward genehmigt; und der fromme Mann nahm von Frau Hummer Abschied mit Bedauern unter vier Augen, dass es sein Schicksal sei, der geistlichen Gewalt weichen zu müssen. Freilich erfuhr man bald darauf, er habe in einem benachbarten Stifte eine reiche Pfründe erhalten, mit Beibehaltung der beiden, die er schon besass. Man wollte ihm nachsagen, er habe seine Nachgiebigkeit wegen des Bureau d'Esprit nur dazu angewendet, um diese Pfründe zu erhalten; das mag aber wohl nur eine falsche Nachrede gewesen sein, wie denn immer den so gelehrten und frommen Exjesuiten allerlei Böses nachgesagt wird!

Seine Freunde und Jünger, den Kanonikus Ofen und den Laien Wismut, nahm der Abbé Spitzhaupt mit sich an den Ort seines neuen Aufentaltes; denn es zeigte sich, dass er Mittel gefunden hatte, denselben auch ein paar gute Stellen daselbst auszumachen.

Den vier Mönchen ward nun von ihren Obern Kraft des geistlichen Gehorsams verboten, den Zusammenkünften weiter beizuwohnen, und Doktor Treter bekam einen Wink, der ihm genug war, um sich zurückzuziehen. Zwar konnte er nicht unterlassen, zuweilen noch Frau Hummer zu besuchen; auch fand Pater Innozentius, da er dieses merkte,